Zur Nummer drei in Europa braucht Eurowings noch viel Auftrieb

12.02.2016 - 10:32 0 Kommentare

Lufthansa hat sich ein ambitioniertes Ziel gesteckt: Eurowings soll die drittgrößte Billigairline Europas werden. Hinter den Low-Cost-Riesen Ryanair und Easyjet kämpfen aber gleich mehrere potente Konkurrenten um Anschluss.

Marketing-Motiv der Eurowings. - © © Eurowings -

Marketing-Motiv der Eurowings. © Eurowings

Lange hat die Lufthansa Group im Billigflugmarkt gezögert, jetzt will sie schnell aufholen. Unter der neuen Billigflugmarke Eurowings sollen schon bald mehr als 100 Flugzeuge abheben und der Lufthansa so die drittgrößte Billigairline Europas bescheren.

Nachdem sich die Verkehrszahlen des Eurowings-Vorgängers Germanwings bislang stets in der Gesamtausweisung versteckten, hat Lufthansa jetzt erstmals konkrete Zahlen für ihre Low-Cost-Aktivitäten veröffentlicht. Die Januar-Ausweisung lässt so einen ersten umfangreicheren Vergleich der Eurowings mit anderen Billigfliegern zu.

In Sachen Auslastung ganz hinten

Demnach konnten die Airlines, die unter der Marke Eurowings fliegen, im Januar genau eine Million Passagiere befördern. Lufthansa weist sogar die Langstreckenangebote separat aus: Mit 52.000 Passagieren ist dieser Bereich allerdings noch überschaubar. Auffallend gut ist allerdings die Auslastung auf den billigen Langstreckenflügen: Fast 96 Prozent sind ein weit überdurchschnittlicher Wert – gerade wenn man die Auslastung der Eurowings-Kurzstrecke von gerade einmal 64 Prozent vergleicht. Insgesamt ergibt sich eine Auslastung von 72 Prozent.

Damit kommen wir zum ersten Vergleich der größeren Low-Cost-Konkurrenten in Europa: Bis auf Eurowings und die IAG-Tochter Vueling kommen in Sachen Sitzladefaktor alle Airlines auf Werte von zum Teil weit über der 80-Prozent. Das ist durchaus bedeutend, ist doch gerade im Low-Cost-Segment die Auslastung für die Profitabilität ein extrem wichtiger Indikator. Und genau beim Load Factor liegt Eurowings noch ganz hinten:

Auslastung Januar 2016
Auslastung in Prozent
Ryanair 88.0
Easyjet 85.1
Transavia 83.8
Wizz Air 83.5
Norwegian 81.7
Vueling 75.7
Eurowings 72.1

Quelle: Angaben der Fluggesellschaften

Unterschiedliche Datenbasis

Klassischerweise gilt eine Betrachtung von Available beziehungsweise Revenue Passenger Kilometers (ASK/RPK) als Basis für die Transportleistung von Fluggesellschaften. Die Zahlen geben an, wie viele Passagierkilometer im Betrachtungszeitraum zur Verfügung standen und wie viele tatsächlich verkauft wurden. Das Verhältnis ergibt die Auslastung in Prozent.

Ryanair und Easyjet geben diese Werte nicht an. Sie verweisen stattdessen auf Passagierzahlen, wobei auch hier der Vergleich hinkt: Während klassische Airlines in der Regel nur solche Passagiere zählen, die auch tatsächlich geflogen sind, legen Ryanair und Easyjet die Anzahl der gebuchten Tickets zugrunde.

Die Auslastung errechnen Ryanair und Easyjet dann auf Basis der gebuchten Tickets in Beziehung zu den verfügbaren Sitzplätzen. Da gerade bei Low-Cost-Airlines ein nicht zu unterschätzender Kundenanteil ihre gebuchten Flüge nicht antritt, können bei solchen Berechnungen Sitzladefaktoren von über 100 Prozent erreicht werden.

Das Verfolgerfeld wirkt weit abgeschlagen

Schaut man sich Flottengröße, Sitzplatzkapazität und Transportleistung an, wird schnell klar: An die Marktdominanz der beiden Großen in Europa kommt keine andere Billigairline so schnell heran. Auch wenn leider nicht alle Fluggesellschaften ihre Berechnungen auf derselben Datenbasis vornehmen und auch nicht alle Airlines alle Werte angeben, ergibt sich ein recht interessantes Bild. Ryanair ind Easyjet führen deutlich, danach gibt es ein dichtes Verfolgerfeld.

So führt Ryanair bei den Passagieren mit weitem Abstand: 7,5 Millionen verkaufte Tickets im Januar sind eine klare Ansage. Das Wachstum ist es auch: 25 Prozent mehr Kunden hatte die größte Low-Cost-Airline Europas im Vergleich zum Januar 2015. Easyjet wächst auch, wenn auch mit 6,3 Prozent vergleichsweise behäbig. Immerhin kam die zweitgrößte Billigairline auf 4,3 Millionen Kunden im Januar.

