Die Born-Ansage (80) ( Gastautor werden )

Das Rennen um die Krone des stärksten Realitätsverlusts

01.03.2018 - 10:56 0 Kommentare

Karl Born hat sich das Kapitel zum Luftverkehr im neuen Groko-Koalitionsvertrag angeschaut - und sieht darin Parallelen zur ach so ausgeklügelten Lufthansa-Lackierung.

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. - © © airliners.de, Karl Born -

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. © airliners.de, Karl Born

Quantitativ gesehen ist der Luftverkehr in der Koalitionsvereinbarung besser weggekommen als der Tourismus. Während der Tourismus in neun kärglichen Zeilen mit mehr oder weniger nichtssagendem Inhalt abgefackelt wurde, findet man den Luftverkehr in immerhin 55 Zeilen wieder (von 8376 Zeilen insgesamt).

Die Luftverkehrsverbände haben den Koalitionsvertrag überwiegend positiv aufgenommen. Wie bitte? Tatsächlich steht in der Koalitionsvereinbarung viel Altbekanntes, nämlich Etliches, was auch im Koalitionsvertrag von 2013 zu finden war und nicht umgesetzt wurde.

Diese Wiederauflistung von Themen und Versprechungen, die seit vier Jahren nicht erfüllt wurden, löst schon ein Jubeln der Verbände aus? Da darf sich der Luftverkehr nicht wundern, wenn er auf der Prioritätenliste der Regierung ziemlich weit hinten steht. Mit sklavischer Gefolgschaft kommt man bei dieser Regierung nicht weit.

Groko lässt Luftverkehrsabgabe unerwähnt

Ungern sage ich, dass die Automobilindustrie, mit ihren betrügerischen Machenschaften, in Sachen Lobbyarbeit Vorbild ist. Wer jüngst Dorothea Bär (CSU), eine von zwei möglichen Kandidaten für den Job des neuen Verkehrsministers, bei "Markus Lanz" gesehen hat, musste das Gefühl haben, dass sie jüngst aus einem Trainingslager der Automobilbranchen gekommen ist. Nachgiebigkeit ohne Ende.

Im neuen Koalitionsvertrag findet sich zum Thema Luftverkehrssteuer kein Wort. Schon vor der Einführung 2011 hatten führende "Luftverkehrs-Abgeordnete" angekündigt, dass sie dagegen sein wollten. Unter ihnen auch Peter Ramsauer (CSU). Aber als Verkehrsminister, hat er sich dann der "Schäuble-Disziplin" untergeordnet.

2013 stand die Abschaffung der Luftverkehrssteuer dann im Entwurf des Koalitionsvertrags, war aber in der Endfassung seltsamerweise verschwunden. Der Kassenwart hat eben das letzte Wort - der sogenannte "Schäuble-Effekt".

Merkel zeigte 2009 noch Verständnis

Im Vorfeld der aktuellen Koalitionsverhandlungen wurde von einigen Politikern eine stufenweise Veränderung der Luftverkehrssteuer in Aussicht gestellt. Dummerweise hat dann wohl der kommissarische Kassenwart und Merkel-Schoßhund Peter Altmaier ein altes Papier von Schäuble im Schreibtisch gefunden und schwuppdiwupp steht die Luftverkehrssteuer nicht im Koalitionsvertrag.

© dpa, Britta Pedersen Lesen Sie auch: Das will die Groko im Luftverkehr

Wie die Verbände da etwas Positives sehen konnten - und das in der Nach-Air-Berlin-Ära ...

Von Dauerbrennern wie dem Single European Sky will ich gar nicht erst anfangen ... Der seit Jahrzehnten von allen Verkehrsexperten geforderte Single European Sky stand bei der deutschen Luftverkehrspolitik in den vergangenen Jahren ganz oben auf der Agenda - zumindest zu Beginn der jeweiligen Amtsperiode.

Selbst die Autokanzlerin Merkel zeigte in ihrem Grußwort auf der 30-Jahres-Feier der Air Berlin (2009), dass ihr dieses Luftverkehrsproblem bekannt sei. Politische Reaktion schon damals Null und was finden wir davon in der jetzigen Koalitionsvereinbarung? Nichts.

Des Kranichs neue Kleider

Aber der lächerlichste Punkt der Koalitionsvereinbarung im Abschnitt Verkehr lautet: "Alle Beteiligten sind aufgefordert, an einer zügigen Fertigstellung des neuen Hauptstadtflughafens BER mitzuwirken." Ende des Zitats. Geht’s noch?

Ich habe mir überlegt welches Märchen dazu passen würde: Des Kaisers neue Kleider, "alles nur heiße Luft, konkret bin ich nackt"; oder besser: Rumpelstilzchen, "ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich als Bund zu einem Drittel für diese Misere verantwortlich bin".

Dabei fällt mir noch ein anderes wunderbares Märchen ein: "Des Kranichs neue Kleider werden noch mal angepasst" - so hat es airliners.de exklusiv gemeldet:

© AirTeamImages.com, Matthias Geiger Lesen Sie auch: Lufthansa überarbeitet neue Lackierung

Lufthansa muss die gerade pompös vorgestellte neue Lackierung überarbeiten. Das Blau wirkt bei widrigen Wetterbedingungen zu dunkel. In den sozialen Netzwerken hat man genau das unmittelbar nach Vorstellung sofort bemerkt und thematisiert.

Aber Lufthansa ignorierte diese Netz-Intelligenz und vertraute auf ihre Marketingagentur. Oh wie peinlich. Das Denkmal "Neues Logo" hatte von Anfang an einen bösen Riss.

Und das Ganze nach "intensiven Vorstudien" sowie angeblich 800 Entwürfen. Wie heißt es im neuen Markenauftritt der Lufthansa - „#SayYesToTheWorld“. Da möchte man für Lufthansa hinzufügen, was auch für die Politik gilt: #SayYesToTheReality.

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de
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  • Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. Ohrfeige des Jahres für den Flugverkehr

    Die Born-Ansage (93) Ganz schön harter Tobak, den der Luftverkehr da aktuell über sich ergehen lassen muss - Manager und Politiker teilen kräftig aus, konstatiert Karl Born. Wenn sich sogar schon der Bahnchef zu Wort meldet, läuft etwas gewaltig schief.

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