Deutsche Luftfahrtindustrie sucht am Zuckerhut die Internationalität

20.03.2014 - 13:41 0 Kommentare

In Brasilien auf der Suche nach neuen Horizonten: Die Zulieferer aus Deutschlands Luftfahrtindustrie suchen im WM-Land den Schulterschluss mit potenziellen Kunden. Es wird höchste Zeit, mahnen Experten wenige Wochen vor dem ILA-Start.

Die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie ist ein boomendes Milliardengeschäft, doch die dramatischen Verschiebungen der Wachstumszentren lassen bei der Branche rote Warnlampen flackern. Vor allem die deutschen Zulieferer sind nur schlecht für die Zukunft gerüstet, bestätigen Experten.

«Wir sehen bei ihnen eine extreme Abhängigkeit von Airbus und MTU, da sind die Franzosen etwas besser aufgestellt», sagt etwa Michael Santo von der Unternehmensberatung h&z. «Echte global player gibt es da nicht, die sind überwiegend im lokalen Markt verankert.» Santo war verantwortlich für eine Studie, die im Vorfeld des letzten Luft- und Raumfahrtsalons in Le Bourget 2013 der Branche beider Länder den Puls fühlte.

Erwartungen der Flugzeugbauer sind gestiegen

Gerade arbeitet er mit Blick auf die Internationale Luftfahrtausstellung in Berlin (ILA) an einer ähnlichen Studie. Auch andere kritische Beobachter kommen zu einer ähnlichen Einschätzung. Die Erwartungen der Flugzeugbauer - allen voran Branchenprimus Airbus - sind gestiegen. Zulieferbetriebe sind künftig nicht mehr die verlängerte Werkbank, sondern erhalten zunehmend mehr Verantwortung fürs Projektmanagement oder das Management von Unterlieferanten. Nach dem Vorbild der Automobilindustrie sollen sie ganze Bauteile liefern.

Das Dilemma: Die rund 850 vor allem in Norddeutschland sowie Bayern und Baden-Württemberg angesiedelten Zulieferer sind in erster Linie kleine und mittelständische Betriebe. «Die Internationalität der deutschen Zulieferer ist heute einfach nicht gegeben, das sind bis auf Ausnahmen wie den Automatisierungsspezialisten Brötje vor allem regional in Europa tätige Unternehmen», sagt Santo, der den Umsatzanteil der Branche außerhalb des Stammgeschäfts auf maximal fünf bis zehn Prozent schätzt. Vor allem Niedersachsen und Bayern hätten jedoch Initiativen angestoßen, die einen Kurswechsel einleiten.

Lateinamerika lässt Europa blass erscheinen

Neben Asien und der Golfregion boomt Lateinamerika mit einem Wachstum, das Europa blass erscheinen lässt. Im größten lateinamerikanischen Land sah sich am Donnerstag eine Delegation der deutschen Zulieferindustrie beim weltweit viertgrößten Flugzeugbauer um. Denn die Firma Embraer aus dem Schwellenland Brasilien gilt als weltweit viertgrößter Flugzeugbauer und besetzt mit ihren Produkten erfolgreich eine Marktnische. Dort werden Jets gebaut, die je nach Ausführung Platz für bis zu 130 Passagiere bieten. Wer früher ein Flugzeug in dieser Größe benötigte, griff entweder zum Produkt des kanadischen Konkurrenten Bombardier oder von Airbus oder Boeing.

Doch auch wenn die beiden Giganten Airbus und Boeing mit ihren großen Verkehrsmaschinen lange Zeit die unumstößlichen Herrscher am Himmel waren: die Konkurrenz wächst. Bisher zwar nur in den unteren Segmenten, doch die Anbieter auch aus China oder Russland stoßen zunehmend selbstbewusster mit ihren Maschinen auf den Markt. «Brasilien ist ein hoch interessanter Markt für die Luftfahrtindustrie», sagt Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil (SPD), der in seiner Rolle als Bundesratspräsident der heimischen Luftfahrtindustrie im WM-Land Türen öffnen will.

Es sei logisch, dass deutsche Unternehmen hier schauten, mit wem sie kooperieren könnten, hatte er zum Antritt der reise gesagt. Die gesamte deutsche Branche mit ihren bundesweit gut 100.000 Beschäftigten legte 2012 beim Umsatz um 10,3 Prozent auf 28,4 Milliarden Euro zu - aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor, wie der Branchenverband BDLI in Berlin mitteilte. Wachstumstreiber waren vor allem der wichtige Sektor Zivilluftfahrt sowie die Raumfahrt.

Von: dpa
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