Die Born-Ansage (72) ( Gastautor werden )

Ein zweifelhaftes Flughafen-Jubiläum

09.11.2017 - 09:46 0 Kommentare

Schon wieder ein Grund zum Feiern in Berlin: 2000 Tage Nicht-Eröffnung des BER. Dabei geht es in der Debatte längst nicht mehr um den Hauptstadtflughafen, meint Karl Born.

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. - © © airliners.de, Karl Born -

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. © airliners.de, Karl Born

In zwei Wochen, am 23. November, sind genau 2000 Tage seit der spektakulär geplatzten Eröffnungsfeier von 2012 vergangen. Als ich am 5. März 2015, anläßlich der 1000 Tage Nicht-Eröffnung, in einer anderen Kolumne schrieb, "merken Sie sich den 23.11.2017 vor, dann sind schon 2000 Tage seit Nicht-Eröffnung vergangen", hatte das jeder als Scherz aufgefasst.

Zumal der damalige BER-Chef Hartmut Mehdorn, kurz vor seinem Rausschmiss noch verkündet hatte: "Der BER wird immer fertiger und fertiger." Der gute Konrad Duden soll ob dieser "sprachlichen Fehlleistung" im Grab rotiert sein.

Auch das Air-Berlin-Ende war kein Grund für Party

Aber es ist in 14 Tagen nun tatsächlich soweit. Party! Party! Party! Und warum nicht? Offensichtlich haben die Berliner Airliner kein Problem damit, vor allem Niederlagen so richtig zu feiern (Hertha-BSC-Syndrom?), siehe Ankunft des letzten Air Berlin-Flugzeugs in Tegel. Was es da zu feiern gab, ist mir ein Rätsel - eine Totenmesse wäre angebrachter gewesen.

Einige Protagonisten sollen angeblich noch am Morgen danach um halb sechs im Borchardts gesehen worden sein. Mit ähnlicher Begründung wie den letzten Flug kann man dann auch den Nicht-Flughafen BER feiern. Zumal diese Nicht-Eröffnung auch einer der Sargnägel für Air Berlin war. Eine Beziehung ist also da.

Die Vorteile des BER

Spötter haben natürlich auch schon längst Erfolge des ungeöffneten BER ausgemacht: emissionsärmster Flughafen der Welt, einziger Flughafen, der alle Lärmrestriktionen weit unterbietet, Flughafen mit der längsten Nachtschließungszeit der Welt (20 bis 20 Uhr), einziger Flughafen, der eine Special-Eröffnung für ein Panda-Pärchen machte und sofort danach wieder schloss.

Wer die Live-Übertragung im TV sah oder sogar vor Ort war, wird auch registriert haben, dass bei der Löschwasser-Begrüßung durch die Flughafen-Feuerwehr, nur ein Löschfahrzeug richtig funktionierte, während das andere etwas prostatamäßig vor sich hin tröpfelte. War ja zum Glück kein Notfall.

Und welcher Flughafen kann einen Halbmarathon (ein kompletter Marathon würde zum BER nicht passen) über die Start- und Landebahnen führen? Und wenn es dann dunkel wird (schlau getimt), sieht man auch nicht, was fertig ist, was nicht und was wahrscheinlich nie fertig wird. Aber die Kernkompetenz der beteiligten Flughafen (Nicht-)Bauer, vorneweg der Berliner Senat, liegt auch nicht auf dem Bauen, sondern mehr beim Thema Flughafenschließung.

Das Tempelhof-Prinzip

2008 wurde der funktionierende Flughafen Tempelhof schlechtgeredet und wahrheitswidrig zum rechtlichen Hindernis für den BER erklärt. Aber diese "Hindernis-Beseitigung" hat dem BER nicht geholfen. Ähnliches passiert jetzt mit dem Flughafen Tegel.

Eine unnötige Offenhaltungsdiskussion verhindert den Blick auf die wesentliche Frage: Was ist "jetzt" zu tun, um diesen Flughafen noch über Jahre hinweg in einen funktionierenden Zustand zu bringen.

Wenn ich Regierender Bürgermeister wäre, würde mich ein solcher Artikel wahnsinnig machen: "Türkei baut riesigen Flughafen in Rekordzeit." Im Juni 2014 (also zwei Monate nach Nicht-Eröffnung des BER) war Spatenstich und am 28. Oktober 2018 soll Eröffnung sein. Er soll gleich zu Beginn 90 Millionen Passagiere abfertigen können, also ein Vielfaches von der Kapazität des BER. Warum kann das Istanbul und Berlin nicht?

2020 kommt auch Merkel

Also liebe Berliner: Auf zur BER-Nichteröffnungsparty am 23. November! Dass man im BER gut feiern kann, wurde vor kurzem schon im Praxistest nachgewiesen. Am 22. Juni dieses Jahres feierte der Verband der Bauindustrie sein Sommerfest im BER-Terminal. Ausgerechnet der Verband der Bauindustrie - ganz schön makaber.

Gerüchteweise soll demnächst ein großer Kongress gegen Aviophobie (Flugangst) in den Räumen des BER stattfinden. Untertitel: "Keine Angst, von hier werden sie garantiert nicht abfliegen."

Zuletzt noch einen Trost an alle, die in zwei Wochen nicht zum Feiern kommen können. Streichen Sie sich schon mal den 19. August 2020 im Kalender an; da steht die Feier 3000-Tage-Nicht-Eröffnung an. Diese Party soll noch größer werden. Und da will Bundeskanzlerin Merkel auch ihre 2012 ausgefallene Rede nachholen. Denn bis zur eventuellen BER-Eröffnung kann sie nicht mehr warten. Credo der Rede: "Wir schaffen das!"

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de
( Gastautor werden )
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. Das Husarenstück des Carsten Spohr

    Die Born-Ansage (71) Die Filetstücke der Air Berlin sind verkauft, das Insolvenzverfahren für den Rest eröffnet. Karl Born zieht ein erstes Fazit: An Genialität/Kaltschnäuzigkeit ist das von Kranich-Chef Carsten Spohr nicht zu überbieten.

    Vom 02.11.2017
  • Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. Wie vor 224 Jahren

    Die Born-Ansage (70) Das Aus von Monarch und Air Berlin zeigt interessante historische Parallelen, entdeckt Karl Born. Am Ende der Luftfahrt-Revolution leiden die Mitarbeiter - aber die machen immerhin einen engagierten Eindruck.

    Vom 12.10.2017
  • Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. Die unnötigste Wahl seit Jahren

    Die Born-Ansage (69) Der Tegel-Volksentscheid war ein Witz, sagt Karl Born. Der Flughafen Tegel schließt ohnehin nicht so schnell, denn der BER liegt im Koma. Und irgendwann schlagen die Fakten die Theorie: Zu klein ist zu klein.

    Vom 28.09.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »