Interview

"Deutschland ist noch relativ hochpreisig"

16.10.2018 - 07:23 0 Kommentare

Der Preiskampf im Transatlantik-Verkehr ist scharf: Air-Canada-Manager Jean-Christophe Hérault spricht im airliners.de-Interview über die Konkurrenz der Billigflieger, die Zusammenarbeit mit Lufthansa und den Boom im Kanada-Tourismus.

Jean-Christophe Hérault. - © © Air Canada. -

Jean-Christophe Hérault. © Air Canada.

Kanadas National-Carrier hat mit dem Ableger Air Canada Rouge bereits vor fünf Jahren auf den wachsenden Wettbewerb im Transatlantik-Verkehr reagiert. Seit 2017 ist die Günstig-Linie auch in Deutschland im Einsatz. Im Gespräch mit airliners.de berichtet Air-Canada-Deutschlandchef Jean-Christophe Hérault, wie preissensibel die Passagiere geworden sind, warum die Partnerschaft mit Lufthansa mal besser und mal weniger gut funktioniert und dass der deutsche Markt lukrativer für seine Airline ist als andere.

airliners.de: Herr Hérault, der Kanada-Tourismus boomt. Profitiert davon auch Air Canada?
Jean-Christophe Hérault:
Ja, schon 2017 war für uns ein Superjahr. Das lag vor allem an der hohen Nachfrage aufgrund des Kanada-Jubiläums: Zum 150. Geburtstag der Unabhängigkeit gab es freien Eintritt in die Nationalparks und viele andere Aktionen. Das Fremdenverkehrsamt und die Reiseveranstalter haben relativ viel Geld in Marketing investiert, und wir als Airline haben uns auch sehr stark engagiert.

Und dieses Jahr?
Jetzt war die Nachfrage fast noch stärker. Letztes Jahr haben viele, die nach Kanada fliegen wollten, in der Hochsaison keine bezahlbaren Unterkünfte und Camper mehr bekommen und dann die Reise um ein Jahr verschoben. Deshalb hatten wir schon im August und September sehr viele Frühbucher, also fast ein Jahr im Voraus. Normalerweise geht das für Kanada im November los.

Wie stark haben Sie denn in Deutschland zugelegt?
2017 sind die Umsätze bei Air Canada in Deutschland gegenüber Vorjahr um 17 Prozent gewachsen, die Anzahl der Passagiere um acht Prozent. Für 2018 zeichnet sich ein ähnlich gutes Jahr ab, genaue Zahlen habe ich noch nicht.

Der Interviewpartner

Jean-Christophe Hérault ist seit 2002 für Air Canada tätig, seit 2010 als Deutschland-Chef. Von Frankfurt aus betreut der gebürtige Franzose als Regional Manager Sales neben den deutschsprachigen Märkten auch Mittelosteuropa sowie Rumänien und Kroatien.

Bei diesem Andrang können Sie wahrscheinlich auch höhere Preise nehmen, gerade in der Hochsaison …
Na ja, das würde funktionieren, wenn wir als einzige fliegen würden. Aber man muss ja auch schauen, was der Wettbewerb macht. Die Kunden achten schon sehr genau auf den Preis - einen Unterschied von 100 oder 200 Euro nehmen sie für einen Nonstop-Flug noch in Kauf, viel mehr aber nicht. Dann buchen viele schon lieber eine Umsteigeverbindung, um Geld zu sparen - gerade wenn sie mit der ganzen Familie unterwegs sind.

Dann sind also auch Air France und British Airways eine starke Konkurrenz für Sie?
In den deutschen Offline-Märkten auf jeden Fall - denn sie füttern ihre Hubs selbst und können die Zubringer für ihre Toronto-Strecken nach Bedarf aufdrehen.

Aber Sie haben eine Partnerschaft mit Lufthansa, um Passagiere nach Frankfurt oder München zu bringen …
Richtig, aber das klappt mal sehr gut und mal weniger gut - abhängig davon, wie stark diese Zubringer gerade gebucht sind. Die Lufthansa hat ja selbst eine Langstreckenflotte, die sie feeden muss, und jede Menge Abkommen mit anderen Airlines, nicht nur in der Star Alliance. Also: Die Lufthansa-Steuerung trifft ihre Entscheidungen aufgrund vieler Faktoren, und daraus ergibt sich für uns im Verkauf ein relativ schwer zu kontrollierendes Auf und Ab.

Air Canada

Nach Emirates und United Airlines ist Air Canada der drittgrößte ausländische Langstrecken-Carrier an deutschen Flughäfen. Der Joint-Venture-Partner der Lufthansa betreibt sieben Strecken zwischen Deutschland und Kanada, davon drei nur im Sommer. Die Flotte umfasst 239 Maschinen, davon sind 53 Maschinen bei der 2013 gegründeten Low-Cost-Tochter Air Canada Rouge im Einsatz, die rund 80 Ziele auf der Mittel- und Langstrecke anfliegt.


