Interview

"Die Flugprobleme haben uns richtig viel Geld gekostet"

03.01.2019 - 07:38 0 Kommentare

Reiseveranstalter waren von der Flugmisere vergangenes Jahr besonders betroffen - auch finanziell. Andreas Rüttgers von Schauinsland-Reisen spricht im airliners.de-Interview über das Jahr eins nach Air Berlin und warum es 2019 besser werden soll.

Eine A320 von Eurowings Europe auf Teneriffa. - © © AirTeamImages.com - EstevezR

Eine A320 von Eurowings Europe auf Teneriffa. © AirTeamImages.com /EstevezR

Flugverlegungen, Ausfälle, Verspätungen: Wegen der massiven Probleme im touristischen Verkehr probten die Reisebüros im Sommer den Aufstand. Die Reiseveranstalter blieben mit ihrer Kritik eher im Hintergrund. Schauinsland-Reisen ist da keine Ausnahme: Dem sechstgrößten deutsche Veranstalter ist an einem guten und langfristigen Verhältnis zu seinen Flugpartnern gelegen. Touristikchef Andreas Rüttgers zeigt im Gespräch mit airliners.de zeigt viel Verständnis für die besondere Situation in diesem Jahr. Er berichtet, wo die Air Berlin Lücken hinterlassen hat, was die Flugausfälle für sein Geschäft bedeuten und warum die eigene Airline Sundair zuverlässiger war als andere.

Herr Rüttgers, wie stark haben Sie als Veranstalter in diesem Jahr Air Berlin vermisst?
Andreas Rüttgers: Wir vermissen die LTU und die Air Berlin wegen der Menschen dort. Unser Unternehmen ist mit der LTU groß geworden, die ja von Air Berlin übernommen wurde. Mit vielen Leuten dort hatten wir seit über 20 Jahren zusammengearbeitet. Von daher hatte das Ende der Airline für uns schon einen hohen emotionalen Charakter. Und wir haben auch mitbekommen, was die ganze Tragödie für die Mitarbeiter bedeutete.

Und konkret im Fluggeschäft haben Sie die Airline auch vermisst?
Im direkten Vergleich zum Vorjahr haben wir sie nicht vermisst, denn damals hat sie schon viel Arbeit und Stress für uns bedeutet. Natürlich gibt es ein paar Strecken, die jetzt gefehlt haben. Da haben wir schon gemerkt, dass es Unterschiede im Flugangebot gibt und das nicht im ersten Jahr sofort alle Lücken gefüllt sind. Wir hatten am Ende nur noch einen Anteil von etwa 15 Prozent an Air-Berlin-Flügen. In den letzten drei Jahren hatten wir das schon deutlich heruntergefahren.

Also hatten Sie wenig Probleme, die Lücken zu füllen, die Air Berlin hinterlassen hat?
Das ist unterschiedlich - es gab in einigen Zielgebieten in diesem Sommer sogar Überkapazitäten, in anderen wiederum zu wenig. Gerade im Bereich der Langstrecke und für Andalusien haben wir schon gemerkt, dass es nicht genug Flüge gibt. Bei der Langstrecke fehlen zum Teil auch die innerdeutschen Zubringer, die Air Berlin früher angeboten hatte.

Und Mallorca?
Für Mallorca war 2018 ja alles andere als ein Boom-Jahr. Die Insel hatte aus dem deutschen Markt deutlich weniger Gäste als im Vorjahr, die Strände waren wesentlich leerer. Man hört immer, die Insel sei völlig überfüllt - das war definitiv nicht so. Wegen der geringeren Nachfrage gab es dann auch keine Probleme mit den Flügen.

Der Interviewpartner

© Schauinsland-ReisenAndreas Rüttgers ist bei Schauinsland-Reisen als Executive Director für das touristische Angebot und das Marketing zuständig. Er arbeitet seit 25 Jahren für das Unternehmen, zuvor war er bei Spezialveranstaltern tätig.

Das Unternehmen

Schauinsland-Reisen feiert 2018 sein 100-jähriges Firmenjubiläum. Ursprünglich als Spedition gegründet, wuchs das Familienunternehmen zum Busveranstalter und in den letzten Jahren zum führenden Touristikunternehmen Deutschlands. Der Umsatz erreichte im vergangenen Geschäftsjahr 1,34 Milliarden Euro. Von den 1,61 Millionen Gästen reisten 99 Prozent mit dem Flugzeug.

Im Flugbetrieb waren die Probleme dagegen massiv. Umplanungen, Ausfälle, Verspätungen - wie stark haben Sie als Veranstalter darunter gelitten?
Wir haben natürlich darunter gelitten in der letzten Saison. Aber in so einem derben Umbruch war einfach nicht zu erwarten, dass alles reibungslos ablaufen würde. Die Air Berlin war wahrlich kein keiner Player, und das wäre in jeder anderen Branche auch so passiert. Stellen Sie sich vor, die DHL oder UPS würden Konkurs machen und andere Paketdienstleister übernähmen das Geschäft. Das würde auch nicht vom ersten Tag an reibungslos klappen.

