Interview

"Die Luftverkehrssteuer sollte für den Klimaschutz genutzt werden"

21.06.2019 - 09:14 0 Kommentare

Matthias von Randow ist Hauptgeschäftsführer des BDL und damit Deutschlands oberster Luftfahrt-Lobbyist. Ein Interview über die Umweltprobleme der Branche und neuen Ideen zur Verwendung der Luftverkehrssteuer.

Matthias von Randow - © © BDL -

Matthias von Randow © BDL

Die Luftverkehrsbranche sieht sich nicht erst seit der EU-Wahl und der „Fridays for Future“-Bewegung dem Vorwurf des „Klimakillers Nummer 1“ ausgesetzt. Ein Interview mit dem Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) Matthias von Randow über die aktuellen Herausforderungen der Branche in Sachen Klimaschutz.

airliners.de: Offenbar wissen selbst Spitzenpolitiker nicht, dass es bereits einen Emissionshandel für den Luftverkehr gibt. Hat da die Lobbyarbeit versagt?
Matthias von Randow: Ich bin großer Fan einer faktenbasierten Politik. Im politischen Raum könnte das Wissen darum, was bereits beim Klimaschutz im Luftverkehr beschlossen ist und vorangebracht wird, in der Tat noch breiter sein. Von daher ist es unsere Aufgabe, immer wieder über Fakten zu informieren.

© ZDF, Lesen Sie auch: Der Mann, der fordert, was es schon längst gibt Gedankenflug

Blicken Sie vor diesem Hintergrund manchmal neidisch auf die Bahn?
Ich würde mir wünschen, dass die Vorstellung, ausschließlich die Bahn sei umweltverträglich und der Luftverkehr angeblich der Klimakiller Nummer eins, einer realistischeren und faktenbasierten Einschätzung weichen würde. Der Treibstoffverbrauch pro Person und 100 Kilometer liegt im deutschen Luftverkehr – real gemessen – nur bei 3,58 Litern. Das ist schon eine starke Leistung, die nicht jeder Mobilitätsträger schafft.

Fliegen darf nicht nur für Reiche erschwinglich sein.

Matthias von Randow

Waren Sie denn überrascht, dass die Themen Umwelt und Klima im Europawahlkampf so präsent waren?
Nein, das Anliegen beschäftigt uns alle. Und was den Luftverkehr anbelangt: Auch wenn er nur 2,8 Prozent zu den weltweiten CO2-Emissionen beiträgt, halte ich die Frage, wie Luftverkehr noch besser in Einklang mit dem Klimaschutz gebracht werden kann, für eine der zentralen Zukunftsfragen unserer Branche. Denken Sie nur an die wachsende Nachfrage aus Ländern wie China, Indien oder Brasilien. Überall dort kommen Menschen zu neuem Wohlstand und wollen auch fliegen, sei es geschäftlich oder zu privaten Zwecken.

Wenn Wohlstand und Fliegen zusammengehören, könnte man den Flugverkehr doch in der Tat einfach deutlich verteuern und schon gäbe es weniger Emissionen, oder?
Früher war Fliegen um ein Vielfaches teurer. Damit war es einer recht kleinen Gruppe von reichen Leuten und Menschen, die aus staatlicher Verantwortung heraus fliegen mussten, vorbehalten. Wer den Luftverkehr wieder so teuer machen will, dass er reduziert wird auf diese Gruppen, propagiert ein Modell für die Zukunft, das nicht tragen wird.

Zum Interviewpartner

© BDL

Matthias von Randow war zehn Jahre im Bundesverkehrsministerium in unterschiedlichen Positionen beschäftigt, zuletzt als beamteter Staatssekretär mit Zuständigkeit für die gesamte Verkehrspolitik. Er ging 2009 als Vorstandsbevollmächtigter für Politik und Verkehrsrechte zu Air Berlin und ist seit 2011 Hauptgeschäftsführer des BDL.

Eine drastische Verteuerung von Emissionen würde also in der Tat zu weniger Luftverkehr führen?
Die Menschen erwarten doch nicht, dass Emissionen teurer werden, sondern reduziert. Nur das bringt etwas für den Klimaschutz. Und genauso sind auch die Instrumente für den Klimaschutz im Luftverkehr angelegt. Mit der Einbeziehung des Luftverkehrs in den Emissionshandel nehmen die CO2-Emissionen des Luftverkehrs in Europa seit sieben Jahren nicht mehr zu. Und ab dem nächsten Jahr wird mit Corsia eine internationale Klimaschutzabgabe eingeführt. Die Fluggesellschaften müssen dann entsprechend ihrer wachstumsbedingten CO2-Emissionen diese Abgabe zahlen. Aus den Einnahmen werden dann Klimaschutzprojekte finanziert. Das ist eine international abgestimmte Verteuerung des Luftverkehrs, verbunden mit einer Zweckbindung für Klimaschutzprojekte. Dann macht es Sinn.

Wäre das auch eine Idee für die Zweckbindung von Ticketabgaben in Deutschland? Die Luftverkehrssteuer bringt ja weit über eine Milliarde Euro jedes Jahr...
Nationale Alleingänge mit Steuern und Abgaben schaden wirtschaftlich und sind klimapolitisch sogar kontraproduktiv aufgrund des Carbon Leakage. Die Luftverkehrsteuer hat klimabezogen keinen Fortschritt gebracht. Aber wenn diese Steuer nicht abgebaut wird, sollte der Gesetzgeber wenigstens dafür sorgen, dass die Einnahmen daraus für den Klimaschutz genutzt werden.