Passagierzahlen Januar 2016
Passagiere
Ryanair 7.48
Easyjet 4.28
Norwegian 1.76
IAG* 1.7
Wizz Air 1.52
Eurowings 1.0
Transavia 0.53

Quelle: Angaben Fluggesellschaften inkl. jeweiliger nationaler Ableger
*) Vueling und Iberia Express (eigene Schätzung auf Basis RPK/Kapazitäten)

Die Ryanair- und Easyjet-Konkurrenz liegt dagegen dicht beieinander. Auf Platz drei kommt derzeit Norwegian, die im Januar knapp 1,8 Millionen Passagiere beförderte. Auch wenn die IAG keine Passagierzahlen für ihre Biligflieger Vueling und Iberia Express ausweist, so dürften diese beiden zusammen auf ungefähr die gleiche Passagierzahl kommen.

Noch vor Eurowings mit einer Million Passagieren im Januar folgt auf Platz fünf zunächst noch Wizz Air mit 1,5 Millionen Fluggästen. Um Eurowings auf Platz sechs aber nicht das Schlusslicht zu überlassen, soll auch Transavia nicht unerwähnt bleiben: Mit rund 500.000 Passagieren im Januar ist die Air-France/KLM-Billigairline die kleinste unter den großen europäischen Billigfliegern.

Das gleiche Bild zeigt sich auch beim Vergleich der Sitzplatzkapazitäten. Ryanair etwa fliegt mit über 300 Flugzeugen durch Europa. Alle Flugzeuge haben 189 Sitze, was eine Gesamtkapazität von rund 62.000 ergibt. Easyjet hat rund 60 Maschinen weniger, wobei die durchschnittliche Sitzplatzkapazität bei nur 166 liegt.

Vueling und Norwegian kommen aktuell auf jeweils 100 Maschinen. Die Langstreckenflotte der Norweger beschert der Airline mit 194 derweil die größte durchschnittliche Sitzplatzkapazität. Eurowings hat Zugriff auf immerhin insgesamt 90 Flieger. Wegen der noch großen Anzahl kleinerer Regionaljets und nur wenigen Langstreckenfliegern in der Flotte kommt sie bei der Sitzplatzkapazität im Durchschnitt aber auf nur 156 pro Flugzeug. Damit bildet Eurowings auch hier das Schlusslicht.

Flottengrößen
Anzahl Flugzeuge
Ryanair 327
Easyjet 262
Norwegian 100
Vueling 101
Eurowings 90
Wizz Air 66
Transavia 50
Durchschnittliche Sitzplatzkapazität
Sitzplatzkapazität pro Flugzeug
Norwegian 194
Ryanair 189
Vueling 181
Wizz Air 182
Transavia 182
Easyjet 166
Eurowings 156

Quelle: ch-aviation, Stand 11.02.2016

Flottenwachstum und Expansion ist beschlossen

Dabei ist der Startschuss für eine Flotteerweiterung bei Eurowings bereits gefallen: Insgesamt 19 Airbus A320 will die Lufthansa allein im laufenden Jahr an ihre neue Billigairline übergeben. Die neuen Flugzeuge der neuen Eurowings werden in Österreich registriert, sollen aber in ganz Europa eingesetzt werden. Damit setzt Lufthansa auf eine Fluggesellschaft mit österreichischer Betriebslizenz und Basen in verschiedenen Ländern.

© Lufthansa, Lesen Sie auch: Lufthansa-Flotte steht 2016 vor großen Veränderungen

Dieses Prinzip ist bei europäischen Low-Cost-Carriern durchaus üblich und durch den EU-Open-Sky möglich: Ryanair-Maschinen zum Beispiel sind mit irischer Kennung an rund 80 Basen in ganz Europa stationiert, auch wenn sie Irland gar nicht anfliegen.

Auch Easyjet hat zahlreiche Basen in ganz Europa und einen schweizerischen Ableger, die spanische Vueling fliegt von Standorten in Italien, Frankreich und Großbritannien und Norwegian betreibt mit der Eröffnung ihrer ersten Italien-Basis schon Standorte in sechs Ländern. Transavia, von der es bereits eine niederländische und eine französische Version gibt, expandiert ebenfalls aus ihren Heimatmärkten - und zwar mit einer Station in Deutschland.

© Transavia, Interview mit Transavia-CEO Mattijs ten Brink: "Low-Cost ist nach wie vor unterrepräsentiert in München"

Mit einem ist Lufthansa allerdings in der Tat recht innovativ: Neben der eigentlichen neuen Eurowings mit Sitz in Österreich helfen nämlich etliche andere Airlines aus dem Lufthansa-Verbund. Bereits heute fliegen die "alte" Eurowings, Germanwings und Sunexpress Deutschland für die Markenplattform.

Weitere Fluggesellschaften sollen folgen und ebenfalls Flugzeuge im Auftrag der neuen Eurowings betreiben. Ein heißer Kandidat aus dem Lufthansa-Beteiligungskonglomerat ist etwa Brussels Airlines. Und so kann es mit dem schnellen Wachstum für Eurowings durchaus klappen.

Dennoch machen die gezogenen Vergleiche deutlich, wie ambitioniert der Weg zur Nummer drei in Europa für die neue Lufthansa-Tochter noch ist, gerade vor dem Hintergrund, dass natürlich auch die Konkurrenz nicht schläft. So haben Wizz Air, Vueling und Norwegian jeweils hunderte neue Flugzeuge geordert.

Von: dh
Interessant? Beitrag weiterempfehlen:

Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Nachrichtennewsletter.

Anzeige schalten »
Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Lufthansa Jobs
Mehr Stellenangebote » Mehr Luftfahrt-Trainings »
Anzeige schalten »