Flugkapazitäten von Deutschland nach Kanada
Air Canada Lufthansa Condor
Januar 2019 53224 21540 0
Juli 2019 72869 57195 19425

Die Grafik zeigt die Zahl der angebotenen Flugsitze Richtung Kanada im Januar und Juli 2019. Quelle: ch-Aviation

Eine neue Konkurrenz im Transatlantikverkehr sind die Low-Cost-Carrier wie Norwegian, Wow Air und bald auch Westjet. Haben Sie darum jetzt Light-Tarife eingeführt?
Die Light-Tarife ohne Gepäck haben wir im Juni gemeinsam mit der Lufthansa eingeführt. Hintergrund ist natürlich, dass die Low-Coster nur solche Tarife anbieten und wir im Preisvergleich das Nachsehen hatten. Viele Kunden merken ja entweder gar nicht, dass kein Gepäck enthalten ist, oder sie merken es erst am Ende des Buchungsvorgangs und wollen dann die Buchung nicht wieder abbrechen. Wir gehen aber sehr transparent damit um und geben ihnen jetzt die Wahl zwischen Tarifen mit und ohne Gepäck.

Wie viele Passagiere wollen tatsächlich ohne Gepäck nach Kanada fliegen?
Unerwartet viele - sie buchen den Light-Tarif und rechnen damit, dass sie nur mit ihrem Bordgepäck durchkommen. Welche Auswirkungen das haben kann, wissen wir alle: Überfüllte Kabinen und lange Wartezeiten an den Sicherheitskontrollen. Deshalb setzen wir nach wie vor den Anreiz, gleich den Tarif mit Gepäck zu buchen - der Preis ist nur wenig höher.

Apropos Low-Cost: Mit Air Canada Rouge bieten Sie ja in Berlin auch ein Billigflugkonzept an. Wie kommt das an?
Wir nennen das nicht Low-Cost, sondern Leisure - Rouge ist ein faires Urlaubsprodukt.

Aber der Unterschied zum Air-Canada-Produkt ist doch schon beträchtlich …
Das ist ein anderes Produkt, aber wir spielen da mit offenen Karten und haben bei der Einführung in Berlin auch viel Aufklärung geleistet, damit die Leute wissen, was sie kaufen. Entscheidend und für die Passagiere sicher am wichtigsten ist doch: Bei Air Canada Rouge steht der Air-Canada-Konzern im Hintergrund - das bedeutet operationelle Sicherheit, auch wenn mal ein Flugzeug ausfällt. Rouge hat immerhin 25 Langstreckenmaschinen, die Maintenance wird von Air Canada übernommen, und die Piloten sind von Air Canada. Das Kabinenpersonal wurde speziell geschult, um an Bord Urlaubsstimmung zu verbreiten, insbesondere bei Kindern.

Ist geplant, Rouge noch auf weiteren Deutschland-Strecken einzuführen?
Wir wollen nicht an einem Flughafen die Produkte vermischen. Deshalb kommt das in Frankfurt und München nicht in Frage. Das sind für Air Canada vorrangig Geschäftsreiseziele, und da werden wir bei unserem Mainline-Produkt bleiben.

Flottenumbau

Der Umbau der Air-Canada-Langstreckenflotte ist Ende 2019 abgeschlossen: Bis dahin werden die letzten sechs Boeing 767 abgegeben. Seit 2014 hat die Airline 35 Boeing 787 bekommen, zwei folgen noch. Außerdem werden 2019 vier weitere Airbus A330 eingeflottet, von denen es bereits acht gibt. Weiterhin fliegen auf der Langstrecke 25 Boeing 777. Die Mittelstreckenflotte wird seit 2017 mit Boeing 737 Max und ab 2019 mit A220 modernisiert.

Eine Boeing 787-9 der Air Canada. Foto: © AirTeamImages.com, Alvin Man

Air Canada fliegt nächstes Jahr auch nach Wien. Wird der Flugplan in Deutschland ebenfalls ausgebaut?
Neue Strecken sind derzeit nicht geplant. Wir haben ja im letzten Jahr mit Berlin-Toronto und Frankfurt-Vancouver gleich zwei neue Verbindungen aufgenommen. Und beide laufen sehr gut - in Berlin erhöhen wir im nächsten Sommer die Frequenz von vier auf sechs Flüge pro Woche. Und worüber wir uns besonders freuen: Ab Sommer 2019 ist endlich die gesamte Langstreckenflotte mit dem neuesten Produkt ausgerüstet. Als letztes werden ab Jahresende die A330 umgebaut.

Vor allem für Langstrecken-Carrier bedeuten die steigenden Ölpreise eine Belastung. Ein Grund für Air Canada, jetzt eher vorsichtig zu planen?
Bisher sind unsere Probleme damit nicht allzu groß. Wir haben ja mit den 787 und den 777 eine relativ moderne und effiziente Flotte. Und man muss sagen: Gerade der deutsche Markt ist für Air-Canada-Verhältnisse noch relativ hochpreisig, verglichen etwa mit Frankreich, Großbritannien oder Osteuropa. Das Geschäft ist hier nach wie vor lukrativ. Darum sehe ich nicht, dass es in Sachen Flugplan oder Produkt große Änderungen geben wird.

Herr Herault, vielen Dank für das Gespräch.

Von: pra
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