Spaethfolge 136 ( Gastautor werden )

Familientreffen in Kapstadt

05.06.2013 - 12:30 0 Kommentare

Einmal im Jahr treffen sich fast alle Airline-Chefs der Welt zu ihrem großen Konklave. Das ist ein Wanderzirkus mit manchmal seltsamen Ritualen und Charakteren. Diese Woche war ich in Kapstadt wieder mit dabei.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Das Ensemble besteht aus rund 700 Darstellern, die sich nur einmal im Jahr zur großen Aufführung treffen. Dafür reisen sie oft um die halbe Welt, um am Ende doch nur zwei Tage und Nächte in den immer gleichen Kongresszentren und Luxushotels die immer gleichen Rituale zu vollführen.

Es ist ein hochkarätiges Ensemble, die Chefs von rund 240 Linienfluggesellschaften aus allen Erdteilen, die sich in der International Air Transport Association (IATA) zusammengeschlossen haben. Dieser exklusive Altherrenclub der wichtigsten Airline-Lenker wurde usprünglich 1945 auf Kuba gegründet. Viele Jahrzehnte lang war die IATA der eiserne Wächter über heute absurd anmutende Tarifregeln, die sicherstellten, dass niemand das abgekartete Spiel dieses Hochpreiskartells unterlaufen konnte. Erst die zunehmende Liberalisierung machte diesem Tun bis Anfang der neunziger Jahre ein Ende.

Heute ist die IATA Interessenvertretung und Selbsthilfeorganisation der Linienflieger, so etwas wie der ADAC der Weltluftfahrt. Eine große Familie, alle kennen sich untereinander, und man versucht das Bild zu vermitteln, an einem Strang zu ziehen. Aber wie in jeder Großfamilie gibt es natürlich auch hier jede Menge Eitelkeiten, Alleingänge, Eifersüchteleien und kleine oder gar große Dramen. Nach außen allerdings treten die Branchenvertreter möglichst einmütig auf – und zumeist einschläfernd. „Wirf etwas auf mich, wenn ich einschlafen sollte“, bat mich am Montag Emirates-Chef Tim Clark, bevor er an einer Podiumsdiskussion teilnahm. Die wurde dann aber sogar recht unterhaltsam, weil sich die IATA immer hibbelige Schnellsprecher aus dem Fernsehen einkauft, um ihre trägen Mitglieder aufzumischen.

Diesmal leistete Richard Quest von CNN ganze Arbeit. Höhepunkt war seine Frage an die versammelte Runde von allmächtigen CEOs, wer denn von ihnen selbst twittern würde. Wenige nickten, Tim Clark und Akbar Al Baker von Qatar Airways dagegen schwenkten daraufhin beinahe triumphierend ihre Uralt-Handys, von denen Al Baker von seinen Lakaien sogar jeweils zwei hinterhergetragen bekommt. Also nix Twitter. Das war mir ausgesprochen sympathisch, hänge ich doch auch sehr an meinem Nokia-Museumsstück und verweigere mich bisher dem Smartphone. Das sei heute schon wieder cool, versicherte mir erst neulich ein junger Digital Native.

Tatsache ist jedenfalls, dass die allermeisten Airline-Chefs bis heute nicht auf Augenhöhe sind mit ihren Kunden, den Passagieren, bei der Nutzung von Social Media. Auch darüber wurde diesmal ganz fortschrittlich debattiert, und bei etlichen Airlines gibt es sogar einen „Social Media Officer“ wie bei LOT, der sich um die Deutungshoheit bei Twitter und Co kümmert.

Die jährliche IATA-Generalversammlung beweist zumindest, dass es nötig ist, sich noch von Angesicht zu Angesicht zu treffen, um voranzukommen. Das wiederum beweist die Notwendigkeit von Luftfahrt, die die Menschen zusammenbringt. Skype oder Videokonferenzen sind eben nicht dasselbe. Davon kann zum Beispiel Air Berlin ein Lied singen. Eher zufällig gelang es Joachim Hunold 2010 während der IATA-Tagung in Berlin, seine Firma unter das Dach der Oneworld-Allianz zu bringen.

Überhaupt war Berlin damals wegweisend – nicht nur weil es eine tolle Party im alten Terminal von Tempelhof gab, sondern auch weil Neil Armstrong, der erste Mensch auf dem Mond, einen beeindruckenden Auftritt hinlegte. Er starb im letzten Jahr – und ich schätze mich glücklich diese historische Figur dank der IATA noch persönlich erlebt zu haben.

Doch sowas ist leider die Ausnahme, meist spielt sich das offizielle soziale Leben dieser Veranstaltungen in seelenlosen und austauschbaren Hotel-Ballsälen ab. Oder in den sogenannten Hospitality Lounges von Luxushotels, wo große Flugzeughersteller die Delegierten mit Champagner und Whiskey umschmeicheln, schließlich sind ja alle Teilnehmer bestehende oder potenzielle Kunden.

Da brillieren dann mitten in der Nacht ansonsten stocksteife Airline-Granden schon mal als Alleinunterhalter. Oder ein Schwergewicht wie Vijay Mallya, indischer Bier-Magnat und Gründer der jetzt bankrotten Kingfisher Airlines, taucht auf und will wie vor einigen Jahren nachts um halb eins mit Airbus-Verkaufschef John Leahy über Jets verhandeln. Von manchen Events am Rande der IATA-Tagungen sprechen die Mitglieder der Großfamilie heute noch: Etwa vom Auftritt von Celine Dion 2005 in Vancouver, wo sogar mächtigste Airline-Bosse mit roten Wangen hinterher um Autogramme anstanden. Oder 2007 in Istanbul, als der deutsch-türkische Sänger Tarkan so über die Open Air-Bühne am Dolmabaçe-Palast rockte, dass sich das überwiegend angejahrte Publikum erschreckt die Ohren zuhielt.

In Kapstadt war dann wieder alles recht gesittet bis langweilig, aber für 2014 halten alle schon den Atem an. Dann ist Akbar Al Baker der Gastgeber in Katar. „Wie ich Akbar kenne, wird das eine der denkwürdigsten Versammlungen werden, die die IATA je hatte“, vermutete zum Abschied schon Delta-Chef Richard Anderson. Ich bin jetzt schon gespannt.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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