Das klingt relativ verständnisvoll …
Ja, es wird ja oft so getan, als hätten rein wirtschaftliche Erwägungen bei den Airlines zu den Problemen geführt, dass Flüge zusammengelegt und umgeplant wurden, um die Auslastung zu optimieren oder Ähnliches. So war es nicht - schuld war vor allem der Umstand, dass wir zu wenige Maschinen im deutschen Markt hatten. Viele der ehemaligen Air-Berlin-Maschinen waren einfach nicht mehr verfügbar wie ursprünglich geplant, und so fehlte es auch an Reserven, wenn Störungen auftraten. Dafür konnten auch die Airlines nichts.

Sie meinen also, die Airlines haben keine Fehler gemacht?
Offensichtliche Fehler gab es für uns nicht. Wir kennen natürlich auch nicht alle Entscheidungen, die da in den Chefetagen getroffen wurden. Aber die Planungen waren nicht so ambitioniert, dass wir hätten sagen können: Das muss von vornherein schiefgehen. Was ich sagen kann: Bei unserer Sundair, die von dem Air-Berlin-Umbruch nicht betroffen war, haben wir in diesem Sommer eine Pünktlichkeitsquote von 99 Prozent gehabt. Das zeigt ja auch, dass es keine grundlegenden Probleme am Himmel gab, sondern dass es an den besonderen Umständen lag.

Welche Auswirkungen hat der unregelmäßige Flugbetrieb bei Ihnen konkret?
Flugverspätungen oder -ausfälle machen natürlich Probleme, weil in den Zielgebieten die Transfers auf den Flugplan abgestimmt sind. Das musste dann immer wieder kurzfristig umgestellt werden. Wenn über den Tag vier, fünf Maschinen anders ankommen als geplant, dann muss man erst mal sehen, dass trotzdem die Busse passend für die Gäste da sind. Das hat viel Aufwand bedeutet, auch die Information an die Hotels, dass Gäste Stunden oder einen Tag später kommen.

Was bedeutet das für Sie in finanzieller Hinsicht?
Es hat uns schon richtig viel Geld gekostet. Wenn der Kunde ein paar Stunden zu spät im Hotel ankommt, dann bekommt er von der Airline vielleicht eine Ausgleichszahlung. Aber wenn der Kunde reklamiert, dass er einen halben Tag verloren hat, geht das auf unsere Kappe. Und wenn wir den Transfer ein zweites Mal bestellen müssen, weil der Flug verspätet ist, macht das der Busunternehmer natürlich nicht umsonst. Auch unsere Mitarbeiter hier in der Zentrale mussten Überstunden machen, die natürlich zu bezahlen sind.

Bekommen Sie von den Airlines etwas zurück?
Die Airlines übernehmen das, was sie flugtechnisch zu verantworten haben. Die anderen Kosten bleiben leider bei uns.

Konnten Sie als Veranstalter überhaupt Einfluss nehmen?
Wir haben uns unterjährig von einigen kleinen Carriern getrennt, wenn die Probleme zu massiv waren. Die Gäste haben wir dann auf andere Maschinen umgebucht.

Schauinsland-Reisen setzt überwiegend auf deutsche Airlines?
Für bestimmte Zielgebiete spielen dortige Airlines eine große Rolle, bei den Emiraten, der Türkei, Bulgarien etwa. Aber die Gesamtheit decken wir vor allem durch Eurowings, Condor, Tuifly und Germania ab.

Nun gab es noch zwei weitere Airlines, die ausgefallen sind: Small Planet und Azur Air - waren Sie davon betroffen?
Nein, wir hatten bei beiden nur kleine Kapazitäten.

Hat Eurowings im Touristik-Markt jetzt eine Vormachtstellung? Oder gibt es noch genügend Wettbewerb?
Wir haben nicht den Eindruck, dass wegen eventueller Engpässe die Preise unrealistisch nach oben gegangen sind. Die Airlines wissen ja auch: Es gibt für die Kunden eine finanzielle Grenze, Urlaub zu buchen. Also, wenn es tatsächlich zu Preissteigerungen kommen sollte, dann wären das nur wenige Prozentpunkte, und Fliegen bleibt weiterhin vergleichsweise günstig. Die Gäste wollen allerdings oft für 99 Euro nach Mallorca oder für 299 Euro auf die Kanaren fliegen und diese Preise sind einfach nicht kostendeckend.

Wie wichtig ist für Ihr Fluggeschäft die Beteiligung an Sundair?
Für ein stabiles Flugangebot hat das schon Bedeutung. Unsere Sundair hat jetzt schon vier Maschinen. Wir können die Flugplanung selber beeinflussen und dafür sorgen, dass die Maschinen nicht komplett ausgequetscht werden. So haben wir kurzfristig die Möglichkeit, auf Störungen zu reagieren und etwas umzudisponieren.

Wird 2019 also besser, was den Flugbetrieb angeht?
Wir sind uns sehr, sehr sicher, dass das nächste Jahr deutlich ruhiger verlaufen wird. Davon sind wir überzeugt, weil man auch zum Schluss der Sommersaison schon merkte, dass sich das eingespielt hat. Die Airlines haben mittlerweile umgeplant, und es sind wieder mehr Flugzeuge im Markt.

Herr Rüttgers, vielen Dank für das Gespräch!

Von: pra
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