Spaethfolge (150) ( Gastautor werden )

Der Lack ist ab

11.09.2013 - 12:31 0 Kommentare

Flugzeugfans lieben Sonderbemalungen. Manche Airlines geben sich richtig Mühe – etwa Finnair. Im Mai war ich in Helsinki bei der feierlichen Vorstellung der neuesten Kreation. Die ist inzwischen mit Schimpf und Schande wieder verschwunden.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Ich mag Finnair. Die kommt aus einem dünn besiedelten Land am nördlichsten Rand Europas und muss sich daher immer wieder mit besonderen Einfällen ins Spiel bringen. So ähnlich ist es bei Air New Zealand auf der anderen Seite der Weltkugel auch, klein aber oho, das gilt in beiden Fällen. Wer klein ist und nicht viel Geld hat, muss doppelt so innovativ sein wie die Großen.

Bei den Finnen fallen mir unglaublich viele Beispiele ein, wo die Gesellschaft mit ungewöhnlichen Aktionen für Aufsehen sorgte. Das fängt schon an mit den bei Spottern sehr beliebten Weihnachtsmotiven als Sonderbemalung, bei der alle paar Jahre wieder Rentierschlitten und Weihnachtsmänner die Flotte verzieren. Ganz groß raus kam Finnair 2008, zu ihrem 85. Jubiläum. Damals entwarf sie eine Zukunftsvision, wie die Luftfahrt in 85 Jahren, im Jahr 2093, aussehen könnte. Etwa mit dem A600-850M, einem emissionsfreien Überschalljet, der senkrecht startet und seine Energie aus Solarpanelen bezieht. Wird vermutlich nie Realität, war aber ein schöner PR-Gag.

Wesentlich handfester war da schon die A319 „Silver Bird“ in historischer Bemalung. Das Jubiläumsflugzeug war 2008 monatelang in ganz Europa unterwegs und verzückte Luftfahrtfans: Die Flugbegleiter trugen historische Uniformen, im Bordprogramm liefen großartige alte Werbefilme, an Bord wurde wie zu Propellerzeiten ein Blatt mit den wichtigsten Daten des Fluges herumgereicht, sogar das Catering hatte historische Bezüge. So liebevoll hat selten eine Airline ein Jubiläum inszeniert.

Ab Ende 2009 konnte Finnair mit einer anderen weltweit einmaligen Attraktion aufwarten: Dem Via Spa am Flughafen Helsinki, der genialsten Einrichtung die ich je an einem Flughafen gesehen habe. Ein kleiner Swimming Pool und mehrere wunderbare Saunen, darunter eine mit Blick aufs Vorfeld. Drinnen traf ich Leute, die sich noch nie so über eine mehrstündige Flugverspätung gefreut hatten wie an dem Tag, an dem sie die Wartezeit in diesem Jungbrunnen verbrachten. Und heute? Vor über einem Jahr ist das Via Spa sang- und klanglos geschlossen worden, offenbar wegen zu geringer Nutzerzahlen. Ein Jammer. Über den Verlust konnte auch das originelle Buch nicht hinwegtrösten, das Finnair-Flugbegleiter kürzlich über ihre lustigsten Flugerlebnisse schrieben.

Das letzte große Ding bei Finnair ist nun die Kooperation mit dem Designhaus Marimekko, bekannt für seine ikonischen Stoffmuster mit Blüten und Streifen. Japaner pilgern in Helsinki in Scharen in den Flagship Store und auch ich besitze einige Hemden des Hauses. Natürlich ist so eine Kooperation der nationalen Airline mit einem der weltweit bekanntesten Designhäuser des Landes ein Win-Win, sollte man meinen. Seit Oktober 2012 geht die A340-300 OH-LQD in einer Sonderbemalung des bekannten Musters „Unikko“ (Mohn) in die Luft, gleichzeitig gibt es an Bord neue Geschirre und Servietten in Marimekko-Designs.

Im Mai war ich nach Helsinki eingeladen, um der Enthüllung des zweiten Design-Flugzeugs beizuwohnen. Dort wurde die A330 OH-LTM präsentiert mit einem blauen Wald am hinteren Rumpf, genannt „Metsänväki“, Waldbewohner. Eine Frau wurde uns auf dem Vorfeld als Designerin präsentiert, die streng wirkte wie eine Lehrerin, und freundlich über „ihren“ Wald und dessen märchenhafte Magie plauderte. Seit 2007 bereits gab es das Motiv als Stoff zu kaufen.

Aber erst der große Medienhype um die Flugzeug-Sonderbemalung brachte die bittere Wahrheit ans Licht. Sehr bald stellte sich nämlich heraus, dass die gute Dame das Motiv abgekupfert hatte bei einer verstorbenen ukrainischen Künstlerin. Sehr peinlich für Marimekko und Finnair, auch wenn die Airline nichts dafür kann. Binnen weniger Wochen wurde das zuvor aufwändig auf den Airbus aufgebrachte Kunstwerk wieder abgeschliffen und schließlich weiß übermalt, ein in der Luftfahrtgeschichte ziemlich einmaliger Vorgang. Auch auf der Finnair-Website ist jede Erinnerung an diese Schmach getilgt, als hätte es sie nie gegeben.

Ich war erst am vergangenen Wochenende wieder in Helsinki, diesmal mit der neuen A321 samt Sharklets, und sah dort die jetzt neutralisierte OH-LTM. Komisches Gefühl, dass vor gut einem Vierteljahr unter der damals kunstvollen Bemalung noch Flugbegleiterinnen für unsere Fotos Luftsprünge vollführten – und jetzt soll das alles nicht mehr wahr sein. Die Kooperation mit Marimekko gehe trotzdem weiter, betont Finnair, schließlich will man ja all die extra angefertigten schönen Teekannen, Teller und Wolldecken des Design-Hauses nicht in die Tonne treten, warum auch. Zumal Finnair mich auch letzte Woche wieder mit einmaliger Originalität überraschte: Mit einer Tragetasche aus recycletem Uniformstoff, garantiert porentief echt, früher getragen vom Check-in-Personal. Das soll erstmal einer nachmachen.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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