Interview

"Eine Reform wäre eine Win-Win-Situation für alle"

22.03.2018 - 07:00 0 Kommentare

BDF-Geschäftsführer Engel erklärt im Gespräch mit airliners.de, wie für ihn konkret die von der Politik angedeutete Reform der Luftsicherheitskosten aussieht und warum der Verband der neuen Regierung helfen will.

BDF-Geschäftsführer Michael Engel. - © © airliners.de -

BDF-Geschäftsführer Michael Engel. © airliners.de

Das Thema Luftsicherheit ist nicht erst mit den Szenen von langen Schlangen an den Kontrollstrecken in Düsseldorf in den öffentlichen Fokus geraten. Auch die Bundesregierung aus Union und SPD hat sich ein Umdenken bei der Frage über die Kosten dessen in den Koalitionsvertrag geschrieben. Der Bundesverband der deutschen Fluggesellschaften (BDF) fordert seit Jahren eine Reform in dem Bereich - damit die Airlines bei den Gebühren entlastet werden und alle Beteiligten flexibler eingreifen können.

airliners.de: Der Flughafen Düsseldorf kommt seit Monaten nicht aus den Schlagzeilen: An den Sicherheitskontrollen entstehen lange Schlangen. Inwieweit trägt der Airport eigentlich selbst Schuld am jetzigen Zustand?
Michael Engel: Ich halte nichts davon, irgendwelchen Beteiligten irgendeine Schuld zu geben, insbesondere nicht bei Luftsicherheitskontrollen, bei denen alle Beteiligte für einen reibungslosen Prozess an den Kontrollstellen ihren Beitrag liefern müssen. Ich glaube deswegen auch nicht, dass nur ein Beteiligter einen Missstand bei der Organisation der Kontrollen beseitigen kann. Hierfür muss es einen aktiven Standortdialog von Bundespolizei, Flughafen, Fluggesellschaften und Dienstleister geben. Einen solchen Standortdialog haben wir als BDF vorgeschlagen und gibt es seit Ende letzten Jahres in Düsseldorf. Alle Beteiligten treffen sich jetzt dort regelmäßig über alle Management-Ebenen hinweg und arbeiten kontinuierlich und mit gemeinsamen Kräften an Verbesserungen. Und wenn es nötig ist, dann muss man sich für so eine Aufgabe auch externe Planungsspezialisten mit ins Boot holen. Das hat der Flughafen gemacht, und davon erwarten wir uns ebenfalls einen Beitrag zur Problemlösung.

Die Sicherheitskontrollen in Düsseldorf führt das Unternehmen Kötter durch. Für wie realistisch halten Sie es, dass die Bundespolizei Kötter dort angesichts der anhaltenden öffentlichen Kritik den Auftrag entzieht?
Kötter hat im vergangenen Jahr erhebliche Probleme gehabt, das Personal und die Kontrollstunden so zu liefern, wie sie für einen reibungslosen Prozess an den Kontrollstellen nötig gewesen wären. Die Personaldecke war zu dünn - das ist nicht zu bestreiten. Man muss der Fairness halber aber auch sagen, dass Kötter früher über das angepeilte, sehr starke Passagierwachstum des Flughafens hätte informiert werden können. Für das laufende Jahr wird dieser Grund aber nicht mehr gelten - da muss Kötter liefern. Und gerade der Osterferienbeginn in dieser Woche ist eine erste Bewährungsprobe. Im Übrigen halte ich nichts davon, die Arbeit der Luftsicherheitsassistenten über einen Kamm zu scheren und zu beklagen. Auch sie sind nur ein Rad im Getriebe. Die Infrastruktur und die Technik müssen auch ausreichend vorhanden und produktiv sein, wenn das Gesamtsystem reibungslos funktionieren soll. Ansonsten werden wir Passagierwachstum nicht problemlos in den Kontrollstellen abbilden können.

Zum Interviewpartner

Der Geschäftsführer: Michael Engel führt seit 2008 den Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften (BDF). Zudem ist er Mitglied im Verkehrsausschuss des BDI. Zuvor war er unter anderem Bereichsleiter beim VDA (Verband der Automobilindustrie).

Der Verband: Der BDF vertritt die Interessen der deutschen Linien-, Charter- und Low Cost-Carrier gegenüber Wirtschaft und Politik. Im Vorstand sind unter anderem die Chefs von Condor, Eurowings, Lufthansa und Tuifly vertreten. Die Mitglieder-Airlines befördern jährlich über 150 Millionen Passagiere und beschäftigen in Summe 135.000 Mitarbeiter.

