Spaethfolge (92) Das Laster mit den Listen

25.07.2012 - 08:18 0 Kommentare

Kaum etwas hält die PR-Maschinerie von Airlines so auf Trab wie die Verleihung irgendwelcher Auszeichnungen. Manche davon sind zweifelhaft, einige inflationär. Und ich habe jetzt sogar noch Ranglisten zu recht abseitigen Themen entdeckt.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Gott sei Dank, es ist mal wieder vorbei. Das britische Marktforschungsinstitut Skytrax hat neulich in Farnborough wieder ihre jährlichen Airline-Awards verliehen – und danach haben entsprechende Pressemitteilungen von PR-Agenturen über die ach so großen Erfolge ihrer Airline-Auftraggeber bei diesem Ranking wieder wochenlang meine E-Mail-Inbox verstopft. Interessant war nur zu sehen, wie einige Agenturen Stunden, andere aber Wochen vergehen ließen, mich und andere Journalisten über eine derart brandheiße Nachricht zu informieren, die wir natürlich längst wussten. Skytrax befragt Millionen Fluggäste, obwohl Genaueres über Vorgehensweise und Methodik sowie etwaige kommerzielle Interessen von Skytrax nicht zu erfahren ist. Diese Auszeichnungen gelten in der Branche als die wichtigsten, weil unabhängigsten. Ist ja schön und gut, wenn sich Fluggesellschaften Mühe geben und dafür auch mal gewürdigt werden.

Was allerdings nervt, ist, dass sich die Initiatoren offenbar so in ihrer Rolle sonnen, dass sie inzwischen eine schier unfassbare Menge an Awards geschaffen haben – ich habe mal nachgezählt: 61 Kategorien gibt es inzwischen allein für Airlines, immerhin noch 51 für Flughäfen, die in einer separaten Umfrage und Veranstaltung abgefeiert werden. Ich war mal dabei, als damals noch in Hamburg auf der Aircraft Interiors Expo die Preise verliehen wurden und sich gestandene Airline-CEOs aufgeregt um das Podium scharten. Hat dann jemand gewonnen, wird er ausgerufen, bekommt einen Bilderrahmen mit Urkunde überreicht, einen Handschlag vom Skytrax-Chef, drei Fotos werden geschossen, das war’s, Abgang nach 50 Sekunden, der nächste bitte. Fließbandabfertigung.

Wem nützen diese Umfragen? Den Gewinner-Airlines, die damit heftig werben, allen voran Qatar Airways, die bei Skytrax immer vorzüglich abschneidet. Vielleicht auch Skytrax. Dem Passagier kaum. Was hat er schon davon zu wissen, dass Malaysia Airlines den ersten Preis errang für den „Best Airline Signature Dish“, Satay-Spießen, vor Asiana („bibimbap“) und AUA (Wiener Kaffeehauskultur)? Oder dass Etihad beide Preise abräumte für beste First-Class und besten First-Sitz (seltsam, dass es dafür zweier Kategorien bedarf) und Turkish sowohl in Europa als auch in Südeuropa vorn liegt? Lange Zeit gab es in der Branche viele undurchsichtige Umfragen und Ranglisten, etwa von Zeitschriften, die vor allem ihre Anzeigenkunden damit hofierten und irgendwelche sinnfreien Awards verliehen. Das immerhin ist dank Skytrax weniger geworden.

Trotzdem gibt es weiterhin höchst seltsame Rankings. Zum Beispiel kürzlich über die angeblich schönsten Stewardessen, die von der israelischen El Al kommen sollen, gefolgt von den Damen bei Aerolineas Argentinas und Shenzhen Airlines. Alle Medien griffen die Meldung gern auf – dumm nur, dass absolut niemand jemals von der angeblich die Umfrage veranstaltenden Organisation „World Air Hostess Association“ gehört hat. War das Ganze also nur Scherz oder Undercover-PR? Seriöser kam jetzt ein neues Ranking der bis dato unbekannten Website airlinetrends.com daher, die die zehn innovativsten Airlines 2012 benannte (Korean Air vor BA und Delta) und dies immerhin jeweils ausführlich begründete. Aber irgendwie riecht mir das Ganze sehr nach einem Skytrax-Imitator, der den Trend nicht verpassen will.

Man kann aber auch über noch abseitigere Aspekte der Luftfahrt Ranglisten ermitteln und damit für Furore sorgen – oder zumindest die Bekanntheit der eigenen Marke fördern. Ein globales Buchungsportal ermittelte jetzt unter 2.700 Befragten (warum so wenige?) die zehn abstoßendsten Dinge, die Passagiere an Mitfliegern nerven: Auf Rang 1 mit 28 Prozent stehen Männer, die durch schlecht sitzende Hosen die Spalte zwischen ihren Pobacken enthüllen. Darauf folgen Schweißflecken; unbedeckter Bierbauch; aggressive Logos auf T-Shirts; weiße Socken in Sandalen; Frauen, die tief in ihren Ausschnitt blicken lassen; Männer, die ihre haarige Brust zeigen; Schmuck, der Geräusche erzeugt; Fußballtrikots und schließlich Leute in Flip-Flops. Das alles hat jeden im Flieger so oder anders schon mal abgestoßen und es liest sich zumindest anregend.

Praktischen Wert dagegen vermittelt die ebenfalls gerade veröffentlichte Rangliste einer amerikanischen Bloggerin über die Top Ten der selbst an Bord mitzubringenden Verpflegung: In dieser sympathisch-subjektiven Liste führt das handgeschmierte Puten-Sandwich vor dem krustigen Baguette mit Käse und Salami, dahinter folgen vegetarische Frühlingsrollen und Bagels mit Frischkäse. So oder so dämmert die Erkenntnis: Man sollte Ranglisten weniger wichtig nehmen.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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