Digitale Welt drängt mit Macht in die Flugzeug-Kabine

20.09.2015 - 09:31 0 Kommentare

Der freie Zugang ins Internet scheint vielen schon fast ein Menschenrecht zu sein. Doch was am Boden technisch schnell und häufig sogar gratis ist, steckt am Himmel oft noch in den Kinderschuhen.

Laptopnutzung während des Fluges - © © OnAir -

Laptopnutzung während des Fluges © OnAir

Noch vor wenigen Jahren galten Verkehrsflugzeuge als internetfreie Zone. Wer fliegt, bleibt offline und stumm. Das stimmt längst nicht mehr - seitdem zunächst die US-amerikanischen und dann auch die europäischen Flugsicherheitsbehörden das Internet-Surfen über den Wolken freigegeben haben.

Die digitale Welt drängt inzwischen mit Macht in die Kabine, Lufthansa will am Montag ein neues Digitalangebot für ihre Europastrecken vorstellen. Die Airlines wittern Zusatzeinnahmen.

Anders als in den USA sind WLAN-Angebote auf Kontinentalflügen in Deutschland und Europa allerdings noch eher die Ausnahme. Auch die Lufthansa hat zunächst nur ihre Langstreckenflieger mit einer Internet-Technik ausgestattet, die an Bord zunächst WLAN und später auch die auf Daten beschränkte Nutzung des Mobilfunkstandards GSM ermöglichte. Telefon- oder Skype-Gespräche sind in den Jets nach wie vor verboten. Aber nicht, weil es technisch nicht möglich wäre, sondern nur, weil sich laut Umfragen die meisten Passagiere gestört fühlen würden.

Zukunft ist digital

Die Zukunft ist Experten zufolge auch über den Wolken eindeutig digital. "Mittelfristig wird es in der Luft genauso normal sein wie am Boden, seine E-Mails zu checken, soziale Netzwerke zu nutzen oder Nachrichten zu lesen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom, Bernhard Rohleder. Davon kann heute noch keine Rede sein: Laut einer Umfrage des Verbandes vom August haben erst zwei Prozent der Internetnutzer einen Internetzugang in einem Flugzeug genutzt.

Das Interesse der Kundschaft scheint hingegen riesig zu sein: 44 Prozent der Internetnutzer gaben in der Bitkom-Umfrage an, sie wollten auf Flugreisen ins Netz gehen. Unter den 30- bis 49-Jährigen waren es schon 49 Prozent. Den Fluggesellschaften winken hohe Zusatzerlöse. Schon jetzt versuchen die Airlines für einstmals inbegriffene Dienstleistungen extra zu kassieren, für neue wird erst recht ein Entgelt gefordert.

Im chinesischen Luftraum gelten eigene Regeln

Noch stehen die Preise für das angekündigte Angebot der Lufthansa auf den Europastrecken nicht fest, doch auf der Langstrecke lässt sich der Kranich sein schon 2003 gestartetes "Flynet" gut bezahlen. Eine Stunde online kostet bereits 9 Euro, vier Stunden sind für 14 Euro zu haben und für 17 Euro gibt es den ganzen Flug lang die Netzversorgung via Satellit, Antenne und Router im Flugzeug. Es sei denn, die Verbindung berührt den chinesischen Luftraum, denn dort muss das Netz auf Weisung der Regierung abgeschaltet werden. Für Telekom-Kunden gelten besondere Preise.

Mit ihrem neuen Angebot auf Europaflügen macht die Lufthansa in Deutschland keineswegs den Anfang. Der seit Jahren angeschlagene Konkurrent Air Berlin baut sein Internet-Angebot bereits seit längerem schrittweise aus und hofft auf diesem Weg zusätzliche Fluggäste anzulocken.

Auch die zweite deutsche Airline hält für die Internetnutzung die Hand auf - im Gegensatz zur Norwegian als bislang einziger Airline mit einem kompletten Gratisangebot. Norwegian hatte als erste innereuropäische Fluggesellschaft bereits Anfang 2011 Breitband-Internetzugänge an Bord eingeführt. Lufthansa-Rivale Emirates bietet hingegen ein kleines, im Ticketpreis inbegriffenes Datenvolumen. Darüber hinaus wird ein eher symbolischer Preis von einem US-Dollar (88 Euro-Cent) pro 500 Megabyte erhoben.

© Onair, Lesen Sie auch: Telefone und Internet erobern die Flugzeugkabinen

Zwei technische Wege ins Internet

Um mobile Datentransfers im Flugzeug zu ermöglichen, muss die Fluggesellschaft eine Basisstation an Bord der Maschine installieren. Diese leitet Anfragen der Fluggäste über eine Außenantenne an Satelliten weiter und empfängt wiederum über einen Uplink mit einer Station am Boden die Daten aus dem Internet.

Das kann an Bord auf zwei Arten realisiert werden: Möglichkeit eins sind WLAN-Access-Points in der Flugzeugkabine. Wie etwa in einem Restaurant können sich die Passagiere dann ins WLAN einloggen, gegebenenfalls eine Gebühr bezahlen und im Internet surfen.

Die zweite Alternative ist eine bordeigene Mobilfunkzelle, in die sich die Endgeräte wie am Boden auch einklinken. Damit ist dann neben der Telefonie - die allerdings von den Airlines oft als potenziell störend eingestuft und daher deaktiviert wird - auch das Versenden von SMS sowie mobiles Internet über Datenmobilfunk möglich. Abgerechnet wird wie bei Gesprächen aus dem Ausland per Roaming.

Lufthansa FlyNet Foto: © Lufthansa,

WLAN-Geschwindigkeiten wie am Boden

Was beide Alternativen eint ist die meist noch sehr langsame Geschwindigkeit. Die Technologie für Datendienste über Satellit entwickelt sich aber immer weiter. Experten vermuten, dass Passagiere in Zukunft auch während des Fluges nicht auf datenintensive Anwendungen verzichten müssen. Erste Tests haben im Flug bereits Datenübertragungsraten von mehr als 70 Mbit/s geschafft.

Lufthansa kann wohl auch schon bald mit besserer Technik punkten, wenngleich zum Start des Europaangebots zunächst noch auf die herkömmliche Satellitentechnik zurückgegriffen wird. Die Zukunft soll dann nämlich einem Technik-Mix gehören: Der Partner Deutsche Telekom arbeitet nach Angaben aus Expertenkreisen am ersten Luftfahrt-Digitalnetz im modernen LTE-Standard, der größere Datenmengen transportieren kann. Europaweit müssen dafür LTE-Sender aufgestellt werden, die ihre Signale vertikal in den Himmel schicken. Der Umweg über den teuren Satelliten entfällt.

Von: gk, dpa
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