Eurowings gesteht Überforderung ein

19.07.2018 - 14:29 0 Kommentare

Eurowings-Operations-Chef Knitter nennt die Probleme der vergangenen Wochen, die zu Verspätungen und Ausfällen führten, eine "Katastrophe". Indes gibt es Neuigkeiten vom Streit mit 150 Reisebüros.

A320-Jet von Eurowings. - © © AirTeamImages.com - Daan van der Heijden

A320-Jet von Eurowings. © AirTeamImages.com /Daan van der Heijden

Die Lufthansa-Billigtochter Eurowings äußert sich mit ungewohnt scharfen Worten zu dem Verspätungschaos der vergangenen Wochen. So bezeichnet Operations-Chef Michael Knitter die Probleme im Gespräch mit dem Wirtschaftsmagazin "Capital" als "Katastrophe". Eurowings musste zwischen Januar und Juni fast 2600 Flüge streichen - zwölfmal so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Laut des Berichts räumte Knitter ein, dass Eurowings mit der Fülle an Problemen in den vergangenen Monaten überfordert war. "Ende Mai brach die Katastrophe über uns herein.“ Durch Fluglotsenstreiks, Unwetter und Staus im Luftraum seien die Abflugzeiten für manche Flüge über den Tag verteilt bis zu zehnmal vor- und zurückgeschoben worden.

Da sind wir komplett aus der Kurve geflogen.Michael Knitter, Operations-Chef von Eurowings

Dazu stellte sich die ambitionierte Wachstumsstrategie nach der Übernahme von Teilen der Air Berlin als Faktor heraus, der das flexible Reagieren auf Fluglotsenstreiks oder extreme Wetterverhältnisse erschwerte. Die Billigfluggesellschaft habe alle Reserven bis zum Anschlag ausgereizt – inklusive der zehn Maschinen, die das Unternehmen sonst stets als Puffer bereithält, heißt es.

Das alles kam mitten in unseren Integrationsprozess gerauscht. Die Ausmaße haben wir vielleicht unterschätzt.

Michael Knitter, Operations-Chef von Eurowings

Eurowings hat von Air Berlin unter anderem die Regionaltochter LGW mit ihren 20 Turboprop-Flugzeugen übernommen. Seit Dezember fliegt LGW auch Airbus-Jets; nach airliners.de-Informationen ist dieses Engagement aber nicht langfristig angelegt.

Eurowings verspricht Lösungen für Vertrieb

Vertreter des Deutsche Reiseverbandes (DRV) haben in einem Gespräch mit Eurowings den Umgang mit dem Reisevertrieb kritisiert. Nach Ansicht des Verbandes führe die hohe Anzahl von Flugstreichungen und Flugzeitenänderungen bei Eurowings seit mehreren Wochen zu einem "nicht mehr tragbaren Mehraufwand" im Reisevertrieb und auch bei den Reiseveranstaltern. Eurowings werde in einem zweiten Gespräch in Kürze mögliche Lösungen und Vorschläge für die künftige Zusammenarbeit mit dem Reisevertrieb präsentieren, teilte der DRV mit.

© Eurowings, Lesen Sie auch: Reisebüros protestieren gegen Eurowings-Ausfälle

Darüber hinaus heben weitere 50 Jets, die ehemals die Konkurrentin betrieben hatte, nun unter "EW"-Flugcode ab. Zudem musste Lufthansa zehn weitere Maschinen der früheren Air-Berlin-Tochter Niki an deren Nachfolgerin Lauda Motion vermieten. Diese will der Kranich nun zurück - bei Eurowings würde Bedarf bestehen, heißt es unter anderem zur Begründung.

Auch Airline-Chef Dirks wurde deutlich

Eurowings-Chef Thorsten Dirks hat in einem Interview am Wochenende ebenfalls offen und zugleich schonungslos dargelegt, dass die aktuellen Probleme auch mit der Übernahme von Air-Berlin-Teilen zusammenhängen würden. "Wir sind selbstkritisch genug, um zu sehen, dass wir bei diesem Integrationsprojekt hier und da zu ambitioniert waren."

© Eurowings, Lesen Sie auch: Air-Berlin-Übernahme war "teils zu ambitioniert"

Mit dem Ende des Flugbetriebs von Air Berlin gingen "von heute auf morgen mehr als 140 Flugzeuge aus dem Markt. Wir haben an erster Stelle dafür gesorgt, dass es nicht zu einem Kollaps des Luftverkehrs kam." Dennoch gehe das Transferieren der ehemals von der Pleite-Konkurrentin genutzten Flugzeuge nicht ohne Hürden.

Die laufende Übergangsphase ist ein Kraftakt, für den es keine Blaupause gibt.

Thorsten Dirks, Chef von Eurowings

Daten des internationalen Airline-Verbands Iata zeigen, dass Eurowings mit einem Problem kämpft, das aktuell die komplette Branche tangiert: Die Verspätungen im europäischen Luftverkehr hätten sich im ersten Halbjahr mehr als verdoppelt. Zwischen Januar und Juni seien die Flugzeuge pro Tag insgesamt um 47.000 Minuten verspätet gewesen, ein Plus von 133 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Die meisten Verzögerungen beruhten auf einem Kapazitäts- und Personalmangel. Die durchschnittliche Verspätung durch Engpässe bei der Flugkontrolle betrug laut Iata im Juli 20 Minuten, im Extremfall sogar fast sechs Stunden.

DFS äußert sich zu Kapazitätsausbau

Daten vom Eurocontrol-Monitoring-Tool Coda gibt es noch keine für Juni. Allerdings sprechen die Werte der Vormonate eine klare Sprache, nämlich dass sich die aus Flugsicherungsgründen entstandenen Verspätungen extrem gehäuft haben. Dies bestätigte auch DFS-Operations-Chef Robert Schickling im Gespräch mit airliners.de:

© DFS, Melanie Bauer Lesen Sie auch: "Die Branche steht unter Druck" Interview mit DFS-Operations-Chef Robert Schickling

Von: cs, pra
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