Europas Luftverkehr befindet sich weiter im Aufwind

05.01.2016 - 13:41 0 Kommentare

Europas Himmel hängt für die Luftverkehrsindustrie derzeit voller Geigen. Nicht nur der günstige Sprit hilft, Kosten zu sparen. Doch offene Baustellen gibt es auch, beispielweise bei Lufthansa und Air Berlin. Ein Ausblick auf 2016:

Reisende stehen am Flughafen Stuttgart an einer Anzeigetafel. - © © dpa - Wolfram Kastl

Reisende stehen am Flughafen Stuttgart an einer Anzeigetafel. © dpa /Wolfram Kastl

Dauerstreiks, Terror-Angst und das Germanwings-Unglück mit 150 Toten: Das Jahr 2015 war für die europäische Luftfahrtindustrie nicht einfach. Trotzdem strotzt die Branche vor Zuversicht wie schon seit Jahren nicht mehr. Dauerhaft billiges Kerosin und die halbwegs stabile Konjunktur werden auch in diesem Jahr in Europa für eine steigende Nachfrage sorgen, sind sich die Experten sicher. Die Ticketpreise gehen weiter zurück.

Wie sind die wirtschaftlichen Aussichten der Luftverkehrsbranche?

Nach etlichen mauen Jahren strotzt die Industrie aktuell vor Optimismus. Dank des billigen Kerosins können Fluggesellschaften für 2015 und 2016 mit so viel Gewinn rechnen wie noch nie, erwartet der Airlineverband Iata. Die Europäer sollten von den für 2015 weltweit erwarteten 36,3 Milliarden Dollar (33 Milliarden Euro) Gewinn mit 8,6 Milliarden Dollar (7,8 Milliarden Euro) ein knappes Viertel auf sich vereinen.

© dpa, Andreas Gebert Lesen Sie auch: Sinkende Ölpreise bescheren der Branche satte Gewinne

Die Lufthansa rechnet für 2015 mit einem operativen Rekordgewinn von fast zwei Milliarden Euro an. An den stabilen Prognosen haben auch die Terroranschläge von Paris nichts geändert. Air France registrierte zwar eine schwächere Nachfrage nach Flügen in die französische Hauptstadt, sieht aber ihre Jahresziele nicht gefährdet.

Ticketpreise sanken zuletzt kontinuierlich

Der in Europa vom starken Dollar abgeschwächte Preisvorteil aus dem Kerosin wird offenbar nicht im vollen Umfang an die Fluggäste weitergegeben, aber dennoch sanken die Ticketpreise zuletzt kontinuierlich. Die Durchschnittspreise sind laut IATA im vergangenen Jahr um fast zwölf Prozent gefallen. 2016 soll das weltweite Passagieraufkommen wie schon 2015 erneut um knapp sieben Prozent wachsen.

Einige Gesellschaften nutzen die günstige Kostensituation zum Ausbau ihrer Netze, so dass neue Verbindungen zu Kampfpreisen angeboten werden. Schwache Airlines können sich weiter am Markt halten und ihre eigentlich ineffizienten Flugzeuge mit hohem Spritverbrauch weiter betreiben.

Marke Lufthansa hat Kratzer bekommen

Die Piloten- und Flugbegleiterstreiks haben der Lufthansa ganz sicher geschadet. Neben dem materiellen Schaden von noch einmal 270 Millionen Euro hat auch die bislang ikonische Kranich-Marke erhebliche Kratzer bekommen, wie Marketingchef Alexander Schlaubitz jüngst in einem Interview einräumte.

Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit sind Werte, die Kunden nach fast zwei Jahren immer wiederkehrender Streiks nicht mehr sofort mit Lufthansa verbinden. Unter dem Strich können aber sowohl die Kerngesellschaft als auch der Konzern als Ganzes für 2015 mit erneuten Passagierrekorden rechnen.

Billigflieger weiter auf Wachstumskurs

Die Billigflug-Riesen Ryanair und Easyjet setzen ihren Expansionskurs ungebremst vor. Allein Ryanair hat zu seinen bereits 316 Fliegern in den kommenden Jahren weitere 380 Maschinen geordert und will im Jahr 2024 rund 180 Millionen Fluggäste transportieren (aktuell 105 Millionen). Wichtigster Wachstumsmarkt ist Deutschland, wo die Iren aktuell noch die Nummer drei hinter Lufthansa und Air Berlin sind.

Mit optimierten Kosten und schnellen Umläufen haben sie den Platzhirschen einiges voraus, wenngleich einige Experten das Geschäftsmodell für ausgereizt halten. Tatsächlich nähern sich die Billigflieger mit zusätzlichem Service den traditionellen Netz-Carriern an und bringen sich zudem als Zulieferer zu den Drehkreuzen der Langstreckler ins Gespräch.

Welche Rolle kann die Lufthansa-Billigtochter Eurowings spielen?

Wie Air France mit der Transavia und die British-Airways-Mutter IAG mit der Vueling versucht auch Lufthansa ein eigenes, möglichst europaweites Billigangebot in die Luft zu bekommen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr kann dabei auf die erfolgreich gestartete Germanwings zurückgreifen, die wie andere Fluggesellschaften auch ab 2016 unter der neuen Eurowings-Dachmarke fliegen wird.

Zusätzliche Flieger siedelt die Lufthansa bei Gesellschaften außerhalb des deutschen Tarifrechts an und erreicht zumindest für sie ein konkurrenzfähiges Kostenniveau. Unter Eurowings-Flagge könnten auch angeschlagene Airlines mit Lufthansa kooperieren, ohne dass sie gleich übernommen werden müssten. Zudem testet die Gesellschaft als eine der ersten das Billigkonzept auf der Langstrecke zu vorwiegend touristischen Zielen.

© dpa, Marijan Murat Lesen Sie auch: Rekorde, Rekorde, Rekorde!

Bei Air Berlin machen Codeshare-Verbindungen mit der die arabischen Etihad weiter Probleme. Das Bundesverkehrsministerium hält die Doppelvermarktung für nicht gedeckt durch das Luftverkehrsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und will sie daher nicht erneut genehmigen. Laut Air Berlin bringt das aber 140 Millionen Euro zusätzlichen Umsatz, ohne die die Existenz der deutschen Nummer zwei gefährdet sei. Finanzier Etihad könnte zudem das Interesse an Air Berlin verlieren.

Wie ändert sich die europäische Politik gegenüber den Golf-Airlines?

EU-Verkehrs-Kommissarin Violeta Bulc will die europäische Luftverkehrswirtschaft besser gegen unfaire Konkurrenz schützen. Von Wettbewerbern etwa vom arabischen Golf will sie künftig soziale Standards und den Verzicht auf staatliche Subventionen einfordern. Druckmittel sind die Start- und Landerechte, die künftig nicht mehr von den Nationalstaaten, sondern von der EU zentral ausgehandelt werden sollten. Doch schon darüber sind sich die EU-Mitglieder nicht einig.

Von: Christian Ebner, dpa, gk

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