Interview

"Ein EU-Verbot würde Lufthansa nicht schaden"

01.12.2017 - 08:01 0 Kommentare

Luftfahrtunternehmer Hans Rudolf Wöhrl erklärt im Gespräch mit airliners.de, weshalb Lufthansa nach der Insolvenz von Air-Berlin nur gewinnen kann, egal wie die EU-Kommission über LGW und Niki entscheidet.

Hans Rudolf Wöhrl über die aktuelle Situation um Lufthansa, Air Berlin und Niki. Foto: © privat

Als es im Spätsommer um den Verkauf der insolventen Air Berlin ging, hatten nicht nur Lufthansa Group und Easyjet zügig Interesse bekundet. Auch andere Angebote gingen bei Sachverwalter Lucas Flöther ein. Unter anderem das von Luftfahrtinvestor Hans Rudolf Wöhrl, der eine "neue Air Berlin" schaffen wollte. Mittlerweile beurteilt der Unternehmer die Situation anders. Denn Niki verfügt zwischenzeitlich nicht mehr über Flugzeuge. Die gehören jetzt der Lufthansa. Darum ist es seiner Meinung nach auch egal, wie die EU-Kommission entscheidet:

airliners.de: Herr Wöhrl, die EU-Kommission steht dem Lufthansa-Kauf der Air-Berlin-Töchter LGW und Niki offenbar ablehnend gegenüber - wird es jetzt noch einmal eng für den Kranich?
Hans Rudolf Wöhrl: Ganz im Gegenteil: Was soll noch passieren? Lufthansa hat die Flugzeuge bereits für über eine Milliarde von Leasing-Gebern gekauft, LGW und Niki fliegen bereits die Strecken für den Konzern (wenn auch verdeckt) und damit hat die Lufthansa quasi das Monopol. Wenn die EU-Kommission oder nachfolgend das Bundeskartellamt den Deal doch stoppen, dann ist das für Lufthansa möglicherweise sogar ein gutes Geschäft. Dann müssten sie die vereinbarten 210 Millionen Euro Kaufpreis nicht bezahlen. Daher denke ich, dass man in Frankfurt gerade der Entscheidung aus Brüssel sehr entspannt entgegen blickt. Und vom Staat gab es ja noch ein nettes Geschenk oben drauf!

Was meinen Sie?
Die staatliche KfW hatte Air Berlin im Sommer ja nicht den 150-Millionen-Euro-Kredit gewährt, um die vielen deutschen Urlauber nach Hause zu holen. Das mag vielleicht ein netter Nebeneffekt gewesen sein… Aber in erster Linie wurde doch Air Berlin für die Lufthansa in der Luft gehalten - damit die Braut vor der Übernahme noch schön hübsch ist. Scheitert der Deal in Brüssel jetzt, kann der Kredit nicht zurückgezahlt werden.

© dpa, Lesen Sie auch: EU hat "deutliche Vorbehalte" gegen Kranich-Deal

210 Millionen Euro Kaufpreis hin oder her: Scheitert der Deal sind LGW und Niki ebenfalls schnell zahlungsunfähig, werden gegroundet und all die begehrten Slots weg …
Im Prinzip ja, aber ich würde mich wundern, wenn man da bei Lufthansa nicht schon eine Lösung für parat hat. Der Konzern verlässt sich doch nicht nur auf Plan A, sondern arbeitet nebenbei ja auch immer an Alternativen, die alle Eventualitäten auffangen. Vielleicht fällt der eine oder andere Slot dem Wettbewerb zu, aber in der Summe macht das wenig Unterschied. Und nicht zuletzt bleibt ja auch die Frage, welcher Wettbewerber die Slots sonst beantragt – Ryanair, die gerade mal eben gefühlt ihren halben Flugplan canceln mussten?

War es Ihrer Meinung nach ein Fehler, dass Lufthansa die Übernahme von LGW und Niki in Brüssel als ein Paket anmeldete?
Vielleicht, wenn man wirklich ehrliche Absichten gehabt hätte. Aber in der Sache spielt das wohl kaum eine Rolle.

