Die Born-Ansage (25) ( Gastautor werden )

Ein Schreibtisch ist kein Tischleindeckdich

21.01.2016 - 12:07 0 Kommentare

In den Großraumbüros der Frankfurter Lufthansa-Konzernzentrale werden die festen Arbeitsplätze abgeschafft, "New Workspace" heißt das Zauberwort. Die Entscheidung hat unseren Kolumnisten auf einige Gedanken gebracht.

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. - © © airliners.de, Karl Born -

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. © airliners.de, Karl Born

Wer schreibt heute noch an seinem Schreibtisch? Schreibtische könnten maximal Denktisch heißen. Oder, wenn man böse sein will, könnte man dieses Möbelstück auch "Anwesenheitstisch" nennen, weil der Mitarbeiter hier seine Anwesenheit dokumentiert, wenn er anwesend ist.

Ob Lufthansa-Boss Carsten Spohr so dachte, als er letztens durch die Büros der Hauptverwaltung lief, ist nicht überliefert. Vielleicht dachte er auch, wenn er diese Schreibtische bei ebay vertickert, würden sie auch viel Geld bringen. Oder er suchte einfach nach einem neuen Konfliktfeld. Wie heißt es so schön, wenn es nicht knirscht, ist das denkbare Optimum noch nicht erreicht.

Also gab der Boss die Parole von der permanenten Reduzierung der Schreibtische aus. Ab sofort hat niemand seinen eigenen Schreibtisch sicher. Die Berater warfen den Begriff "New Workspace" in die Luft. Was das konkret bedeutet, kannten einige Mitarbeiter von ihren Kindern: das Spiel "Reise nach Jerusalem". Zu gut Deutsch, den Letzten beißen die Hunde.

Entweder man kommt möglichst früh und sucht sich den nächsten freien Schreibtisch oder man sitzt mit seinem mobilen Arbeitsgerät irgendwo auf dem Flur, in der Kantine oder in einer Besprechungsecke. Oder, auch das ist im Programm vorgesehen, man geht wieder nach Hause und macht auf Home-Office.

Ob dieses Programm später bei den Piloten umgesetzt werden soll, ist offen. Keine festen Dienstpläne mehr? Man fliegt die nächste Strecke, die gerade ansteht? Und die zuletzt Kommenden gehen in den Simulator?

Keinen Schreibtisch bräuchte eigentlich Lufthansa Vorstand Karl Ulrich Garnadt, unter anderem auch zuständig für Eurowings. Anlässlich der wirklich katastrophalen Verspätungssituation, zuletzt mehr als 60 Stunden Verspätung, sind ihm nur die folgenden Sprechblasen eingefallen:
"Ich bin sicher, dass wir die Anfangsschwierigkeiten überwinden werden", "Eine Task Force soll analysieren, was schief gelaufen ist", "Ich werde dafür sorgen, dass das Angebot stabiler, zuverlässiger wird", "Trotz der Probleme sind wir im Markt gut angekommen".

Solche Sätze sind branchenunabhängig verwendbar, damit kann er überall einen Schreibtisch finden. Selbst beim BER wäre er da nicht aufgefallen. Eigentlich hätte man von Lufthansa erwartet, das war zumindest früher Lufthansa-Niveau, dass so eine neue Operation konfliktfrei vorbereitet würde. "Billig" fliegen ist doch nicht so einfach und seine Partner muss man eben sorgfältig auswählen. Hätte gerade noch gefehlt, dass er gesagt hätte: "Nicht unsere Schuld, dafür ist unser Subunternehmer verantwortlich."

Und Dobrindt? Der wünscht sich seinen Schreibtisch als Tischleindeckdich. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hat seine Argumentation hinsichtlich Codeshare Air Berlin/Etihad jetzt aber ganz schön auseinandergenommen und eigentlich schon die Entscheidung für die nächste Flugplanperiode präjudiziert. Tja, für Dobrindt wird das Tischlein so schnell zum "Knüppel aus dem Sack".

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de
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