Ist aus Ihrer Sicht eigentlich die Industrie „Schuld“, dass der Luftverkehr noch nicht viel effizienter ist? Immerhin halten die Hersteller an alten Flugzeugkonzepten fest und die Airlines müssen kaufen, was es gibt.
Nein, ich sehe das genaue Gegenteil. Wir haben einen enormen Innovationsfortschritt im Bereich der energieeffizienten Flugzeugtechnologie. Auch von der Nachfrageseite her besteht – technologieoffen – ein riesiges Interesse an energieeffizienten Flugzeugen. Diese Verbindung aus notwendiger Effizienz auf Airline-Seite und technologischem Knowhow der Luftfahrtindustrie ist so etwas wie ein energiewirtschaftlicher und klimapolitischer Innovationstreiber erster Güte.

Der Verband

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) wurde 2010 als gemeinsame Interessenvertretung der deutschen Luftverkehrswirtschaft gegründet. Mitglieder des Verbandes sind Fluggesellschaften, Flughäfen, die Deutsche Flugsicherung und weitere Leistungsanbieter im deutschen Luftverkehr. Die Mitgliedsunternehmen beschäftigen insgesamt mehr als 180.000 Mitarbeiter.

Alternative Treibstoffe können zunehmend im großen Maßstab hergestellt werden, sind aber noch zu teuer. Erhoffen Sie sich mehr Unterstützung und Förderung durch die Politik, um den industriellen Durchbruch zu schaffen?
Wir wissen, dass CO2-neutrales Fliegen in absehbarer Zeit nur mit regenerativen Kraftstoffen möglich ist. Damit diese in ausreichenden Mengen und zu marktfähigen Preisen vorhanden sind, bedarf es einer industriepolitischen Initiative, die mindestens die Europäische Union umfassen müsste. Mineralölwirtschaft und Luftverkehrswirtschaft können das gar nicht aus eigener Kraft bewerkstelligen. Wir wissen, dass die Bundesregierung Sympathien für Entwicklung und Einsatz solcher Kraftstoffe hat. Ohne einen industriepolitisch forcierten Aufbau entsprechender Produktionsanlagen und ohne staatliche Förderung zur Bereitstellung eines bezahlbaren Kraftstoffs wird es nicht gehen. Die Unternehmen unserer Branche beteiligen sich ja bereits an Pilotprojekten. Aber wir sehen bei der notwendigen Industriepolitik bislang zu wenig Initiative in der Europäischen Union.

Stichwort CO2-Bepreisung und Kerosinsteuer: Glauben Sie, dass die jetzt politischen diskutierten Ansätze eine Lenkungswirkung in Sachen Klimaschutz entfalten können?
Da wird derzeit manches diskutiert, was klimapolitisch gar nichts bringt und wirtschaftlich obendrein massiv wettbewerbsverzerrend und schädlich ist. Was tatsächlich den Klimaschutz im Luftverkehr nach vorne bringt, sind aus unserer Sicht im Wesentlichen drei Dinge: Erstens muss der Energieverbrauch beim Fliegen weiter reduziert werden. Das ist ein permanenter Innovationsprozess, der durch Investitionen in neue Technik mehr Energieeffizienz bringt. Das kann man sehr schön an einer Zahl festmachen: Seit 1990 konnte der Energieverbrauch und damit die CO2-Emissionen bei den Flügen unserer Fluggesellschaften um 43 Prozent gesenkt werden. Zweitens: Weil wir wissen, dass diese Fortschritte zum Teil durch das Wachstum wieder aufgefressen werden, gilt es mittelfristig fossiles Kerosin durch einen regenerativen Energieträger zu ersetzen. Das Problem ist aber, dass bei dieser Maßnahme Zeit benötigt wird, die wir nicht haben. Deswegen kommt das dritte Element, die Begrenzung der CO2-Emissionen, zum Tragen. Seit sieben Jahren wird der Luftverkehr in Europa bereits in den Emissionshandel einbezogen. Dadurch nehmen die luftverkehrsbedingten CO2-Emissionen seit 2012 nicht mehr zu. Und auf internationaler Ebene wird es ab 2020 das Klimaschutzinstrument Corsia geben, das die wachstumsbedingten Emissionen kompensieren und damit auch die weltweite Menge des luftverkehrsbedingten CO2 begrenzen wird.

Von: dh
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Mitglieder des Sachverständigenrats für Wirtschaftsfragen übergeben am 12. Juli 2019 das Sondergutachten zur CO2-Bepreisung. Klimakabinett will CO2-Emissionen bepreisen

    Deutschland hängt beim Klimaschutz zurück. Jetzt hat das Klimakabinett der Bundesregierung über eine Bepreisung von CO2-Emissionen beraten und dabei auch den Luftverkehr thematisiert. Konkrete Schritte sollen Ende September beschlossen werden.

    Vom 19.07.2019
  • Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow bei der Vorstellung der Jahresbilanz des BDL. Deutsche Luftverkehrsbranche erwartet Wachstumsdämpfer

    Nach den Pleiten von Air Berlin und Germania hat der Luftverkehr in Deutschland im ersten Halbjahr zugelegt. Für das Gesamtjahr erwartet die Branche nun eine deutliche Abkühlung - die aber nichts mit Flugscham zu tun hat.

    Vom 24.07.2019

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus