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Die Ambivalenz des Lärms

24.04.2019 - 17:05 0 Kommentare

Am Tag des Lärms können wir dem Luftverkehr zugestehen, seine Hausaufgaben gemacht zu haben, findet Verkehrsjournalist Thomas Rietig. Auch die Schiene ist auf gutem Weg. Nur bei der Straße passiert so gut wie nichts.

EIne Flughafengegnerin demonstriert am 21.10.2012 an der neuen Landebahn Nordwest am Flughafen in Frankfurt am Main.  - © © dpa - Boris Roessler

EIne Flughafengegnerin demonstriert am 21.10.2012 an der neuen Landebahn Nordwest am Flughafen in Frankfurt am Main. © dpa /Boris Roessler

Mit dem Fluglärm als Aufreger klappt es ja in letzter Zeit nicht mehr so. Macht nichts; wir haben ja noch den Straßenlärm, den Lärm neben Eisenbahnstrecken, den Lärm in der Nähe von Fußball- und Tennisplätzen, den Lärm von Kindern im Außenbereich der Kitas oder auf dem Pausenhof der Schulen. Selbst ein einzelnes Kind kann eine halbe S-Bahn therapiereif brüllen.

Erinnern wir uns an die Aufregung über den "stummen Frühling". Da ging es um das wegen zunehmenden Artensterbens angeblich bevorstehende Ausbleiben des Vogelgesangs zur Morgendämmerung. Der Buchtitel aus den 1960ern machte im vergangenen Jahr noch einmal im Zusammenhang mit dem Bienensterben Schlagzeilen: Der Rückgang der Insekten hat einen Rückgang der Vögel zur Folge.

Dem Buch und seiner Autorin wird das anschließende Verbot des Insektenvernichtungsmittels DDT zugeschrieben. Dieses Verdikt hat den Rückgang des Artensterbens gebremst, sodass es inzwischen nur noch auf der Ackerflur andauert. In Wald und Garten Europas dagegen ist die Population von Amseln, Drosseln, Fink und Star stabil.

Wissenschaftlich fundierter Protest hilft also, wenn auch erst nach Jahr(zehnt)en. Beim Lärm ist das schwieriger, weil die Haltung der Menschen zu Geräuschen von Ambivalenz gekennzeichnet ist. Das gilt auch für Tiere. Ob sie unter Lärm leiden, ist nicht einfach herauszufinden, weil viele nicht drüber sprechen. Manche verstecken sich vorm Krach, wie zum Beispiel der Dackel in der Silvesternacht. Andere Hunde begleiten Lärm im Fernsehen oder Radio mit wolfsgleichem Heulen. Auch die 400 Stück umfassenden Damwildrudel im Mönchbruch südlich der Frankfurter Startbahn West zeigen sich seit Jahrzehnten immun gegenüber der Geräuschentwicklung der über ihnen startenden Jets.

Vom Brummen der Rosinenbomber

Zurück zu den Menschen. Besonders Militärflieger und ihre Fans mögen den "Sound of Freedom". Die Worte prangen über den Eingangsportalen einiger US-Fliegerhorste. Gemeint ist der nun wirklich ohrenbetäubende Lärm von Kampfjets als Zeichen der wehrhaften Demokratie. In Deutschland ist er kaum noch zu hören. Die älteren Berliner erinnern sich vielleicht an das Brummen der Rosinenbomber, die vor genau 70 Jahren tatsächlich die Freiheit der damals von unfreiem Land umschlossenen Hauptstadt sicherten. Die noch Älteren allerdings haben möglicherweise noch das Brummen derselben Maschinen im Ohr, mit denen zwar den Menschenrechten in Deutschland wieder zur Geltung verholfen wurde, aber mit hohem Blutzoll.

Tatsächlich geht aus den vielen Beispielen zum Tag des Lärms hervor, dass die Luftfahrt ganze Arbeit geleistet hat, um den Protest gegen den Lärm zu verringern. Die Hauptarbeit lag nicht in den PR-Kampagnen dagegen, sondern tatsächlich in Erforschung und Produktion lärmarmer Triebwerke. Heute übertönt die Amsel schon mal den Viertelvorsieben-Flieger nach München.

Schienenbonus für Lärm

Lange nachdem hohe Wände und leisere Triebwerke schon den Lärm der Flugzeuge dämpften, kamen die Bahnen auf den Trichter, dass sie auch etwas tun müssten, obwohl mehr Menschen von Bahnlärm beeinträchtigt werden als von Fluglärm. Noch heute verstummen die Gespräche in den Hallen der großen Bahnhöfe, wenn sich ein älterer ICE dem Gleis nähert, weil seine Kühlaggregate richtig Krach machen. Und wer einmal in Assmannshausen am Rhein, also mitten im Weltkulturerbe, übernachtet hat, fragt sich sowieso, warum es jahrzehntelang in Sachen Lärm einen Schienenbonus gab. Der Grenzwert für Lärmschutzmaßnahmen liegt danach um fünf oder gar zehn Dezibel höher als beim Straßenverkehr.

Aber auch die Bahnen sind aufgewacht: Die Deutsche Bahn verkündete zum Tag des Lärms, dass sie bereits 85 Prozent ihres Güterwagenparks mit leiseren Bremsen ausgestattet habe. Das Ziel, bis 2020 alle 63.000 Waggons umgerüstet zu haben, werde erreicht. Es blieb ihr auch keine Wahl. Denn ohne diesen Erfolg wäre die Forderung "Mehr Güter auf die Schiene" noch schwerer zu erfüllen. Wirtschaftlich kommt hinzu, dass die Schweiz, ein wichtiges Durchgangsland für Güterzüge, laute Waggons ab 2020 nicht mehr zulässt. Auch in Deutschland gibt es inzwischen ein vergleichbares Gesetz.

Und der Straßenlärm? Da hört man, das schiefe Bild sei erlaubt, nicht viel von Lärmminderung. Keiner regt sich auf. Im Gegenteil: Luxus-Sportwagen verfügen über einen Schalter, mit dem das Motorengeräusch auch bei geringeren Geschwindigkeiten deutlicher hervorgehoben werden kann. Und bei den leisen Elektroautos wird künstlich Geräusch erzeugt, damit Hörgeschädigte oder Fußgänger, die in ihr Smartphone versunken sind, auf die gefährlichen Vehikel aufmerksam werden. Es hat eben alles zwei Seiten.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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