Deutschland und Russland liberalisieren Luftfrachtverkehr

22.08.2016 - 11:03 0 Kommentare

Russland und Deutschland hatten das Thema Luftverkehr seit längerem auf der Agenda. In der jüngsten Verhandlungsrunde zur Lösung offener Fragen haben beide Seiten viele Hürden abgeräumt.

Entladung einer MD-11F der Lufthansa Cargo.  - © © Lufthansa Cargo - Jannah Baldus

Entladung einer MD-11F der Lufthansa Cargo. © Lufthansa Cargo /Jannah Baldus

Während in den zurückliegenden Jahren eher Eiszeit herrschte zwischen Russland und Deutschland beim Ringen um die Lösung kontroverser Verkehrsthemen, standen die am Donnerstag beendeten Gespräche ganz im Zeichen des Tauwetters. Obwohl die Resultate von beiden Seiten offiziell als vertraulich und vorläufig eingestuft wurden, war aus Kreisen der Teilnehmer und der betroffenen Frachtfluggesellschaft nur Zustimmung zu hören.

Wie das Fachportal CargoForwarder Global aktuell berichtet, profitiert aus deutscher Sicht vor allem der Leipziger Frachtflieger AeroLogic von dem Deal. Die Tochter von DHL Express und der Lufthansa Cargo (50 Prozent/50 Prozent) bemüht sich bereits seit Aufnahme des Flugbetriebs 2009 gegenüber Moskau um Anerkennung als designierte deutsche Cargogesellschaft. Diesen Status hatten die Russen bislang nur Lufthansa Cargo zugebilligt.

Bislang waren umfangreiche Genehmigungsverfahren nötig

In der Praxis bedeutet dies, dass AeroLogic ab dem kommenden Winterflugplan Ende Oktober Linienverkehrsrechte beim Durchfliegen russischen Luftraums auf ihren Nonstop-Routen zwischen Deutschland und Zielen in Fernost hat. Bislang wurden diese Querungen des Luftraums von den Moskauer Behörden nur als Charterflüge eingestuft, was umfangreiche und ständige Genehmigungsverfahren mit sich brachte.

© dpa, Patrick Pleul Lesen Sie auch: Luftverkehrsverhandlungen mit Russland bringen kaum Bewegung

Mit der Designierung erhält AeroLogic eine hohe Planungssicherheit auf Strecken von und nach Ostasien, die über Sibirien führen. Zugleich verringert sie damit den bürokratischen Aufwand, weil die permanente Antragstellung für die Verkehre entfällt und senkt die Kosten.

Wie CargoForwarder Global mit Berufung auf "informierte Kreise" weiter berichtet, erhält auch Lufthansa Cargo zusätzliche Rechte. Dies betrifft vor allem die Umläufe Frankfurt-Peking-Frankfurt, auf denen die Gesellschaft Boeing-777-Langstreckenfrachter einsetzt. Diese können die Route künftig nonstop fliegen, sind also von technischen Stopps in Krasnojarsk oder auf anderen russischen Flughäfen befreit.

Deutlich kürzere Flugzeiten

Durch den Wegfall von politisch bisher vorgeschriebenen Zwischenlandungen verkürzen sich die Flugzeiten deutlich und es entfällt die Zahlung zusätzlicher Landegebühren in die Kassen eines der sibirischen Flughafen. Ob weitere Ostasien-Flüge der Lufthansa Cargo Teil des in Berlin zwischen beiden Seiten vereinbarten Pakets sind, wird sich zeigen, sobald die zuständigen Transportministerien in Moskau und Berlin den Wortlaut der Beschlüsse veröffentlicht haben.

Umgekehrt haben sich auch die Russen einen dicken Brocken des deutschen Luftfrachtkuchens sichern können. Das betrifft den zum Volga-Dnepr-Konzern gehörenden Frachtflieger AirBridgeCargo (ABC) und dessen auf Zubringerverkehre spezialisierte Tochter Atran. Was die Einzelheiten angeht, beruft sich das Fachportal auf Aussagen des Delegationsmitglieds Oleg Demidov, den stellvertretenden Direktor für Externe Beziehungen bei der Volga-Dnepr-Gruppe.

Fünftes Freiheitsrecht für alle deutschen Flughäfen

Laut Demidov wurde ABC für alle deutschen Flughäfen das Fünfte Freiheitsrecht auf Routen von und nach Nord- und Lateinamerika zugestanden. Dies betrifft drei Linienflüge per Boeing-747-Frachter pro Woche – einer mehr als bislang zugestanden. Konkret heißt dies, dass die Gesellschaft dank der Neuregelung von sämtlichen deutschen Verkehrsflughäfen Fracht zu Destinationen auf dem amerikanischen Kontinent befördern kann.

Die fünfte Freiheit im Luftverkehr

Die fünfte Freiheit im Luftverkehr fußt auf einer Transportvereinbarung (International Air Transport Agreement) und regelt die sogenannten "kommerziellen oder auch gewerblichen Verkehrsrechte". Insgesamt gibt es im Luftverkehr neun Freiheiten. Was sie unterscheidet, lesen Sie hier:

© airliners.de, Lesen Sie auch: Die neun Freiheiten im Luftverkehr

Mehr noch: Auf dem Rückflug muss ABC künftig nicht mehr den zuvor genutzten deutschen Startflughafen ansteuern, sondern kann auf jedem anderen der hiesigen Airports landen und dort Waren abladen, also etwa in Hannover, Köln, Stuttgart, Hamburg oder Düsseldorf beispielsweise.

Bislang hatte das Berliner Transportministerium ABC die Fünfte Freiheit der Lüfte nur für die Flughäfen Frankfurt, München und Leipzig konzediert.

Moskau-München-Lüttich wieder für Frachttransport geöffnet

Ergänzend dazu weist Manager Demidov darauf hin, dass die deutsche Seite für die ABC-Tochter Atran die Route Moskau-München-Lüttich wieder für Frachttransport geöffnet hat. Diese hatte Berlin vor Monaten wegen der Unbeweglichkeit der russischen Politik in Sachen Designierung der AeroLogic kurzerhand eingefroren. Dank der jetzt erzielten Einigung bei den Berliner Verhandlungen kann Atran die Strecken wieder fünfmal wöchentlich bedienen, wobei die Gesellschaft wie zuvor vermutlich einen Boeing-737-Frachter einsetzen wird.

Vom CargoForwarder Global gefragt, wie die russische Delegation die jüngste Verhandlungsrunde über Luftverkehrsrechte unter dem Strich bewerten würde, betonte Demidov zwei Aspekte: Erstens, dass dank einer sehr entspannten Verhandlungsführung beider Delegationsleiter eine jederzeit konstruktive Arbeitsatmosphäre vorherrschte. Und zweitens, dass die russischen Teilnehmer "mit den erzielten Vereinbarungen ausgesprochen zufrieden" seien.

Von: Heiner Siegmund für airliners.de
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