Jenny Jetstream (44) ( Gastautor werden )

Die Druckkabine – ein unwirtlicher Ort?

14.10.2014 - 12:03 0 Kommentare

Knacken in den Ohren, Kopfschmerzen, eine trockene Zunge oder spannende Haut – wer hat das an Bord eines Flugzeuges nicht schon einmal erlebt? Aber woher kommt das eigentlich? Die Antwort weiß Jenny Jetstream.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Ein frappanter Unterschied zu einer Reise im Bus oder in der Bahn ist bei einem Flugzeug, neben den merkwürdigen Bewegungen bei Turbulenzen in alle Himmelsrichtungen, die Druckkabine. Was ist das eigentlich genau, und warum bereitet sie einigen Mitreisenden solche Probleme?

Ein Flugzeug fliegt in großen Höhen und damit in einem Raum, in dem menschliches Dasein ohne Hilfsmittel unmöglich ist: Zu kalt, zu wenig Sauerstoff, zu geringer Außendruck. Moderne Düsenjets verfügen daher über eine Druckkabine, die auch in Reiseflughöhe das Atmen und damit das Leben an Bord erlaubt. Kurz nach dem Start wird die Kabinenzelle künstlich aufgeblasen, mit aus den Triebwerken abgenommener Zapfluft wird der Luftdruck auf maximal 2500 Höhenmetern über NN gehalten, egal ob der Jet real in 10.000, 11.000 oder 12.000 Metern unterwegs ist. Da dieser Kabinendruck viel geringer ist, als auf dem Boden, bläht sich alles mögliche an Bord auf: Der Deckel auf dem Jogurt wölbt sich nach oben – ohne verdorben zu sein, Schoko-Riegel wirken in ihrer Umverpackung wie aufgeblasene Ballons, die Cola sprudelt kaum beherrschbar aus ihrem Behältnis und so manchem Passagier kneift nach einer Weile der Hosenbund.

Denn auch vor dem Menschen macht der veränderte Druck nicht halt. Dabei ist der Weg nach oben für die meisten Reisenden noch wenig problematisch, es sei denn, sie haben zum Beispiel einen frischen Gipsverband oder eine sich im Heilungsstadium befindende OP-Narbe. Hier kann der geringere Außendruck zu schmerzhaften, wenn nicht sogar zu lebensbedrohlichen Problemen führen. Ein starrer Gips gibt nicht nach, und eine labile Narbe kann vielleicht das sich plötzlich ausdehnende Gewebe nicht mehr halten.

Aber auch sensiblen Gemütern ohne derartige medizinische Vorgeschichte macht tatsächlich schon der Steigflug Probleme, darum wird bei manchen Airlines vor dem Start ein Bonbon angeboten. Das Lutschen produziert Speichel, dieser wiederum animiert zum Schlucken, was die gesamte Gaumen- und Rachenmuskulatur anregen soll. Diese beiden sind verantwortlich für die Dehnung und Öffnung der Eustachischen Röhre.

Die Eustachische Röhre verbindet Ohr und Nase

Sie ist für den Druckausgleich im Ohr zuständig und das Bindeglied zwischen Mittelohr und Nasenrachen. Gähnen und Schlucken können helfen, Linderung zu erlangen, bei Erkältung ist die frühzeitige Anwendung von Nasenspray unverzichtbar. Ist der Druckausgleich nicht möglich, können grausame Schmerzen entstehen und im schlimmsten Fall kann das Trommelfell platzen. Besonders sensibel sollte man mit Säuglingen und Kleinkindern umgehen. Flugmediziner sagen, dass Kinder unter sieben Jahren gar nicht flugtauglich sind, da sie den Druckausgleich nicht aktiv herbeiführen können.

Hier kann man sich nur mit dem Verabreichen von Getränken oder dem Lutschen von Bonbons behelfen. Kaugummi zu kauen ist eher eine Hilfe für erwachsene Gäste und leider führt auch das nicht immer zum Ziel. Bei ihnen hilft vielleicht alternativ der Vasalva-Handgriff, bei dem man sich die Nase zuhält und die Luft dort hinpustet, bis es in den Ohren knackt.

