Basiswissen Luftverkehr (6) ( Gastautor werden )

Das IATA-Meilensystem

01.09.2017 - 16:20 0 Kommentare

Meilen sammeln ist der große Sport aller Vielflieger. Doch schon lange vor den ersten Bonusprogrammen der Airlines spielten „Meilen“ eine besondere Rolle. Was sich hinter dem IATA-Meilensystem verbirgt, erklärt Luftverkehrsexpertin Sabine Rasch.

Schilder im Terminal des Flughafens Berlin-Tegel zeigen Entfernungen an - © © dpa -

Schilder im Terminal des Flughafens Berlin-Tegel zeigen Entfernungen an © dpa

Mancher Geschäftsreisende wird sich noch an die Zeiten erinnern, in denen pfiffige Firmendienste der Reisebüros aus einem Langstreckenflug unter geschickter Ausnutzung der IATA-Tarifberechnungsregeln eine kostenlose Kurzstrecken-Zugabe für ihre Kunden herausgeholt haben. Die Grundlage dafür bildete schon damals das IATA-Meilensystem, das übrigens nichts mit dem Sammeln von Meilen in Bonusprogrammen der Airlines zu tun hat.

Vielmehr bildet das Meilensystem, um das es in diesem Tutorial gehen soll, bis heute die Grundlage für alle IATA-Tarifberechnungen. Zur Erinnerung: IATA-Tarifberechnungsregeln kommen immer dann ins Spiel, wenn ein Kunde mehrere Strecken auf verschiedenen IATA-Fluggesellschaften bucht, die sich zu einer Reise verbinden und in einem Ticket ausstellen lassen. Das ist im Touristikgeschäft eher die Ausnahme, aber im Firmengeschäft, wo Flüge für global tätige Manager und Ingenieure etc. gebucht werden, an der Tagesordnung.

Ein Flugpreis für viele Teilstrecken

Ein Beispiel für eine solche Streckenführung ist Frankfurt – Istanbul – Dubai – Delhi – Tokyo – Delhi – Rom – Frankfurt. Ohne das sogenannte "Interlining" hätte der Kunde mehrere Tickets in mehreren verschiedenen Währungen kaufen müssen, die insgesamt wahrscheinlich teurer geworden wären, als die Kombination in einem Ticket zu einem "Durchgangsflugpreis" Frankfurt-Tokyo. Das Hilfsmittel für die Überprüfung der "Umwege" ist das Meilensystem, das im Folgenden näher erklärt werden soll.

Immer, wenn eine Flugroute komplexer ist als ein simpler Hin- und Rückflug (ohne Umsteigen/Transfer oder Stopover), muss zunächst geprüft werden, ob diese Zwischenlandungen in dem jeweiligen IATA-Tarif eingeschlossen sind (ob es sich um freiwillige Stopover aufgrund eines geplanten Business-Termins oder unfreiwilliges Umsteigen handelt, macht hierbei keinen Unterschied). Die GDS überprüfen dieses übrigens ganz automatisch; das Ergebnis ihrer Berechnungen kann man als "Fare Calculation" in der Buchung nachvollziehen. Hierzu eine Abbildung für eine neutrale Tarifabfrage von Frankfurt nach Tokio aus dem Amadeus-System:

Beispiel für eine IATA Fare Calculation in Amadeus, Stand 05/2014). Foto: © Schule für Touristik,

Parallel zu den Preisen sind für alle Strecken in den Tarifwerken zum einen immer die tatsächlichen Flugentfernungen als sogenannte "Ein-Koupon-Meilen" (Ticketed Point Mileages = TPM, im Bild hellblau) als auch maximal erlaubte Entfernungen (Maximum Permitted Mileages = MPM, blau) veröffentlicht. Das Ergebnis ist eine nach den Globalen Routings (hier TS und EH, gelb) gegliederte Ausgabe, die sowohl die Preise, als auch die TPM für den Direktflug (hier nur beim TS-Routing) als auch die MPM für die verschiedenen Routings auswirft.

Wie viel "Umweg" geht im Tarif?

Die MPM beinhalten gegenüber der tatsächlichen Flugentfernung grundsätzlich jeweils einen Aufschlag von rund 20 Prozent, womit dem Umstand Rechnung getragen wird, dass viele Ziele nur über Umsteigeverbindungen erreichbar sind, die einen gewissen "Umweg" beinhalten. Das bedeutet, dass der Kunde jeweils pro Tarifkomponente einen Umweg von rund 20 Prozent fliegen darf, ohne einen Aufpreis zu zahlen.

