Spaethfolge (112) ( Gastautor werden )

Eine Reihe geht noch rein

12.12.2012 - 09:42 0 Kommentare

Ich hab’ mehr als Du! Das ist gerade wieder der Sport unter den Airlines. Mehrere aktuelle Beispiele zeigen, wie Gesellschaften noch mehr Plätze in ihre Flugzeuge quetschen. Aber die Sardinenbüchse als Symbol wird woanders eingeführt.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Manchmal wird in der Luftfahrt gezaubert. Mehr Sitze, aber auch mehr Beinfreiheit, eigentlich schließt sich das aus, sagt der gesunde Menschenverstand. Aber diese Quadratur des Kreises hat zuletzt zum Beispiel die Lufthansa geschafft. Ihren neuen, superdünnen Sitzen auf Kurzstrecken sei dank. Ich habe es zuerst auch nicht geglaubt – aber Tatsache ist, dass dank nach oben versetzter Magazinfächer bei gleichbleibendem Sitzabstand nun zumindest mehr Kniefreiheit herrscht. Und dank der dünnen Lehnen mehr Sitze etwa in einen kleinen Airbus passen.

So flogen früher in der Lufthansa-A320 maximal 150 Passagiere, heute sind es 168. Ohne spürbare Komforteinbusse, wie ich auf mehreren Flügen feststellen konnte. Bald allerdings müssen viele bisherige Lufthansa-Kunden enger zusammenrücken, denn sie werden demnächst, ob sie wollen oder nicht, auf europäischen Strecken in Flugzeugen der sogenannten „neuen“ Germanwings befördert. Und da sitzen dann bis zu 172 Menschen in einer A320, vorn in den ersten zehn Reihen mit guten 32 Zoll (81,28 cm) Abstand, dahinter auf engen 29 Zoll. „Soviel wie bei Air Berlin in jedem Flugzeug“, wie Germanwings-Chef Thomas Winkelmann vergangene Woche auf meine Frage anmerkte.

Hoch über dem Rhein in Köln, wohin der Kranich geladen hatte, um uns von seinem letzten Versuch zu erzählen, die Kurzstrecken profitabel zu machen. „Low Cost Carrier 3.0“ nennt Winkelmann etwas großspurig die wenig wegweisenden Neuerungen bei Germanwings. Aber natürlich gibt es in England oder Asien auch Billigflieger, die 180 Sitze in eine A320 quetschen.

Die Klage über das Sardinenbüchsen-Gefühl an Bord ist nicht neu. Ich habe vor einiger Zeit im Lufthansa-Archiv alte Beschwerdebriefe von 1971 studiert, geschrieben von Condor-Fluggästen, die damals mit „Max“ und „Moritz“ unterwegs waren, den beiden brandneuen Boeing 747-200. In die Mega-Charterbomber nach Malle und Gran Canaria quetschte man damals 490 Sitze hinein. Auch daran musste ich letzte Woche denken, als mir eine Pressemitteilung von Airbus auf den Tisch flatterte: XL Airways aus Frankreich erhielt ihre erste A330-300 – bestuhlt, man halte sich fest, mit 408 Sitzen in reiner Economy-Ausstattung.

Erst kürzlich traf ich den ehemaligen Chef der Air Baltic, Bertolt Flick, der jetzt für XL arbeitet, und mir vorschwärmte von seinen Plänen mit Karibik-Flügen aus Frankreich. So also geht das in unserem Nachbarland. Obwohl in Europa eigentlich die Engländer als die größten Sardinenbüchsenflieger gelten, sind die Franzosen manchmal noch viel extremer. Vor allem weil sie mit größerem Fluggerät unterwegs sind.

Ich habe mal in Johannesburg in einer Wartungshalle in einer Boeing 747-400 probegesessen, die gerade für Corsair (gehört zur TUI) umgebaut wurde. Unfassbare 582 Sitze quetschen die da rein. Die 24 sogenannten Premium-Sitze entsprachen dabei als einzige einem akzeptablen Economy-Standard. Und dem ganzen die Krone aufsetzen wollte Air Austral für ihre Dienste zwischen Paris und Réunion im Indischen Ozean: Sie hatte zwei A380 bestellt, in denen sie ab 2014 unglaubliche 840 Menschen auf einmal befördern wollte. Ob die Franzosen plötzlich selbst Angst vor einer solchen Masse Mensch bekommen haben? Diese Woche verbreiteten sich Gerüchte über eine Stornierung der Order.

Mal sehen was die Japaner machen, dort hat Billigflieger Skymark ebenfalls die A380 bestellt. Bisher jedenfalls stellen die Franzosen die Asiaten locker in den Schatten: Auf Inlandsflügen befördert ANA in der 747-400 „nur“ 569 Fluggäste, in der 777-300 sind es 524. Passend dazu hat Emirates gerade verkündet, sie würde am liebsten dreistöckige Flugzeuge betreiben, wenn es sowas nur gäbe. Wieviele Menschen da hineingestopft werden könnten, läßt sich nur mutmaßen.

Ein Blick ins Archiv allerdings beweist, dass auch die gute alte Boeing 747-200 zu ungeahnten Kraftakten in der Lage war: Während der „Operation Solomon“ evakuierte El Al im Mai 1991 jüdische Flüchtlinge aus Äthiopien – damals schaffte man es, unfassbare 1.122 Passagiere auf einmal auszufliegen. Eigentlich waren nur 760 geplant, aber die Flüchtlinge waren so dünn und leicht, dass in nur 37 Minuten am Boden soviel mehr Menschen einsteigen konnten.

Zur Abrundung dann noch eine Meldung aus diesen Tagen: Erstmals wird jetzt das Symbol der Sardinenbüchse als Anzeige für zu erwartende Enge an Bord eingeführt. Nein, nicht im Luftverkehr, sondern in den Fahrplänen der norddeutschen Privatbahn Metronom. Mit zwei nach links und einer nach rechts liegenden Sardine in weiß auf grünem Grund. Da könnten die Flieger von den Eisenbahnern mal was lernen.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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