Auch im Körper dehnen sich Gase aus

Eine nicht zu unterschätzende Gefahr ist das Ausdehnen der Gase im menschlichen Körper an allen Stellen, zum Beispiel im Bauchraum, wo sie nicht spontan nach oben oder unten entweichen kann. Kariöse Zähne oder entzündete Zahnwurzeln machen sich stellenweise sehr eindrucksvoll im Flugzeug bemerkbar, genauso wie verstopfte Nasenneben- und Stirnhöhlen. Fliegendes Personal ist bei einer Erkältung fluguntauglich und muss zuhause bleiben. So mancher von uns hat die schmerzhafte Erfahrung am eigenen Leib machen müssen, weil er sich „nur wegen einer Rotznase“ nicht krankmelden wollte und dann doch geflogen ist. In der Regel macht man so etwas nur einmal.

Die trockene Luft der Klimaanlage und die Schwankungen in der Druckkabine geben Viren einen optimalen Nährboden und einem damit relativ schnell den Rest. Da die Luft in der Kabine mit Außenluft angereichert wird, die mehrfache erwärmt, komprimiert, gekühlt und wieder erwärmt wird, enthält sie kaum noch Feuchtigkeit, sie sinkt auf bis zu acht Prozent – viel Trinken lautet hier die Devise und bei empfindlicher Haut hilft eine gute Creme.

Spezielle „Flightcreams“ waren schon vor dreißig Jahren ein Renner und das nicht nur bei Flugzeugbesatzungen. Sie versprechen, die mangelnde Feuchtigkeit an Bord auszugleichen und natürlich cremt man den Jetlag damit auch gleich weg. Na ja, wer’s glaubt. Schaden kann es aber sicher nicht.

Bei einem Druckverlust ist rasches Handeln notwendig

Kommt die Druckkabine in einem seltenen Fall einmal zu Schaden, ist rasches Handeln gefragt. Man unterscheidet dabei zwischen einem langsamen und einem rapiden Druckverlust. Eine Undichtigkeit in einer Tür könnte einen langsamen Druckabfall hervorrufen. Dieser macht sich durch ein zischendes oder pfeifendes Geräusch bemerkbar, man bekommt vielleicht Kopfschmerzen, ein Druckgefühl auf der Brust, Schmerzen in den Ohren und die Kabinentemperatur würde langsam sinken. Wird eine gewisse Kabinenhöhe durch die Undichtigkeit überschritten, fallen die Sauerstoffmasken aus den Fächern über den Sitzen heraus.

Ein rapider Druckverlust, zum Beispiel verursacht durch einen Strukturschaden an der Außenhaut, würde sich wahrscheinlich mit einem lauten Knall äußern, rasantem Temperaturverlust und dadurch entstehenden Nebel in der Kabine. Lose Gegenstände würden umherfliegen, Luft massiv aus der Lunge gesogen – Zeit blitzschnell zu handeln! Die „Time of useful consciousness“, die Zeit in der das Bewusstsein unter Sauerstoffmangel noch tadellos funktioniert, beträgt in der normalen Reiseflughöhe lediglich 15 bis 20 Sekunden. Diese Zeit bleibt, um dann die vor einem baumelnde Sauerstoffmaske aufzusetzen und erst danach anderen zu helfen. Wichtig ist hier die Eigensicherung, bevor man zum Beispiel Kindern oder älteren Mitreisenden hilft.

Piloten werden einen Notsinkflug einleiten

Unsere Piloten haben im Cockpit eine eigene Sauerstoffversorgung und sie werden in beiden Fällen das Flugzeug in einem Notsinkflug auf eine Höhe bringen, in der das Atmen wieder normal möglich ist – gänzlich ohne Druckkabine.

Ich möchte damit niemanden Angst machen. In meinen 25 Dienstjahren habe ich lediglich eine einzige Sauerstoffmaske in der Kabine "live on stage" erlebt und das auch nur, weil der Schließmechanismus der Klappe durch einen neugierigen Passagier manipuliert wurde und sich bei der etwas forschen Landung dann öffnete. Kann ja mal vorkommen.

Wichtig ist in meinen Augen, sich damit auseinanderzusetzen, in welche Sphären man sich mit Hilfe der modernen Technik begibt, um sowohl im Regel- als auch im Ausnahmefall adäquat handeln zu können.

Es wünscht Euch schöne Flüge,
Eure Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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