Basiswissen Airline Operations (9) ( Gastautor werden )

Dokumentation und Kennzeichnung gefährlicher Güter

13.10.2015 - 15:11 0 Kommentare

Die Beladung eines Flugzeugs ist schon unter "Normalbedingungen" kompliziert. Noch komplexer wird es, wenn die Ladung Gefahrgüter enthält. Was dann bei Dokumentation und Markierung zu beachten ist, erläutert Airline-Operations-Spezialist Matthias Baier.

Die Bezeichnung Operations (OPS) wird in der Luftfahrt für unterschiedliche Aufgaben verwendet.  - © © AirTeamImages.com/airliners.de - JHribar/Montage: airliners.de

Die Bezeichnung Operations (OPS) wird in der Luftfahrt für unterschiedliche Aufgaben verwendet. © AirTeamImages.com/airliners.de /JHribar/Montage: airliners.de

Bei der Abfertigung eines Fluges gilt es für bestimmte Arten von Fracht ganz bestimmte Vorschriften einzuhalten, denn von einigen Gegenständen geht eine Gefahr aus. Diese werden "Gefährliche Güter" oder auf englisch "Dangerous Goods" genannt.

Wie diese gefährlichen Stoffe von der IATA in verschiedene Gefahrenklassen eingeteilt werden, hat Airline-Operations-Spezialist Matthias Baier in seinem jüngsten Tutorial erläutert:

© AirTeamImages.com/airliners.de, JHribar/Montage: airliners.de Basiswissen Airline Operations (7): Gefährliche Güter

Gefahrgutsendungen müssen spaziell markiert und gekennzeichnet werden

Damit beim Beladen von Flugzeugen gleich auf den ersten Blick erkennbar ist, dass sich in einem Frachtstück gefährliche Fracht befindet, muss jede Gefahrgut-Verpackung und auch jede Gefahrgut-Umverpackung mit speziellen Markierungen und Kennzeichnungen versehen sein. Hierfür ist der Versender verantwortlich.

Gefahrgutsendungen müssen den internationalen Regelungen zufolge zunächst einmal eine gültige UN/ID-Nummer tragen (Proper Shipping Name) und den vollständigen Namen und Anschrift von Absender und Empfänger zeigen. Sofern eine Verpackung nach UN-Spezifikationen verwendet wird (oder aufgrund der Menge - größer als in den Limited Quantities zugelassen - vorgeschrieben ist) ist zudem eine UN-Spezifikationsmarkierung Vorschrift (s.a. vorheriges Tutorial "Gefährliche Güter").

Darüber hinaus müssen Gefahrgutsendungen eine Angabe der Nettomenge des Gefahrgutes pro Packstück tragen, wenn die Sendungen aus mehreren Packstücken bestehen (Dies gilt nicht für Gefahrgüter der Klasse 7). Für Sendungen etwa mit Trockeneis oder bei ansteckungsgefährlichen Stoffen gelten zudem weitere Regularien zur Beschriftung. Spazialkennzeichnungspflichten bestehen ebenfalls für biologische oder umweltgefährdende Stoffe.

Darüber hinaus gibt es verschiedene Standardmarkierungen für Gefahrgut. Dabei wird unterschieden zwischen Gefahrenkennzeichen und Abfertigungskennzeichen:

  • Die Gefahrenkennzeichnung richtet sich dabei nach der Gefahrenklasse der in den IATA-DGR-Vorschriften definierten Hauptgefahr. Ist in der Klasse eine Nebengefahr gelistet, ist diese ebenfalls durch Gefahrenkennzeichen kenntlich zu machen. Alle Gefahren müssen auf einer einzigen Oberfläche eines Packstücks sichtbar sein, das heißt es ist nicht zulässig, die Hauptgefahr auf einer Seite der Verpackung zu kennzeichnen während die Nebengefahr auf einer anderen Seite dargestellt wird.
  • Die Abfertigungskennzeichen geben im Gegensatz zu den inhaltlichen Kennzeichnungen Hinweise darauf, wie dieses Packstück zu behandeln und zu verladen ist. Sie können zusätzlich zu den Gefahrenkennzeichen oder allein verwendet werden. Beide müssen den IATA-Vorschriften entsprechen und auf den Versandstücken sowie den Umverpackungen angebracht werden.

