Die Ukraine erlebt gerade ihr Lockerbie

27.07.2014 - 09:09 0 Kommentare

Die Flugzeugexplosion über dem schottischen Lockerbie von 1988 hat Parallelen zum MH17-Absturz in der Ukraine. Abertausende Einzelteile machten die Aufklärung zu einer Aufgabe für Jahrzehnte. Hinzu kamen politische Aspekte.

Ein Polizist steht im schottischen Lockerbie nahe dem Wrack der Passagiermaschine der US-Fluggesellschaft PanAm (Archivfoto vom 22.12.1988).

Ein Polizist steht im schottischen Lockerbie nahe dem Wrack der Passagiermaschine der US-Fluggesellschaft PanAm (Archivfoto vom 22.12.1988).
© dpa - Paletkey

Zwei Polizisten stehen am 21.12.1988 im schottischen Lockerbie hinter Trümmerteilen eines Triebwerks der Passagiermaschine der amerikanischen Fluggesellschaft PanAm, die durch eine Bombenexplosion abgestürzt war.

Zwei Polizisten stehen am 21.12.1988 im schottischen Lockerbie hinter Trümmerteilen eines Triebwerks der Passagiermaschine der amerikanischen Fluggesellschaft PanAm, die durch eine Bombenexplosion abgestürzt war.
© dpa - Paletkey

Ein undatiertes Foto der schottischen Ermittlungsbehörde zeigt das in einem Hangar aus den Trümmerstücken rekonstuierte Passagierflugzeug vom Typ Boeing 747, das 1988 über der schottischen Kleinstadt Lockerbie abgestürzt war. Bei dem Absturz waren 268 Menschen ums Leben gekommen.

Ein undatiertes Foto der schottischen Ermittlungsbehörde zeigt das in einem Hangar aus den Trümmerstücken rekonstuierte Passagierflugzeug vom Typ Boeing 747, das 1988 über der schottischen Kleinstadt Lockerbie abgestürzt war. Bei dem Absturz waren 268 Menschen ums Leben gekommen.
© dpa - Crown Office of Scottland

Das undatiertes Foto der schottischen Ermittlungsbehörde zeigt den in einem Hangar aus den Trümmerstücken rekonstuierten Fracht-Container, in dem sich das Gepäckstück mit der Bombe befand.

Das undatiertes Foto der schottischen Ermittlungsbehörde zeigt den in einem Hangar aus den Trümmerstücken rekonstuierten Fracht-Container, in dem sich das Gepäckstück mit der Bombe befand.
© dpa - Crown Office of Scottland

Die Constables in der Polizeiwache in Lockerbie genossen eine beschauliche Vorweihnachtszeit. Doch als am 21. Dezember 1988 um 19.04 Uhr schottischer Zeit der erste von zahlreichen Notrufen bei der Dumfries and Galloway Police eingeht, ist es mit der Idylle im ruhigen Westen Schottlands auf Jahre vorbei.

Die Bombenexplosion an Bord des PanAm-Fluges 103 von London-Heathrow nach New York weist durchaus Parallelen zum möglichen Abschuss der Malaysia-Airlines-Passagiermaschine in der Ostukraine auf.

Als am 22. Dezember um 09.00 Uhr morgens im Kontrollraum der Polizeiwache der Krisenstab zusammentrat, war klar: 243 Passagiere, 16 Besatzungsmitglieder und elf Einheimische fielen dem Absturz zum Opfer, weil Trümmer auf ihre Häuser fielen oder ihre Wohnung in Brand geriet.

Bis heute arbeiten Ermittler an Lockerbie

Das Gebiet wurde, anders als in der Ukraine, sofort hermetisch abgeriegelt. «Niemand durfte sich in die Nähe des Unglücksortes begeben, ohne die schriftliche Erlaubnis der Polizei», heißt es im Unfallbericht der örtlichen Feuerwehr des 4000-Einwohner-Ortes.

Die anschließenden Ermittlungen teilten sich zwei Einrichtungen, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Die Dumfries and Galloway Constablery, Großbritanniens kleinste eigenständige Polizeibehörde. Und die US-Bundespolizei FBI. Wie die Gewichte verteilt waren, ist unschwer zu erraten. Das FBI spricht von einer «bis dahin nicht dagewesenen internationalen Zusammenarbeit».

Noch heute sind FBI-Agenten dabei, die Einzelheiten des Vorfalls zu interpretieren und Spuren nachzugehen. «Wir haben FBI-Agenten, die Vollzeit jeder Spur nachgehen, und so machen wir das seit 25 Jahren», sagte der frühere Chef der US-Bundespolizei, Robert Mueller, im vergangenen Jahr der BBC.

In den Monaten nach dem Absturz über Lockerbie wurden Trümmer der Pan-Am-Maschine in einem Umkreis von 845 Quadratmeilen (2200 Quadratkilometer) gefunden - einer Fläche fast so groß wie das Saarland. Die Ermittlungsarbeiten galten damals als extrem kompliziert - auch wenn die Spezialisten nicht wie jetzt in der Ostukraine mit Bewaffneten im Rücken und Gefechtslärm in der Umgebung arbeiten mussten.

Vier Millionen Wrackteile und ein Zeitzünder

«FBI-Agenten und internationale Ermittler durchkämmten auf Knien die Landschaft, auf der Suche nach Spuren auf sprichwörtlich jedem Grashalm», heißt es in einer FBI-Dokumentation. Mehr als 10.000 Menschen waren an der Suche beteiligt. Am ihrem Ende standen Millionen Kleinigkeiten, jedes für sich ein eigenes Beweismittel.

Die Ermittler fanden alleine vier Millionen Flugzeugteile, die sie wie in einem gigantischen Puzzle zusammenfügen mussten, aber auch Turnschuhe von Teenagern unter den Passagieren, Sweatshirts - und eine kleine Platine, nicht größer als ein Fingernagel. Das war die entscheidende Spur. Die Platine gehörte zu einem Radiorekorder, wie sie Ende der 1980er Jahre beliebt waren. Aus dem war der Zeitzünder für die Bombe gebaut.

Bis heute bleiben Fragen

Mit mehreren Testexplosionen fanden die Experten zudem heraus, welcher Koffer am nächsten am Explosionsort gewesen sein musste. Die ihm zugeordneten Kleidungsteile führten die Ermittler zu einem Laden auf Malta und dessen Inhaber schließlich zu dem Libyer Abdelbaset al-Megrahi. Es dauerte bis zum Jahr 2000, bis er ausgeliefert und 2001 verurteilt werden konnte.

An der Schuld des einzigen Verurteilten bleiben aber auch nach seinem Krebstod Zweifel. Die Ermittlungen, Untersuchungen und Schlussfolgerungen werden von Experten bis heute angezweifelt.

So schreibt der damals von den Vereinten Nationen eingesetzte Beobachter, der österreichische Professor Hans Köchler, die Theorie mit dem Kassettenrekorder sei abenteuerlich. Köchler sprach von «dramatischen Fehlern und Unzulänglichkeiten». Ein schottischer Polizist habe mit seiner Unterschrift bezeugt, dass die Platine von CIA-Leuten bewusst abgelegt wurde. Köchler ist überzeugt, dass der Fall «hochgradig politisiert» wurde.

Bis heute ranken sich zahlreiche Theorien um die angeblich wahren Hintergründe des Absturzes. Dass es nun in der Ukraine mit den vielen Interessenkonflikten der beteiligten Nationen rund um die Ermittlungen leichter wird, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, glauben internationale Experten nicht.

Von: Von Michael Donhauser, dpa
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