Ein Teil der Problemlösung liegt sicherlich auch in den Händen der Politik. Die neue Koalition aus Union und SPD hat das Thema Luftsicherheit und explizit deren Kostenverteilung in den Koalitionsvertrag geschrieben - das ist doch ein gutes Zeichen?
Das ist in der Tat ein gutes Zeichen. Erstens kommt die Sicherheit für uns im Luftverkehr immer zuerst, und zweitens anerkennt der Koalitionsvertrag, dass Luftsicherheitskontrollen eine hoheitliche Aufgabe sind und deshalb der Staat mehr Anteile der in den vergangenen Jahren gestiegenen Kosten für die Sicherheit der Menschen beim Fliegen übernehmen soll.

Inwiefern sind sie gestiegen?
Die Luftsicherheitskosten werden in diesem Jahr rund 750 Millionen Euro betragen und sind damit seit 2011 um über 75 Prozent gestiegen. In anderen Ländern, wie etwa in Spanien, Italien oder in den USA übernimmt der Staat schon längst einen Teil dieser Kosten oder trägt sie sogar insgesamt.

Werden wir mal konkret: Welche Reform fordern Sie in dem Bereich?
Wir stellen uns vor, dass der Bund auch in Deutschland einen Teil dieser Kosten übernimmt. Gleichzeitig könnten die Unternehmen der Luftverkehrsbranche vor Ort, also die Flughäfen und die Fluggesellschaften, gemeinsam mehr organisatorische Aufgaben vom Bund übernehmen. Die Ausschreibung von Dienstleistungen oder die Vertragsgestaltung mit den privaten Sicherheitsdienstleistern und deren Steuerung ist keine notwendige Kernaufgabe des Bundes und beansprucht Personal, welches beispielsweise die Bundespolizei besser für polizeiliche Aufgaben einsetzen könnte. Eine solche Reform würde alle Beteiligten in eine Win-Win-Situation bringen - und das bei gleichbleibend hoher Sicherheit im Luftverkehr.

An welchen Stellschrauben muss gedreht werden?
Für die Übernahme eines Teils der Kosten könnte im Luftsicherheitsgesetz verankert werden, dass ein bestimmter Anteil der Kosten der Luftsicherheitskontrollen nicht in den Gebühren zu berücksichtigen ist. Solche oder ähnliche Regelungen existieren bereits in anderen Bereichen, in denen sich der Staat an den Kosten hoheitlicher Sicherheitsaufgaben beteiligt, und wären nicht neu.

Und der BDF will helfen?
Nicht nur der BDF. Für organisatorische Änderungen bei der Aufgabenwahrnehmung steht die gesamte Branche bereit, sich mit Vorschlägen in die Diskussion einzubringen. Die neue Regierung hat es sich in ihrer Koalitionsvereinbarung ja zum Ziel gesetzt, konzeptionelle Vorschläge erarbeiten zu lassen. Daran werden wir uns gern beteiligen.

Warum möchten denn die Airlines mehr Verantwortung übernehmen und in die Organisation eingebunden werden?
Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen: Die zu kontrollierenden Menschen sind unsere Passagiere und wir haben ein elementares Interesse daran, dass die Luftsicherheitskontrollen effektiv und produktiv sind. Luftsicherheitskontrollen, an denen Staus und lange Wartezeiten entstehen, produzieren Verspätungen unserer Flüge mit unzufriedenen Passagieren.

Solche Verspätungen lassen sich oft im Tagesablauf nicht mehr aufholen …
Genau, dann kommt es zu verspäteten Abendflügen mit verärgerten Anwohnern. Zweitens: Wir organisieren tagtäglich allein oder mit Dienstleistern ähnliche Prozesse in unseren Unternehmen, machen Verträge und definieren Ziele und Anforderungen. Wir bringen also auch die erforderliche Erfahrung und Expertise für solche Aufgaben mit. Beides gilt natürlich auch für die Flughäfen, weshalb es für die Organisation der Luftsicherheitskontrollen sinnvoll ist, wenn Flughäfen und Fluggesellschaften zusammenarbeiten und solche Aufgaben zusammen organisieren - eben als Unternehmen vor Ort, die dort den ganzen Tag ohnehin schon Luftverkehr organisieren.

Das sind Ihre Forderungen an die Politik - was kann man denn realistischerweise in dieser, noch knapp dreieinhalb Jahre dauernden Legislaturperiode erwarten?
Eine Entlastung der Unternehmen von den Luftsicherheitskosten kann man durch eine Ergänzung des Luftsicherheitsgesetzes relativ schnell auf den Weg bringen. Wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, könnte eine Entlastung sogar schon 2019 greifen. Für organisatorische Änderungen bei der Aufgabenwahrnehmung benötigt man für eine gesamthafte Umsetzung unter Umständen etwas mehr Zeit, zumal hier ja auch bestehende Verträge und Laufzeiten zu beachten sind. Wichtig ist aber, dass mit den konzeptionellen Vorschlägen schnellstmöglich begonnen wird und dass die Branche, also die Flughäfen und die Fluggesellschaften, hierbei mit eingebunden werden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Engel.

Von: cs, pra
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