Markierungen und Kennzeichnungen von Gefahrgutsendungen

Infografik: © airliners.de

Bei Gefahrgut-Transporten ist eine detaillierte Dokumentation vorgeschrieben

Unerlässlich für den Transport von Gefahrgutsendungen ist zunächst einmal eine ausführliche Dokumentation. Dazu gehört eine recht umfangreiche Sammlung von Dokumenten.

  • Luftfrachtbrief (Air Waybill, AWB)
    Der Luftfrachtbrief (Air Waybill) dokumentiert den Frachtvertrag und ist ein Warenbegleitpapier. Das heißt, er gehört zu jeder Frachtsendung. Bei Sendungen mit Gefährlichen Gütern müssen im Luftfrachtbrief zusätzliche Angaben wie der Proper Shipping Name und die UN-Nummer enthalten sein.
  • Versendeerklärung für Gefährliche Güter (Shipper’s Declaration for Dangerous Goods)
    Eine Versendeerklärung für Gefährliche Güter muss vom Versender (Shipper) für jede Sendung mit Gefährlichen Gütern ausgefüllt und beim Transport mitgeführt werden. Alle Einträge erfolgen in englischer Sprache, der eine genaue Übersetzung in einer anderen Sprache folgen darf. Der Frachtagent beziehungsweise die Fluggesellschaft darf nur in den Feldern "Air Waybil No.", "Airport of Departure" und "Airport of Destination" Eintragungen vornehmen.
  • Gefahrgut-Kontrollliste (DG Acceptance check)
    Die Gefahrgutkontrollliste verwendet der Frachtagent zur Kontrolle der ordnungsgemäßen Vorbereitung der Sendung durch den Versender. Wird eine der bis zu 50 Fragen auf der Liste mit "Nein" beantwortet, darf die Sendung nicht verladen werden. Der Versender muss die beanstandeten Punkte korrigieren.
  • Meldung an den verantwortlichen Luftfahrzeugführer (NOTOC)
    So früh wie möglich vor Abflug des Luftfahrzeuges sind dem verantwortlichen Luftfahrzeugführer genaue und gut lesbare schriftliche Informationen über die als Fracht zu befördernden Gefährlichen Güter zur Verfügung zu stellen. Diese Informationen stellt der Frachtagent oder die Ground OPS-Abteilung des Abfertigungsunternehmens in Form einer Liste, Notification to Captain (NOTOC) genannt, bereit.

Die NOTOC-Dokumente gehen direkt ins Cockpit

Von den genannten Dokumenten sind AWB, Shippers Declaration und DG Acceptance Check meist in einem Umschlag den übrigen Frachtdokumenten beigefügt, während die NOTOC gesondert übergeben werden muss.

Darauf sind alle Gefahrgutsendungen mit ihrer exakten Ladeposition aufgeführt. Der Rampagent bestätigt darauf mit seiner Unterschrift die Unversehrtheit und korrekte Ladeposition der einzelnen Gefahrgutsendungen. Der Kapitän zeichnet den Erhalt des NOTOC gegen und behält eine Kopie davon an Bord.

Auf der NOTOC finden sich zudem mindestens folgende Informationen: AWB-Nummer, Proper Shiping Name und UN-Nummer, Gefahrenklasse, Unterklasse und Nebenrisiken, Verpackungsgruppe, Anzahl der Packstücke, Nettomenge, exakte Ladeposition, Angabe falls der Transport nur auf Frachtflugzeugen zugelassen ist (CAO), Zielflughafen.

