Schiene, Straße, Luft (11) ( Gastautor werden )

Das Rennen ist eröffnet

08.12.2017 - 08:01 0 Kommentare

In unter vier Stunden von Nord nach Süd: Sonntag wird die neue ICE-Strecke Berlin-München eröffnet. Verkehrsexperte Thomas Rietig zeigt die historischen Dimensionen der Route - auf der Straße und in der Luft.

Blick aus dem Zug-

Blick aus dem Zug-"Cockpit" auf der Strecke Berlin-München: Mehr Wettbewerb im innerdeutschen Verkehr. © Thomas Rietig

Fassen wir es einfach mal als Wettbewerb auf. Der Startschuss fällt jetzt. Nach mehr als zwei Jahrzehnten Planung, politischem Gezerre und Bau beginnt am Sonntag der Regelbetrieb auf der ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin-München.

Mit einer Fahrzeit von unter vier Stunden geht die Deutsche Bahn hier an den Start. Sie will auf der Strecke 40 Prozent Marktanteil oder 3,6 Millionen Fahrgäste pro Jahr erreichen, nach eigenen Angaben "doppelt so viel wie heute und mehr als das Flugzeug".

Die ICE-Züge treten gegen Easyjet und Lufthansa an. Der Kranich nennt offiziell keine Zahlen, dementiert aber 1,2 Millionen Passagiere jährlich zwischen Berlin und München nicht. In der augenblicklichen Situation bekommen die Kontrahenten von Schiene und Luft Schützenhilfe durch die Air-Berlin-Pleite, dank der die Lufthansa-Flieger gut auslastet sind, die Züge ebenso - dort herrscht aber oft drangvolle Enge.

Trasse wurde endlich ausgebaut

Das Rennen geht über knapp 600 Kilometer. Diese Entfernung entspricht nach allgemeiner Einschätzung der Grenze der Konkurrenzfähigkeit der Bahn mit dem Flieger oder liegt sogar knapp darüber. Die Bahn fährt auf Teilstrecken mit dem ICE 3 maximal 300 Kilometer pro Stunde, die genannte Reisezeit ist - wenn alles klappt -, aber auch mit Tempo 250 zu erreichen. Mehr schafft der neue ICE 4 ohnehin nicht.

Eisenbahnfans können sich freuen, dass endlich Schluss ist mit dem hämischen Hinweis, die Fahrzeit auf der Strecke habe sich jahrzehntelang mit bestenfalls 6.08 Stunden kaum verbessert, seit in den 1930er-Jahren die Schnelltriebwagen "Fliegender Münchener" der Reichsbahn in sechsdreiviertel Stunden von der Spree an die Isar dieselten. Während der deutschen Teilung dauerte die Bahnfahrt gar acht Stunden.

Die politischen Verhältnisse bis 1989 verschafften dem Flugzeug ohnehin einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Es überwand kontrollfrei gleich zweimal pro Strecke die innerdeutsche Grenze. Dagegen waren die Züge unkomfortabel und unattraktiv, und die Autofahrt durch die DDR gestaltete sich als einzige Quälerei. Aber auch später trug die Politik einiges zur Benachteiligung der Bahn bei, denn sie baute die Autobahn A9 schnell und großzügig aus, während die Streckenführung des größten "Verkehrsprojekts Deutsche Einheit" jahrelang umstritten blieb, der Bau stagnierte und nicht mal die Deutsche Bahn wirklich Lust verspürte, beim Zeitplan Druck zu machen.

Genau der richtige Zeitpunkt

Die Inbetriebnahme der Strecke kommt für die Reisenden zum richtigen Zeitpunkt, denn Deutschland hat einen funktionierenden und attraktiven Bahnbetrieb gerade besonders nötig. Mit Air Berlin ist ein großer Player des innerdeutschen Verkehrs verschwunden. Der Bahnreisende merkt es vor allem in der nun gut gefüllten ersten Wagenklasse. Platzmangel und Ticketpreisanstieg in den Fliegern sind neben der Beschleunigung auf dieser wichtigen Verbindung eine echte Chance für die Bahn, zusätzliche Kunden zu gewinnen.

Mehrfach haben Politiker in Sonntagsreden erklärt, dass es sich bei der Eröffnung der Strecke sogar um eine Kampfansage an den Luftverkehr handele. Sollte das heißen, dass es keine Flieger mehr zwischen Berlin und München gibt, wenn die Bahn gewinnt? So wie zwischen Hamburg und Berlin oder Frankfurt und Köln? Daraus wird wohl nichts: Die Lufthansa rechnet ihrerseits mit steigenden Fluggastzahlen wegen des Bedeutungsgewinns der Hub-Funktion in München.

Für Wachstum muss die Bahn sich jedoch mehr anstrengen

Will die Bahn den Zuwachs nachhaltig gestalten, so klappt das nur, wenn sie wieder zu Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit zurückfindet. Zurzeit erweckt sie auch bei Windstille und Sonnenschein den Eindruck, sie meistere die eigenen Betriebsbedingungen nur mühsam. Im Fernverkehr wird sie 2017 nicht einmal mehr zu 80 Prozent pünktlich fahren.

© AirTeamImages.com, TT Lesen Sie auch: Auf diesen Air-Berlin-Strecken droht ein Lufthansa-Monopol Analyse

Das Rennen ist jedenfalls eröffnet. Ein spannender Vergleich wird möglich, und wir können uns schon darauf freuen, wie alle Beteiligten die Daten und Zahlen, die sie nun sammeln, zu ihrem Vorteil interpretieren werden.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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