Boeing steht vor 737-Max-Klagewelle

29.03.2019 - 12:01 0 Kommentare

Auf eine erste Klage zum Ethiopian-Absturz könnten rasch weitere folgen, die Boeing empfindlich treffen könnten. Denn nicht nur Angehörige melden Ansprüche an. Die Zertifizierung der 737 Max könnte sogar zum Kriminalfall werden.

Mike Sinnett, Entwicklungschef von Boeing, spricht bei einer Pressekonferenz zu einem Sicherheits-Update für den Flugzeugtyp 737 Max. - © © dpa - Ted S. Warren/AP

Mike Sinnett, Entwicklungschef von Boeing, spricht bei einer Pressekonferenz zu einem Sicherheits-Update für den Flugzeugtyp 737 Max. © dpa /Ted S. Warren/AP

Der US-Flugzeugbauer Boeing ist nach dem Absturz der 737 Max in Äthiopien von den Angehörigen eines Todesopfers vor einem US-Gericht verklagt worden. Wie aus der Klageschrift hervorgeht, fordern die Kläger Schadenersatz wegen eines angeblichen Defekts der Unglücksmaschine.

Eine Stellungnahme von Boeing lag zunächst nicht vor. Eine Boeing-Sprecherin sagte auf Nachfrage, der Konzern könne sich zu dem Rechtsstreit nicht äußern. "Wir sprechen den Angehörigen unser tiefstes Mitgefühl aus." Boeing unterstütze weiter die Ermittlungen zur Unfallursache und arbeite mit den zuständigen Behörden zusammen.

© Southwest Airlines, Ashlee Duncan Smith Lesen Sie auch: US-Regierung stellt Zulassung für Boeing 737 Max in Frage

Unfälle mit Todesopfern stets juristisch heikel

Der Konzern steht nach den zwei Abstürzen seines neuen Kassenschlagers 737 Max massiv in der Kritik und könnte sich Beobachtern zufolge nun einer Klagewelle und empfindlichen Schadenersatzforderungen ausgesetzt sehen. Im US-Rechtssystem sind Sammelklagen gegen Unternehmen Alltag und bedeuten für diese oftmals großen Ärger, da sie mit großem finanziellen Einsatz und langem Atem der Kläger durchgefochten werden können.

Ende Oktober war bereits eine baugleiche und ebenfalls fast werksneue 737 Max 8 in Indonesien abgestürzt, hier folgten bereits etliche ähnliche Klagen. Laut Unfallermittlern spielte eine für die neue Baureihe entwickelte Steuerungssoftware (MCAS) eine entscheidende Rolle beim Crash in Indonesien. Auch beim Unglück in Äthiopien gilt sie als mögliche Ursache.

Im aktuellen Fall werfen die Kläger Boeing nicht nur technische Unzulänglichkeiten der Unglücksmaschine vor, sondern auch, dass der US-Luftfahrtriese nicht ausreichend vor den Risiken des Flugzeugs gewarnt und so Menschenleben gefährdet hat, indem das neue MCAS-Trimmsystem nicht redundant ausgelegt war und darüber hinaus mehr Autorität über die Steuerung der Maschine hatte, als bei der Zertifizierung zunächst angegeben.

Das MCAS Softwareupdate

Die zwei AOA-Sensoren der Boeing 737 Max Foto: Boeing

Boeing hat am 28. März Einzelheiten zu den Änderungen seiner umstrittenen Flugsteuerungs-Software MCAS für die 737 Max vorgestellt:

  • MCAS gleicht von nun die Daten beider AOA-Sensoren (sie messen den Anstellwinkel) ab, bevor es aktiv wird. Wenn die Daten mehr als 5,5 Prozent voneinander abweichen, bleibt das System inaktiv. Hinzu kommt eine Disagree-Anzeige im Cockpit, die im Cockpit vor fehlerhaften Daten warnt.
  • MCAS greift nicht mehr so stark in die Trimmung des Höhenruders ein, dass die Piloten nicht mehr manuell gegensteuern können.
  • MCAS reagiert künftig nur mit einem einmaligen Steuerbefehl auf einen zu hohen Anstellwinkel und nicht wiederholt. So kann ein erratisches Flugprofil wie beim Lion-Air-Absturz verhindert werden.
  • Mehr Informationen zur Änderung der 737-Max-Flugsteuerung auf der Boeing-Webseite