Gesonderte Angaben zu Notfallinformationen bei Zwischenfällen und Unfällen mit Beteiligung von Gefährlichen Gütern sind nicht zwingend vorgeschrieben, erleichtert die Arbeit der Cockpitbesatzung im Notfall aber enorm. Die gesonderten Angaben sind als Emergency Response Drill Code (ERG) in den blauen Seiten der IATA-DGR aufgeführt.

Besonderheiten bei der Abfertigung von Gefahrstoffen

Bei der Abfertigung von Gefährlichen Gütern sind zunächst die im vorangegangenen Tutiorial erläuterten Gefahren- und Abfertigungskennzeichen zu beachten. Das hat einen einfachen Grund.

Regnet es beispielsweise während der Abfertigung sollten Gefahrgüter der Klasse 4.3 (Stoffe, die in Berührung mit Wasser entzündbare Gase entwickeln) erst kurz vor dem Verladen und nur gut vor Regen geschützt auf der Parkposition des Flugzeuges bereitgestellt werden. Gleiches gilt für Gefahrgutsendungen mit dem Abfertigungskennzeichen "Vor Hitze schützen" bei sommerlichem Wetter.

Gefährliche Güter dürfen bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht in der mit Passagieren besetzten Kabine oder im Cockpit befördert werden. Der Laderaum muss zum Transport Gefährlicher Güter das Löschen eines Brandes ermöglichen und darf keine gefährlichen Mengen an Rauch, Flammen und Löschmittel in irgendeinen Teil des Flugzeuges, in dem sich Personen aufhalten, freisetzen.

Besondere Beachtung müssen zudem nicht miteinander verträgliche Gefahrgüter erfahren. Sie dürfen im Flugzeug nicht nebeneinander geladen werden oder nur in einer solchen Entfernung, die eine gegenseitige Beeinflussung im Falle eines Austritts von Gefährlichen Gütern ausschließt. Diese Trennungsanforderung gilt entsprechend der auf den Versandstücken angebrachten Gefahrenkennzeichen, unabhängig davon, ob es sich bei der Gefahr um die Haupt- oder Nebengefahr handelt und ist in Form von Unverträglichkeitstabellen in den IATA-DGR veröffentlicht.

Die Mengenbegrenzung pro Packstück reduziert die von Gefährlichen Gütern ausgehende Gefahr auf ein vertretbares Maß. Sind alle Vorschriften eingehalten worden, erfolgt die Verladung und Verzurrung im Flugzeug, wie bei jedem anderen Frachtstück. Eine besondere Verzurrung für Gefährliche Güter ist nicht erforderlich.

Trainingsanbieter-Datenbank

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© foltolia.com / peshkova

Radioaktive Stoffe müssen speziell gehandhabt werden

Radioaktive Stoffe unterliegen aufgrund ihrer besonderen Gefahren speziellen Vorschriften, so dass die IATA-DGR den Gefahrgutsendungen mit radioaktivem Inhalt ein eigenes Kapitel widmen (vgl. Kapitel 10 der IATA-DGR in der jeweils gültigen Fassung).

Die korrekte Verpackung, Kennzeichnung und Dokumentation von radioaktiven Gefahrgutsendungen obliegt wie bei den anderen Gefährlichen Gütern dem Versender. Zusätzlich sind durch die zuständigen Behörden Genehmigungen und Bescheinigungen erforderlich, die die Sendung begleiten müssen. Da die radioaktive Strahlung bei leeren Versandstücken, die zu einem früheren Zeitpunkt radioaktive Stoffe enthielten, ebenso eine Gefahr darstellt, sind sogar hierfür besondere Vorschriften einzuhalten.

Entscheidend für die Abfertigung und den Transport von radioaktiven Sendungen ist die Transportkennzahl (TI), die einer Sendung zugewiesen wird. Die Transportkennzahl dient zur Feststellung des Strahlungspegels im Abstand von einem Meter von der Außenseite des Versandstücks. Abhängig von der TI ist die Sendung in eine von drei Kategorien eingeteilt.

