Spaethfolge (137) ( Gastautor werden )

Die Sitzplatzlotterie

12.06.2013 - 12:30 0 Kommentare

Der richtige Sitzplatz an Bord kann entscheidend dafür sein, ob ein Flug angenehm oder eine Tortur wird. Online-Check-in heißt das Zauberwort dafür. Doch es gibt auch noch Anbieter ohne diese Dienstleistung. Das kann haarig werden.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Früher musste man manchmal Stunden vor Abflug am Flughafen sein, um einen möglichst bequemen Platz zu ergattern. Das galt vor allem bei Charter- und Ferienfliegern, die oft extrem eng bestuhlt sind. Wenn man wie ich 1,88 Meter Körperlänge misst, kann der falsche Platz einer Tortur gleichkommen.

Besonders verhasst sind bei mir und fast allen Reisenden Mittelplätze oder die hinteren Reihen. Dort ist fast immer der Abstand noch geringer und oft lässt sich die Rückenlehne kaum oder gar nicht neigen. Heute machen viele Airlines zumindest mit Economy-Passagieren ein Geschäft daraus und lassen sich sogenannte XXL-Plätze teuer extra bezahlen.

Als ich vor einiger Zeit mit TUIfly auf den Kapverden gewesen bin, war es mir das Geld wert, wollte ich doch nicht sechs Stunden eingezwängt sitzen. Und ist dies doch die einzige Möglichkeit, vorab seinen bequemeren Sitz sicher zu haben, ohne schon am Vorabend am Flughafen einzuchecken oder morgens um vier am Schalter zu stehen für einen Abflug um sechs Uhr.

Als Linienflieger ist man heute verwöhnt, bieten doch fast alle Airlines die Möglichkeit des Online-Check-in. Ich reise fast immer nur mit Handgepäck, und habe so einen minimalen Zeitaufwand am Flughafen und kann mir in Ruhe am Vortag den besten verfügbaren Sitz aussuchen. Für mich heißt das normalerweise wo immer möglich Fenster und möglichst weit vorn, oder aber am Notausgang bei solchen Airlines, die dafür nicht extra kassieren (die Kapverden waren eine Ausnahme).

Neulich allerdings kam ich mir plötzlich wie in die Steinzeit zurückgeworfen vor. Es gibt nämlich noch Airlines, die keinerlei Vorab-Sitzreservierungsmöglichkeit anbieten, auch nicht gegen Geld und gute Worte.

Ich wollte von Bremen nach Moskau mit Germania. Natürlich mit Handgepäck. Mein kleiner Rollenkoffer wog elf Kilo, normal bei mir und mit allen Airlines und in allen Klassen bisher nie ein Problem. Die Schalterdame allerdings schaute besorgt, als sie darauf bestand ihn zu wiegen. Sechs Kilo sei die Grenze bei Germania, aber sie würde heute ein Auge zudrücken. Puh, Glück gehabt. Dann bat ich sie um einen Sitz in der Notausgangsreihe. Da hatte sie nur noch einen Gangplatz, aber ich griff trotzdem zu und ließ mir 14D geben. Auch eine mitreisende Kollegin bat um die Exit-Reihe.

Später, als wir in die A319 eingestiegen waren, dann großes Erstaunen: Die 14. Reihe ist überhaupt keine Exit-Reihe. Seltsam. Noch bizarrer wurde es dann, als besagte Kollegin auftauchte und sagte ich säße auf ihrem Platz. Solche Behauptungen habe ich in vielen Jahren schon oft erlebt, sie haben sich aber nie als wahr herausgestellt. Meist lesen die Leute nur ihre Bordkarte oder die Platzbeschriftung nicht richtig. Diesmal nicht. Die Kollegin hatte tatsächlich auch 14D auf ihrer Bordkarte stehen, und auch ihr war dies als Sitz in der Notausgangsreihe versprochen worden.

Wie Germania und ihre Abfertigungsagenten in Bremen dieses doppelte Meisterstück hingelegt haben konnte mir bis heute niemand erklären. Gut dass die Maschine nicht ganz voll war und sich alternative Plätze fanden, mit denen wir beide leben konnten.

Zwei Tage später die Rückreise von Moskau, wieder Germania, diesmal eine Boeing 737-700. Auch der Moskauer Schalterdame erklärte ich meinen Wunsch, idealerweise in der Exit-Reihe am Fenster zu sitzen. Sie bearbeitete sekundenlang ihre Tastatur und überreichte mir dann strahlend meine Bordkarte: „12F, Fenster am Notausgang“!. Ich bedankte mich vor Freude auf Russisch bei ihr.

Beim Einsteigen dann, ich konnte es kaum Glauben, wieder eine andere Realität: Die Reihe 12 wies nur die Sitze BC und DE auf, nicht aber die Fensterplätze A und F. Die fehlten einfach, um genug Platz für das Öffnen der Nottüren zu haben im Fall der Fälle. Aber warum weiß dass das Check-in-System nicht? Auch jetzt war der Flieger nicht voll, und ich setzte mich einfach auf den Traumplatz 13F. Der war zwar an eine andere Kollegin vergeben, wie sich herausstellte, die mich aber netterweise dort sitzen ließ.

Auf dem Flug war ein Vertreter des Germania-Managements dabei, wie ich bald herausfand. Den krallte ich mir, um ihm von meinen Erfahrungen zu berichten und um Erklärungen zu bitten. Die Frage des fehlenden Sitzes 12F konnte er schnell aufklären: Das Flugzeug kam gerade von einer Leasingperiode bei Air Berlin zurück und war noch nicht zurück auf Germania-Kabinenstandard konfiguriert worden, außerdem gab es einen kurzfristigen Aircraft Change. Das leuchtet ein.

Die seltsamen Geschehnisse in Bremen beim Hinflug aber konnte der Mann auch nicht erhellen, seltsam genug. Allerdings machte er mir klar, dass eine kleine Firma wie Germania nicht soviel investieren könnte, um ein Online-Check-in-System einzuführen. Da wünsche ich mir doch manchmal fast die kleinen Klebeschildchen zurück, die früher am Schalter aus dem Kabinenplan händisch herausgezupft und auf die Bordkarte aufgeklebt wurden. Da war die Sitzzuteilung wenigstens eindeutig.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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