Was meinen Sie?
Mittlerweile scheint es egal zu sein, ob der Deal über die Bühne geht oder nicht. Denn Air Berlin ist Geschichte und auch wenn Easyjet ein kleines Paket in Tegel geschnürt bekam: Lufthansa wird wenig vom "Fell des Bären" mit anderen teilen müssen.

Offenbar schießt Lufthansa jede Woche zehn Millionen Euro in Niki, damit diese nicht in die Insolvenz rutscht. Geht es Niki so schlecht?
Ich glaube schon. Niki leidet unter dem Air-Berlin-Schock: Die Buchungszahlen sind ebenso wie die Yields rückläufig und eine neue klare Ausrichtung fehlt. Wichtig aber scheint zu sein, dass Lufthansa Niki strategisch als notwendig erachtete und daher so lange über Wasser gehalten hat. Korrekterweise hätte Niki schon im Sommer Insolvenz anmelden müssen, aber dann wären das AOC und die Slots vermutlich verloren gegangen und andere Wettbewerber hätten diese bekommen.

Als die ersten Insider Anfang der Woche berichteten, dass Brüssel geneigt ist, die Übernahme abzulehnen, hat Niki Lauda erneut sein Interesse für Niki bekundet. Steigen Sie auch wieder in den Ring?
Darüber habe ich mich nicht nur mit Herrn Lauda, sondern auch mit meinen anderen Partnern, die an der Übernahme der gesamten Air Berlin interessiert waren, unterhalten.

Und?
Das Ergebnis war ernüchternd. Niki hat zwar einen Flugbetrieb, aber keine Infrastruktur um als eigenständige Airline zu existieren. Jeder Niki-Passagier ist ja einen Vertrag mit Air Berlin eingegangen … Daher erscheint mir eine Rettung von Niki nur durch eine andere Airline möglich. Wenn sich da eine gute Perspektive böte, würden wir uns den Einstieg durchaus im Rahmen einer Partnerschaft überlegen.

Und das andere Filetstück LGW, würde das jemand anderes als Lufthansa haben wollen?
Es läuft doch immer auf das Gleich hinaus. LGW hat ebenfalls keine Infrastruktur, um allein bestehen zu können. Sie hat überhaupt nur eine Chance, wenn sie eng an einen Netzwerk-Carrier angeschlossen ist. Da bleibt bestenfalls Easyjet, und die werden wohl kaum Interesse an den relativ teuren Dash-8-Operation haben. Mit anderen Worten wird LGW wohl den Betrieb einstellen, wenn die EU den Deal mit Lufthansa stoppt.

Zur Person

Der Luftfahrt-Manager: Hans Rudolf Wöhrl wurde in der Luftfahrtbranche bekannt, weil er die NFD gründete, die später in der "alten" Eurowings aufging. Zudem kaufte er die defizitäre DBA von British Airways, sanierte sie und veräußerte sie 2006 für einen dreistelligen Millionenbetrag an Air Berlin. Ähnlich ging er mit LTU vor. Zuletzt war die Wöhrl-Beteiligungsgesellschaft Intro unter anderem an den zwischenzeitlich insolventen Regionalfluggesellschaften VLM Airlines und Intersky beteiligt. Aus den jeweils angekündigten Plänen für die Fluggesellschaften wurde nichts.

Der Mensch: Hans Rudolf Wöhrl (70) hat fünf Kinder und lebt mit seiner Frau Dagmar in Nürnberg. Sein Vermögen wird aktuell auf gut 200 Millionen Euro geschätzt. In diesem Sommer veröffentlichte er seine Biografie "Wie meine Träume fliegen lernten", weswegen sein Gebot für die insolvente Air Berlin oft als medienwirksame Werbung eingeordnet wurde.

