Flug 4U9525: Warum sich die Ermittler so sicher sind

27.03.2015 - 14:29 0 Kommentare

Die französische Staatsanwaltschaft hat den Ersten Offizier der Germanwings-Maschine des Mordes beschuldigt - und das relativ kurz nach dem Absturz. Warum sich die Ermittler so sicher sind.

Flugzeugunglücke sind meist die Folge einer unglücklichen Verkettung verschiedener Faktoren. Entsprechend aufwändig und langwierig sind die meisten Unfallermittlungen. Nicht so bei Germanwings-Flug 4U9525.

Nach dem Absturz in den französischen Alpen dauerte es keine zwei Tage, bis die Ermittler der Staatsanwaltschaft mit präzisen Angaben an die Öffentlichkeit traten. Der Erste Offizier habe den Kapitän mutwillig aus dem Cockpit ausgeschlossen und dann den Sinkflug eingeleitet, sagte der zuständige Staatsanwalt (Video der Pressekonferenz s.o.).

Wie kommt es, dass sich die Ermittler einzig aus den Aufzeichnungen des Stimmenrekorders ihrer Aussagen so sicher sein können, dass sie sich so kurz nach dem Absturz in dieser Deutlichkeit an die Öffentlichkeit zu wagen?

Antwort liegt im Cockpittür-System

Um diese Frage zu beantworten, muss man das durchaus komplexe Sicherheitssystem für Cockpittüren verstehen. Sobald eine Tür geschlossen ist, wird sie elektronisch verriegelt. Über einen Zugangscode, der über eine Tastatur außen vor dem Cockpit eingegeben wird, kann ein Crewmitglied um Einlass bitten. Dann klingelt es im Cockpit. Die Piloten werden dann einen Schalter auf "unlock" (entriegeln) stellen und die Tür öffnet. Normalerweise steht dieser Schalter auf "norm".

Ebenso kann dieser Schalter aber auch auf "locked" (verriegelt) gestellt werden. Diese Position ist für Terroranschläge gedacht und verhindert den Cockpitzugang von außen - und das ohne Ausnahme. In der "locked"-Position deaktiviert sich nämlich die Möglichkeit jeglicher Codeeingabe von außen. Selbst ein für Notfälle gedachter Emergency-Code funktioniert dann nicht mehr.

Entscheidend ist, was nicht zu hören ist

Der Staatsanwalt hat im Detail formuliert, was auf den Aufzeichnungen zu hören ist. Entscheidend für die Beweiskette scheint aber, was nicht zu hören ist: Es gibt offenbar keine Hinweise auf den Versuch einer Öffnung der Tür über einen Notfallcode. Ergo war die Tür im "locked"-Status, und das passiert nicht von alleine. Der Pilot im Cockpit muss den Schalter absichtlich umgelegt haben, um den Zugang von außen zu unterbinden.

© dpa, Roland Weihrauch Lesen Sie auch: So funktioniert das Schließsystem von Cockpittüren

Denn eigentlich berücksichtigt das Türsystem den Fall, dass der oder die Cockpitinsassen nicht mehr handeln können: Jedes Besatzungsmitglied kann dann von außen einen Notfallcode eingegeben, der einen lange anhaltenden Klingelton im Cockpit auslöst. Reagiert der Pilot auch dann nicht, hätte sich die Tür geöffnet.

Zu diesem Szenario kam es aber offenbar im Germanwings-Fall nicht. Die einzig plausible Erklärung dafür ist, dass der im Cockpit verbliebene Pilot aktiv den Türmechanismus verriegelt hat, um ein Eindringen in das Cockpit zu verhindern.

Bleibt die Frage nach einer möglichen Fehlfunktion des Türsystems: Wenn es sich im Germanwings-Fall aber um eine Fehlfunktion des Türsystems gehandelt hätte, wäre der First Officer im Inneren des Cockpits aktiv geworden, um an der Behebung des Fehlers mitzuwirken. Dem war den Aufzeichnungen zufolge nicht so.

Erster Offizier soll Flughöhe geändert haben

Eine ebenfalls nicht ganz auszuschließende Theorie einer Ohnmacht, gekoppelt mit einem gleichzeitigen Türsystemausfall, bliebe also nach dieser Herleitung, um den Copiloten zu entlasten. Die Ermittler haben aber noch mindestens einen weiteren Hinweis auf ein aktives Handeln des Co-Piloten: Der Staatsanwalt erläuterte, dass der Pilot im Flugzeugsystem aktiv einen Sinkflug eingeleitet habe.

Diese Information anhand von Tonaufzeichnungen zu schlussfolgern, ist durchaus möglich. Das Verstellen der Zielhöhe im Autopilotenpanel geschieht bei Airbus-Maschinen über einen Drehknopf, der deutlich klackernde Geräusch macht, wenn man ihn dreht.

Zusammen mit offenbar ausgesandten Transponder-Informationen zum Status der Zielhöhe des Airbus, scheint es zumindest für den ermittelnden Staatsanwalt keine Zweifel mehr an der Schuld des Piloten und damit an der Absturzursache zu geben.

Ermittler haben verschiedene Aufgaben

Anzumerken bleibt zuletzt, dass die Aufgaben von Staatsanwaltschaft und Flugunfallermittlern grundsätzlich verschieden sind. Während der eine sich mit der Schuldfrage beschäftigt, sind die anderen einer lückenlosen Unfallaufklärung ohne Schuldzuweisungen verpflichtet. Allerdings ist davon auszugehen, dass die beiden Organe eng zusammenarbeiten und sich vor Veröffentlichungen absprechen.

© dpa, Igor Kovalenko Lesen Sie auch: So ist das Vorgehen bei Flugunfalluntersuchungen geregelt

Die Flugunfallermittlungen sind nach dem gestrigen Pressestatement noch lange nicht abgeschlossen. Wichtig für die endgültige Aufklärung ist vor allem, dass auch der Flugdatenschreiber gefunden wird.

Alle Meldungen zum Germanwings-Unglücksflug 4U9525.

Von: airliners.de
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • Der Vorfall ereignete sich auf einem A380-Flug nach Houston. Akku fängt Feuer an Bord von Lufthansa-A380

    An Bord einer A380 der Lufthansa hat es ein Feuer gegeben. Der externe Akku eines mobilen Ladegeräts (Powerbank) eines Passagiers war laut Airline unter einen Sitz gerutscht und dort in Brand geraten. Die Crew habe die Flammen löschen können, es sei kein weiterer Schaden entstanden.

    Vom 10.08.2017
  • Die Piloten der Verkehrflugzeuge meldeten die heiklen Situationen der Polizei. Mit Laserpointer auf drei Flugzeuge gestrahlt

    Ein 22-Jähriger hat die Besatzungen von drei Flugzeugen und einem Polizeihubschrauber mit einem Laserpointer bei ihrem Landeanflug auf den Flughafen Düsseldorf geblendet. Dies teilte die Polizei vergangenen Freitag mit. Der Mann wurde wenig später verhaftet. Gegen ihn wird nun wegen gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr ermittelt.

    Vom 07.08.2017
  • Blumen liegen vor der Germanwings-Zentrale in Köln. Angehörige von Absturz-Opfern verklagen Germanwings

    Angehörige von Opfern des Germanwings-Absturzes haben die Airline verklagt. Die Klagen befinden sich derzeit in einem schriftlichen Vorverfahren. Es geht um mehr als drei Millionen Euro Schadenersatz.

    Vom 08.05.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »