Digital Passenger (21)

Kein smarter Koffer unter dieser Nummer

14.11.2017 - 16:40 0 Kommentare

Die Digitalisierung soll das Reisen vereinfachen. Wenn die Airline einen smarten Koffer verliert, kann es aber durchaus kompliziert werden, wie unser Digital Passenger Andreas Sebayang jetzt erfahren musste.

Die auf dem elektronischen Datenmodul des

Die auf dem elektronischen Datenmodul des "Rimowa Electronic Tag" angezeigten Gepäckdaten entsprechen in Größe und Aussehen den heutigen Papieranhängern. © Bag2Go GmbH

Mit dem Rimowa Electronic Luggage Tag zu fliegen macht nicht immer Spaß. Die Umsetzung des smarten Gepäckanhängers auf einem E-Paper-Display, das ich schon eine Weile benutze, lässt gerade beim Launchpartner, der Lufthansa-Gruppe, mehr als zu wünschen übrig. Seit einiger Zeit unterstützt auch die Tochter Swiss das elektronische Luggage Tag alias Smart Bag. Doch daran ist gar nichts smart.

Beim Versuch per App meine digitalen Bordkarten von Lissabon über Zürich nach Berlin zu holen suchte ich die Swiss-App nach der Smart-Bag-Unterstützung ab. Benutzt habe ich das System schon bei Eva Air und Lufthansa, wo die Smart-Bag-Option auch einigermaßen prominent präsentiert wird. Doch bei Swiss? Fehlanzeige. Weder beim Checkin noch bei der Verwaltung der Buchung in der App gibt es Hinweise.

Bei Swiss nur mit der Lufthansa-App

An meinem Verstand zweifelnd bemühe ich die Google-Suche. Und siehe da: Swiss unterstützt Rimowas Koffer, so wie es mir Rimowa schon vor Monaten bestätigte. Laut Rimowa verändert das neue Tag das Reisen "grundlegend".

Doch beim kurzen Durchlesen der Swiss-Innovation schlage ich mir erst einmal mit der Hand vor den Kopf. Denn Swiss unterstützt die Smart Tags nur mit Hilfe der Lufthansa-App. Auf so einen Umweg muss man als Passagier erst einmal kommen… Brilliant! Der Sarkasmus sei mir hier verziehen. Immerhin: es zeigt, dass die Lufthansa-Gruppe eigentlich nur eine App braucht.

Tatsächlich klappt das dann auch mit der App der Lufthansa, nach dem Wiederholen des Check-In-Prozederes. Nach der Übertragung taucht dann das Electronic Tag tatsächlich auf dem E-Paper-Display meines Koffers auf - allerdings mit Lufthansa-Logo samt einer nach LH aussehenden Gepäcknummer. Nach erfolgreicher Übertragung wird die Gepäck-ID aus der App entfernt.

Und weg ist mein Gepäck

Im Verlustfall sollte der Passagier die Nummer des Gepäckstückes parat haben, wie ich dann auch prompt selbst merkte. Denn in Berlin angekommen fehlte mein Koffer. Und nun veränderte sich das Reisen im Zusammenspiel mit Swiss und meinen Electronic Bag-Tag-Koffer in der Tat sehr grundlegend:

Denn in der Lufthansa-App wird der digitale Bestätigungsschnippsel nicht angezeigt. Soweit so normal. Mitunter dauert die Ausstellung des Gepäckbeleges in der App Wochen, was der Lufthansa seit April 2017 bekannt ist und mir noch immer in der Praxis geschieht.

Der Ausweg ist normalerweise das manuelle Herunterladen. Doch die von Lufthansa ausgestellten digitalen LH-Boardingpässe und der Link auf die LH-Webseite verweisen darauf, dass es keinen digitalen Gepäckschnipsel gibt. Den LX-Boardingpässen fehlt die Funktion zur Ermittlung des Gepäcks sogar komplett. Der Lufthansa-Twitter-Support erklärt das so: LX-Strecken müssen für die LH-App erst freigeschaltet werden. Ist das nicht geschehen, gibt es grundsätzlich keine digitale Bestätigung zur Gepäckabgabe.

Wie sollte ich nun ganz ohne Gepäcknummer jemals wieder an meinen Rimowa-Koffer kommen? Sonderlich sauer war ich nicht. Im Gegenteil, es bahnte sich eine spannende Geschichte an. Da ich schon unterwegs die Situation mit Neugierde beobachtete, habe ich präventiv die ersten Schritte zur Lösung einleiten können. Das war absolut notwendig, denn die Mitarbeiter des Gepäck-Dienstleisters in Berlin waren zunächst einmal verdutzt, nachdem ich die Lufthansa-App samt nicht vorhandener Gepäck-ID vorzeigte. Doch ich hatte eine zweite, aber irgendwie anders lautende Gepäck-ID.

Der Twitter-Support von Lufthansa konnte anhand des PNR meine Gepäck-ID herausfinden und mir rechtzeitig zum Umstieg in Zürich mitteilen. Allerdings lautete die LX942XXX (letzte drei Ziffern geändert). Nur hatte mein Luggage-Tag zuvor doch eine andere Nummer beginnend mit einer 42 angezeigt, wie ich mich dunkel erinnerte. Buchstaben davor? Gab's nicht.

Stimmte da etwas nicht? Hat mir die Lufthansa eine falsche Gepäck-ID gegeben? Der Twitter-Support reagierte dann leider nicht mehr, da ich recht späte Flüge hatte und ich wies den Bodendienstleister darauf hin, dass mir die Lufthansa vermutlich eine falsche Gepäck-ID übermittelte. Eine Vorannahme, die sich schnell als falsch herausstellte.

Nur wer selbst mitdenkt, findet seinen smarten Koffer

Im Laufe der Recherchen und mit Hilfe der Kofferdienstleister-Mitarbeiter in Berlin erkannte ich dann aber ein System. LH und 4220 passen zusammen. Wie mir ein Mitarbeiter erklärte ist die 220 ein Prefix der Lufthansa. Doch bei der Swiss-Gepäck-ID LX942XXX lässt sich offenbar LX durch LH und damit durch die 220 ersetzen. Als Ergebnis kommt dann die Nummer meines Gepäckstücks heraus, die auch auf dem E-Paper-Display steht und für die mir aber der Beleg fehlte: 4220942XXX

Das lässt sich alles durchaus herausfinden. Nur ganz ehrlich: Sind das die von jedem Passagier zu beherrschenden Grundlagen für die Nutzung der sogenannten Smart Bags? Ich mag zwar Flug- und IT-affin sein, doch irgendwo hört es auf: Technik soll die Abläufe für den Kunden vereinfachen, nicht verkomplizieren!

Der ganze Aufbau des Smart-Bag-Programms bei Swiss erinnert mich an typische frühe Beta-Phasen von Software-Projekten. Ein Großteil der Werkzeuge ist noch nicht fertig, aber operativ soll das System schon einmal getestet werden. Das allerdings mit zahlenden Kunden zu machen ist eine Frechheit. Das gesamte Electronic-Luggage-Tag-System ist bei der Lufthansa Gruppe mindestens noch Monate, wenn nicht gar Jahre von der Vollständigkeit entfernt, die für das Überführen in ein produktives System notwendig wäre. Das fängt bei der Software an, geht über das Training der eigenen Mitarbeiter bis hin zu den fehlenden Informationen für die Partnerdienstleister am Boden. Überall mangelt es. Und das, obwohl schon deutlich abgespeckt wurde. Schade.

Über den Autor

In seiner Reihe "Digital Passenger" kommentiert Technik-Journalist Andreas Sebayang auf airliners.de den digitalen Wandel in der Luftverkehrswirtschaft.

Andreas Sebayang ist der Digital Passenger, Foto: Sebastian KuhbachAndreas Sebayang ist als Hardware-Journalist regelmäßig für die Berliner IT-Nachrichtenseite Golem.de mit dem Flugzeug in der ganzen Welt unterwegs. Seine Erlebnisse als Vielflieger dokumentiert er auch auf seinem Instagram-Account AroundTheBlueMarble. Kontakt: digital-passenger@airliners.de

Von: Andreas Sebayang für airliners.de
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