In Kategorie I darf die höchste Oberflächendosisleistung an der Außenseite des Versandstückes nicht mehr als 0,005 mSv/h betragen. Die Angabe einer Transportkennzahl auf der Verpackung entfällt.

In Kategorie II darf die Dosisleistung an der Außenseite des Versandstücks 0,5 mSv/h nicht überschreiten, die Transportkennzahl darf max. 1,0 sein und muss auf der Gefahrenkennzeichnung eingetragen werden.

Dies gilt auch für die Kategorie III. Hier ist normalerweise eine Dosisleistung an der Außenseite von nicht mehr als 2 mSv/h und eine Transportkennzahl von nicht mehr als 10 zugelassen. Bei Versandstücken, die unter "ausschließlicher Verwendung" unter bestimmten Zusatzanforderungen befördert werden, darf die Dosisleistung an der Außenseite des Versandstückes 10 mSv/h betragen, und die Transportkennzahl ist nicht beschränkt.

Die Gesamtsumme der TI liegt bei Passagierflugzeugen bei 50 und bei Frachtflugzeugen bei 200. Viele Fluggesellschaften nennen in ihren Beförderungsbedingungen sehr viel kleinere Maximalmengen beim Transport von radioaktiven Gütern. Auch viele am Transport beteiligte Staaten (Startflughafen, Zielflughafen, Überflug) haben hier starke Beschränkungen.

Radioaktive Stoffe müssen in ausreichendem Abstand zu Menschen gehalten werden, so dass die Strahlendosis von 5mSv pro Jahr nicht überschritten wird. Da die Strahlung der Versandstücke der Kategorien II und III sehr stark ist, werden Mindestabstände zu Personen in den IATA-DGR genannt. Diese Abstände, zwischen 0,1 m bis 10,8 m je nach TI, werden von der Oberfläche der Versandstücke, Umverpackungen oder Frachtbehältern bis zum nächsten Boden der Passagierkabine oder Trennwand des Cockpits gemessen und sind unabhängig von der Beförderungsdauer. Die genauen Werte sind den Tabellen der IATA-DGR in der jeweils gültigen Fassung zu entnehmen.

Bei radioaktiven Gefahrgütern muss eine Angabe über die Ladehöhe im NOTOC erfolgen. Abhängig von dem Höhenmaß der Verpackung erfolgt die Angabe in codierter Form:

bis 50 Zentimeter H1
51 bis 100 Zentimeter H2
101 bis 150 Zentimeter H3

Hiermit lässt sich bei Kenntnis der Laderaumhöhe schnell das Einhalten der Mindestabstände überprüfen.

Eine Besonderheit gibt es noch beim Transport von spaltbarem Material. Hier ist eine Verpackung erforderlich, die eine evtl. Kettenreaktion ausschließt. Ein solcher Transport bedarf einer besonderen Überprüfung und Kontrolle. Die Gefahrenkennzeichnung erfordert den Eintrag der Kritikalitätssicherheitszahl (Criticality Safety Index, CSI). Auch hier sind Maximalwerte und Mindestabstände einzuhalten (vgl. IATA-DGR).

Über den Autor

Einmal im Monat veröffentlicht Airline-Operations-Experte Matthias Baier auf airliners.de ein neues Basiswissen-Tutorial. Alle Luftverkehrs-Tutorials lesen.

Matthias Baier Matthias Baier ist Lehrer bei der Schule für Touristik in Frankfurt und Autor des Fachbuchs "Operations", aus dessen aktualisierter Version airliners.de einen Auszug veröffentlicht. Übungsaufgaben hierzu finden Sie im Gästebereich der Lernplattform der Schule für Touristik.

Von: Matthias Baier für airliners.de
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