Noch einmal konkret zum Air-Berlin-Verkauf nach der Insolvenz im Sommer: Sie hatten sehr schnell Ihr Sanierungskonzept vorgelegt - man munkelt, Sie hätten Air Berlin schon seit Jahren im Blick -, lag das Papier also bereits fertig in der Schublade?
Na ja, wir haben zwar bei Intro immer mal wieder im Rahmen von Marktstudien die Möglichkeiten einer Beteiligung an Air Berlin durchgespielt. Auch als es offensichtlich war, dass die Schwierigkeiten größer und nicht kleiner wurden haben wir Fingerübungen gemacht, welches Konzept wir Etihad vorschlagen können, falls man uns als Berater hinzuziehen würde. Es gab also ein paar Strategiemodelle, allerdings keines was auf einer Insolvenz basierte. So komisch es klingt, aber mit einer solch traumhaften Ausgangsvariante hatten auch wir nicht gerechnet - dass sich hier die Möglichkeit bot, Air Berlin komplett im Paket zu bekommen. Deswegen haben wir uns natürlich mit Begeisterung darangemacht, ein Übernahmeangebot, basierend auf einer schuldenfreien Air Berlin, auszuarbeiten. Das Team saß Tag und Nacht zusammen und das, was wir uns ausgedacht haben, war unstrittig besser als alle anderen Angebote.

Das müssen Sie ja jetzt sagen … Aber Sie haben ohne Zweifel etliche Erfahrungen in der Luftfahrt. Wäre Air Berlin denn noch zu retten gewesen?
Davon bin ich zu 90 Prozent überzeugt. Allerdings nur, wenn man meinen Vorschlag zeitnah und ernsthaft geprüft und angenommen hätte. Die lange Zeit der Unsicherheit hat einen Erhalt der ganzen Gruppe aber unmöglich gemacht.

© AirTeamImages.com, Felix Gottwald Lesen Sie auch: Erste EU-Frist für Lufthansa-Deal läuft ab

Also ist Herr Flöther an allem Schuld?
Nein, er hat das beste in seiner Macht stehende getan. Nur bei unserem ersten und einzigen Gespräch mit Herrn Winkelmann, Roland Berger und den Insolvenzverwaltern war mir eigentlich klar, dass die ganze Ausschreibung nichts als ein Plazebo ist und das Ergebnis längst ausgemachte Sache war.

Sie meinen zwischen Air Berlin, Lufthansa und Easyjet?
Die Rolle von Easyjet kann ich nicht beurteilen. Diese ist eine der wenigen Gesellschaften zu denen wir überhaupt keinen Kontakt haben und über deren Strategie wir nur mutmaßen können. Aber ich bin überzeugt davon, dass die Sache zwischen Herrn Winkelmann und Herrn Spohr von langer Hand geplant war.

Aber ist das nicht eine sinnige Lösung - ein finanziell gesunder Konzern wie Lufthansa übernimmt die kaputte Air Berlin …
Erst einmal übernimmt Lufthansa ja nicht Air Berlin, sondern einfach nur die Töchter LGW und Niki. Bei den schuldhaften Teilen verfährt man einfach wie bei der Swiss - kriegt schon keiner mit.

Dann ist doch alles gut!?
Nicht ganz, die Leidtragenden sind die Passagiere. Denn Fakt ist nun mal: Verschwindet ein Player vom Markt wird der Wettbewerb kleiner, das Angebot schlechter. In diesem Fall: höhere Preise. Kurzum die typischen Folgen eines Kartells. Dabei mache ich Lufthansa und Herrn Spohr keine Vorwürfe. Im Gegenteil, die haben einen supergeilen Job im Interesse ihres Unternehmens gemacht vor dem ich den Hut ziehe. Dagegen waren meine Geschäfte im Zusammenhang mit der DBA und der LTU geradezu Peanuts!

Sie scheinen ja Carsten Spohr beinahe ein bisschen zu bewundern …
Stimmt nicht ganz, ich habe Hochachtung vor ihm und kann den Konzern nur zu einem solchen CEO beglückwünschen.

Also richtet sich Ihr Vorwurf gegen …
… die Politik. Entweder weil man bewusst ein Monopol schaffen wollte, wie Alexander Dobrindt, oder weil man einfach nicht begriffen hat, welcher Masterplan hier abgearbeitet wird und immer was von "Hilfe für deutsche Urlauber" gefaselt hat, wie Brigitte Zypries. Das Alles ist schon ziemlich geschickt oder sehr dämlich gewesen - in jedem Fall aber skandalös.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Wöhrl.

© dpa, Boris Roessler Lesen Sie auch: Regierung sprach wohl schon vor Air-Berlin-Pleite mit der Lufthansa

Von: cs
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