Trotz umfangreicher Änderungen am automatischen Trimmsystem weist Boeing Vorwürfe, wonach die MCAS-Software ein Risiko war, über das Airlines nicht ausreichend informiert wurden, weiter zurück. Doch rechtlich gesehen ist die Angelegenheit laut dpa auch so schon heikel genug. Die Schadenersatzverfahren der Hinterbliebenen, wie die nun in Illinois eingereichte Klage, dürften einen wesentlichen Teil des juristischen Nachspiels ausmachen.

Dieses ist bei Unfällen mit Todesopfern stets eine empfindliche Angelegenheit, denn letztlich feilschen Anwälte beider Seiten hier darum, wie Menschenleben finanziell abzugelten sind. Boeing könnte dabei aber noch größere Probleme bekommen. Denn sollte sich der Verdacht bestätigen, dass eine hausgemachte fehlerhafte Software der entscheidende Faktor bei den Abstürzen war, so bekäme der Fall rechtlich eine ganz andere Dimension.

Zertifizierung der 737 Max könnte zum Kriminalfall werden

In diesem Fall könnten US-Gerichte eine viel weitreichendere Haftung feststellen und sogenannten Strafschadenersatz verhängen, mit dem im US-Recht besonders schwerwiegende Fälle über den erlittenen Schaden hinaus sanktioniert werden. Bei Unternehmen ist dieses Instrument gefürchtet, auch aus versicherungstechnischen Gründen.

Boeing drohen aber noch weitere Prozessrisiken. So trommeln schon seit Wochen US-Kanzleien, die sich auf Sammelklagen spezialisiert haben, Mandanten zusammen, die nach den Abstürzen Kursverluste mit Boeing-Aktien erlitten haben. Hinzu kommen potentielle Schadenersatzklagen von Fluggesellschaften, die ihre Boeing 737 Max auf absehbare Zeit nicht einsetzen können und sich nun teuer Ersatz beschaffen müssen.

Darüber hinaus muss Boeing trotz seines traditionell engen Drahts zur US-Regierung auch die staatlichen Strafverfolger fürchten. Der Konzern wird verdächtigt, bei der Zulassung der Unglücksflieger Informationen unterschlagen zu haben, was die Angelegenheit zum Kriminalfall machen würde.

Laut US-Medien hat sich die Bundespolizei FBI auch schon in die Ermittlungen im Zusammenhang mit der Zertifizierung der 737 Max eingeschaltet. An deren Spitze soll die strafrechtliche Abteilung des Justizministeriums stehen, die immer wieder mit hohen Strafen für Unternehmen von sich reden macht.

Vorläufiger Abschlussbericht macht MCAS für Absturz in Äthiopien verantwortlich

Unterdessen konzentrieren sich die US-Ermittler bei der Suche nach den Unfallursachen einem Zeitungsbericht zufolge weiter auf das Trimmsystem MCAS. Einem vorläufigen Abschlussbericht zufolge war das System kurz vor dem Unglück eingeschaltet worden, wie das "Wall Street Journal" berichtete. Die Ermittler beziehen sich demnach auf die Auswertung des Flugschreibers.

© dpa, Andrew Harnik/AP Lesen Sie auch: US-Senat wirft FAA mangelnde Kontrolle bei Neuzertifizierungen vor

Es handelt sich dem Bericht zufolge um den bislang wichtigsten Hinweis darauf, dass eine Fehlfunktion des Trimmsystems zu den Abstürzen der Boeing-Maschinen in Äthiopien und Indonesien geführt hatte. Fachleute der US-Regierung hatten demnach während der vergangenen Tage Material der äthiopischen Regierung ausgewertet und die Schlüsse der US-Luftfahrtbehörde FAA am Donnerstag vorgelegt. Die Ermittlungen sind jedoch noch nicht abgeschlossen.

Von: dk mit dpa
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