Analyse Die potenziellen Inlandstrecken von Easyjet

Auch Easyjet bekommt ein Stück vom Air-Berlin-Kuchen: Es geht um das Engagement in Tegel. Verkehrsexperte Manfred Kuhne analysiert, welche innerdeutschen Routen jetzt im Interesse der Briten sein könnten.

Easyjet-Maschine in Berlin-Schönefeld - © © FBB -

Easyjet-Maschine in Berlin-Schönefeld © FBB

Kaum war am Abend des 27. Oktobers die letzte Maschine von Air Berlin in Berlin-Tegel gelandet, hat Air Berlin PLC um kurz vor Mitternacht in einer Börsen-Pflichtmitteilung bekanntgegeben, dass Easyjet "bestimmte Vermögensgegenstände des aus Berlin-Tegel heraus betriebenen Lufttransportgeschäfts erwirbt, einschließlich zugehöriger Slots und Buchungen".

Zu den Flügen dürften dann auch die jeweiligen Slots am Zielflughafen zählen. Die Slots werden vom Flughafenkoordinator „ad hoc“ vergeben bis die kartellrechtlichen Prüfungen durch die Kommission abgeschlossen sind. Die gedanklich als „Unternehmensbestandteil“ übernommenen Buchungen könnten möglicherweise hilfreich für die Genehmigungen durch die Kommission sein.

Innerdeutsch hinterlässt Air Berlin ein Loch

Egal wie das Konstrukt im Detail aussieht, wichtig ist jetzt erst einmal, dass die Kommission ihre wettbewerbsrechtlichen Prüfungen schnell abschließt, damit diese Transaktion und auch der schon bekannte Lufthansa-Deal schnell umgesetzt werden können. Das ist im Interesse der Beschäftigten, der Passagiere und auch der betroffenen Flughäfen.

© Air Berlin, Lesen Sie auch: Der Versuch eines Air-Berlin-Zwischenfazits Apropos (21)

Insbesondere auf den aufkommensstarken innerdeutschen Routen hat das Aus der Air Berlin deutliche Lücken im Flugplan hinterlassen. Zumal die LGW, die bislang für Air Berlin innerdeutsch flog, unter dem Dach der Eurowings vor allem europäische Routen fliegen soll. Von vorrangigem Interesse ist jetzt, welche ehemaligen Air-Berlin-Routen Easyjet aufnehmen wird und mit welchen täglichen Frequenzen diese bedient werden. Einzelheiten werden hoffentlich in den nächsten Tagen bekanntgegeben werden. Der Netzaufbau (insbesondere auch hinsichtlich der täglichen Flüge) wird in zwei Stufen vermutlich Anfang des Jahres und zum nächsten Sommerflugplan erfolgen.

Die Aufnahme folgender potenzieller Routen dürfte geprüft werden beziehungsweise vermutlich längst feststehen:

Bisherige innerdeutsche Air-Berlin-Routen (beide Richtungen)
Route
Passagiere
(Millionen pro Jahr)
Zahl der
wöchentlichen Flüge
Berlin Düsseldorf
0,55
135
Frankfurt
0,3
60
Köln/Bonn
0,55
135
München
0,75
140
Stuttgart
0,55
115
Hamburg Stuttgart
0,25
(im Mai eingestellt)
München Düsseldorf
0,6
135
Hamburg
0,55
95
Köln/Bonn
0,35
85

BVA: Kuhne

  • Da Easyjet bereits eine Basis beziehungsweise Station in München sowie Stuttgart unterhält, dürften diese beiden Flughäfen in der engeren Wahl für Verbindungen mit Berlin sein.
  • Easyjet und Ryanair sind sich bisher aus dem Weg gegangen, sodass ein Anflug vom Airport Köln/Bonn, der ab Sommer 2018 wieder von Ryanair bedient wird, eher als unwahrscheinlich einzustufen ist.
  • Vieles wird auch davon abhängen, inwieweit man sich mit Lufthansa "ausgetauscht" und bereits weiter in die Zukunft geschaut hat. So könnte auch eine Route von Berlin nach Frankfurt sinnvoll sein, ebenso wie vom Kranich-Hub München nach Köln/Bonn und Düsseldorf.
  • Geprüft werden dürfte auch eine Verknüpfung von Berlin und Düsseldorf.
  • Vielleicht überdenkt Easyjet ihre Entscheidung, die Basis Hamburg zum Sommer nächsten Jahres auf zu geben und bietet Flüge von Hamburg nach München und eventuell sogar nach Stuttgart an. Wenn man bei Erfolg angriffslustiger wird, könnten eines Tages noch Verbindungen nach Frankfurt und Düsseldorf hinzukommen.
  • Hamburg wäre dann aufgrund seiner geografischen Randlage neben Berlin und München der dritte Stützpunkt für den Inlandverkehr, der um zahlreiche Europaverbindungen aufgestockt werden könnte.

Easyjet-Gehälter liegen über denen von Eurowings Europe

Vieles wird auch von den Erwartungen und Vorgaben der EU-Kommission abhängen. Auf jeden Fall wird jedoch das momentane 99-Prozent-Monopol von Lufthansa/Eurowings im Inlandverkehr wieder abgeschafft werden. Dies ist auch bitter nötig, da die derzeitige Engpasssituation im Inlandverkehr zu deutlich höheren Ticketpreisen geführt hat.

Easyjet will nach eigenen Angaben 25 Flugzeuge des Typs A320 von den Leasing-Gebern übernehmen (das entspräche etwa der von Air Berlin für den Inlandverkehr eingesetzten Kapazität). Da die Restflotte von Air Berlin offenbar nur noch elf A320-Maschinen umfasst, wird man bei den Leasing-Gebern gegen die noch vorhandenen 21 Flugzeuge des Typs A321 und elf A319-Maschinen tauschen müssen.

Easyjet will die etwa 1000 von ihr benötigten Piloten und Kabinenmitarbeiter nach deutschem Arbeitsrecht und nach einem mit Verdi ausgehandelten Tarifvertrag anstellen. Die Gehälter bei Easyjet lagen bisher schon deutlich über den Gehältern von Air Berlin. Diese wiederum erheblich über denjenigen, die Eurowings Europe zu zahlen bereit ist. Selbst Ryanair entlohnt seine Leute nach den in Aussicht genommenen Gehaltssteigerungen deutlich besser, wenn man einmal von den teilweise schlechteren Arbeitsbedingungen absieht.

Von: Manfred Kuhne für airliners.de

Datum: 30.10.2017 - 17:04

Adresse: http://www.airliners.de/die-inlandstrecken-easyjet-analyse/42726