Hintergrund

Die Abkehr vom Handgepäck

30.06.2017 - 08:01 0 Kommentare

Wenn Passagiere Gepäck aufgeben, wird es für Airlines am Flughafen teurer - deshalb setzten die Fluggesellschaften lange Zeit auf das Handgepäck. Doch viele Airlines denken nun um.

Der Koffer fürs Handgepäck darf nicht zu groß sein. - © © dpa - Tobias Hase

Der Koffer fürs Handgepäck darf nicht zu groß sein. © dpa /Tobias Hase

Es ist ein Szenario, das auf Flughäfen häufig zu beobachten ist: Vor der Sicherheitskontrolle in Berlin-Tegel steht ein Passagier mit zwei Rucksäcken. Er schaut ratlos. So kommt er nicht zum Gate, hat ihm ein Mitarbeiter des Personals soeben zu verstehen gegeben. Zu viel Handgepäck.

Der Mann hat nun drei Möglichkeiten. Entweder packt er so um, dass der kleinere im größeren Rucksack verschwindet und dieser trotzdem nicht zu schwer wird - unmöglich. Oder er lässt Teile seines Gepäcks am Flughafen zurück - indiskutabel. Dritte Option: Er gibt den großen Rucksack am Schalter auf. Das ist jedoch sehr teuer, sofern der Mann nur einen Tarif mit Handgepäck inklusive gebucht hat.

Easyjet zum Beispiel nimmt dann 47 Euro für das Aufgabegepäckstück. Fällt die Mogelpackung erst am Gate auf, sind es sogar 60 Euro. Ähnliche Preise kassieren auch andere Fluggesellschaften.

Nur noch Handgepäck wird zur Regel im EU-Verkehr

Bei Billigfliegern war der Aufgabekoffer immer schon kostenpflichtig. Doch auch Premium-Carrier wie Lufthansa bieten mittlerweile günstige Light-Tarife, die nur noch Handgepäck inkludieren. Reisende haben sich an diese neuen Verhältnisse am Himmel angepasst.

Flugreisen nur mit Handgepäck sind auf vielen Strecken in Europa eher die Regel als die Ausnahme. Bei Ryanair, der größten Airline Europas, fliegen mehr als 80 Prozent der Passagiere nur mit Handgepäck. Bei Easyjet ist es immerhin jeder Zweite. Eurowings nennt keine Zahlen.

Die Regeln der Fluggesellschaften lassen weniger Spielraum als früher. Meist sind ein normales Handgepäckstück und eine Mini-Tasche erlaubt. Die Abmessungen sind begrenzt, das Gewicht auf sieben bis zehn Kilo limitiert. Doch viele Fluggäste halten sich daran nicht.

Wir haben festgestellt, dass einige Kunden Taschen mit an Bord bringen, die die zulässige Größe überschreiten. Dies kann zu Verspätungen führen.

Robin Kiely, Sprecher von Ryanair

Auch dieses Szenario kennt man: In der Flugzeugkabine ist kein Platz für das gesamte Handgepäck der Passagiere, einige Stücke müssen im Frachtraum untergebracht werden. Das kostet Zeit. Der Flugbetrieb ist eng getaktet, im schlimmsten Fall verzögert sich der Abflug.

Airlines haben Gäste "erzogen"

Sind die Reisenden also selbst schuld an Verzögerungen, weil sie sich einfach nicht an die Gepäckbedingungen halten wollen? Nein, eher nicht. Cord Schellenberg vom Luftfahrt-Presse-Club in Oberursel sieht die Airlines in der Pflicht.

Schließlich habe die Preispolitik der Fluggesellschaften den Trend zum leichten Fliegen hervorgebracht: Wer zusätzliches Gepäck mitnimmt, zahlt drauf. "Die Flugreisenden bemühen sich natürlich, wann immer es geht, nur mit Handgepäck zu fliegen", sagt Schellenberg.

Handgepäck wird abgemessen

Lange Zeit waren Ryanair und Co. ganz zufrieden damit, dass immer weniger Menschen Gepäck aufgeben. Denn Airlines müssen am Flughafen für das Gepäck Gebühren zahlen. Und das Be- und Entladen frisst Zeit. "Die Einstellung war lange: Das Handgepäck kann ruhig ein bisschen schwerer sein", erinnert sich der Experte.

Diese Zeiten sind aber vorbei. "Dass man eine riesige Tasche als Handgepäck in den Flieger hineinschleppt, wird nicht mehr toleriert", sagt Schellenberg. Gepäckstücke werden abgemessen. Wer am Schalter eincheckt, dessen Handgepäck wird oft schon gewogen.

Nur noch kleine Schummeleien sind möglich

Zumindest grobe Regelverstöße sind kaum noch möglich - wohl aber kleine Schummeleien, siehe Ryanair. Und oft reicht der Platz in der Kabine auch dann nicht, wenn sich alle Passagiere an die Regeln halten.

Die Fluggesellschaften sind allerdings nicht tatenlos. Wenn möglich, werden während des Boardings die Handgepäckstücke gezählt. Ist die maximale Kapazität der Kabine erreicht, bitten die Mitarbeiter einzelne Fluggäste, ihre Trolleys abzugeben. Diese werden dann kostenlos im Frachtraum verstaut.

© Airline-Webseiten, Screenshot-Kollage airliners.de Lesen Sie auch: Was kostet eigentlich ein Flug? (1) Aviation Management

Der isländische Billigflieger Wow Air zeigt, wohin die Reise gehen könnte: Bei dem neuen Basic-Tarif ist nur noch ein "persönlicher Gegenstand" mit den Abmessungen 42 mal 32 mal 25 Zentimeter kostenlos. Das ist nicht mehr als eine kleine Handtasche.

Von: Philipp Laage, dpa, cs
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