Um zu ermitteln, ob die tatsächlich geflogenen Meilen (TPM) bei einer komplexeren Streckenführung innerhalb der erlaubten Entfernung liegen, muss das System also die Summe der TPM jeder Teilstrecke einer Tarifkomponente (=Strecke/n zwischen zwei Tarifkonstruktionspunkten) mit den MPM zwischen den Endpunkten dieser Tarifkomponente vergleichen (hier beim TS-Routing 7113 und beim EH-Routing 9320 MPM zwischen Frankfurt und Tokio). Hierbei sind übrigens auch im Ticket aufgeführte Orte zu berücksichtigen, an denen der Kunde lediglich umsteigt (echte Transfer-Orte). Keine Rolle spielen dagegen Zwischenlandungen innerhalb einer durchgehenden Flugnummer, die nicht im Ticket erscheinen (Transits).

Beispiel zur Meilensystem-Berechnung

Zur Erläuterung dient zunächst einmal das bereits oben genannte Beispiel: Frankfurt – Istanbul – Dubai – Delhi – Tokyo – Delhi – Rom – Frankfurt

  1. Welches sind die Tarifkonstruktionspunkte (Journey Concept)?
    Von Frankfurt aus am weitesten entfernt und am höchsten tarifiert ist Tokio, damit ergeben sich für den Hinflug ebenso wie für den Rückflug die Tarifkonstruktionspunkte FRA und TYO.
  2. Wie hoch sind die MPM zwischen FRA und TYO?
    Zur genauen Bestimmung der MPM ist die Festlegung des Global Indicators wichtig. Hier liegt auf dem Hin- sowie Rückweg ein EH-Routing vor. Die MPM betragen somit für den Hin- und Rückflug jeweils 9320.
  3. Liegt die tatsächlich geflogene Entfernung auf Hin- und Rückweg jeweils innerhalb der MPM?
    Ermitteln Sie hierfür alle TPM für jede Teilstrecke und addieren Sie dann die TPM für Hin- und Rückflug. (Hin- und Rückflug sind unbedingt getrennt zu überprüfen!)

    Ergebnisse:

    • Hinflug: FRA nach IST (1169 TPM) + IST nach DXB (1861 TPM) + DXB nach DEL (1368 TPM) + DEL nach TYO (3656 TPM) = 8054 TPM.
      Die tatsächlich geflogene Entfernung auf dem Hinflug liegt also innerhalb der MPM (9320)
    • Rückflug*: FRA nach ROM (598 TPM) + ROM nach DEL (3679 TPM) + DEL nach TYO (3656 TPM) = 7933 TPM.
      Die tatsächlich geflogene Entfernung liegt auch auf dem Rückflug innerhalb der MPM (9320)

    *Der Rückflug hätte auch in umgekehrter Richtung (also in Flugrichtung) geprüft werden können, die Meilen verändern sich hierdurch nicht. Bei der späteren Ermittlung des Tarifs muss jedoch unterschieden werden, in welcher Richtung ein ½ RT-Tarif angewendet wird.

    Die TPM sind demnach auf Hin- und Rückweg niedriger als die MPM (jeweils 9320 MPM). Der veröffentlichte RT-Tarif darf somit nach der Meilenberechnung angewendet werden, ohne dass der Passagier einen Aufpreis bezahlen muss.

  4. Sind die TPM höher als die MPM?
    Dann muss ein sogenannter "Meilenaufschlag" (Excess Mileage Surcharge) ermittelt werden. Mit der Formel TPM : MPM wird ein Prozentsatz berechnet, der den prozentualen Preisaufschlag auf den abgelesenen Tarif für die jeweilige Tarifkomponente bildet.

    Ergebnis bis 1.05 ⇒ 5 % Preisaufschlag
    über 1.05 bis 1.10 ⇒ 10 % Preisaufschlag
    über 1.10 bis 1.15 ⇒ 15 % Preisaufschlag
    über 1.15 bis 1.20 ⇒ 20 % Preisaufschlag
    über 1.20 bis 1.25 ⇒ 25 % Preisaufschlag
    über 1.25 ⇒ nicht gestattet.

    Damit ist zu der veröffentlichten direkten Entfernung (TPM) zwischen zwei Tarifkonstruktionspunkten zunächst ein Umweg von etwa 20 Prozent ohne einen Aufschlag auf den veröffentlichten Tarif gestattet (da die MPM rund 20 Prozent höher als die TPM sind), und zusätzlich ist noch ein Umweg von weiteren maximal 25 Prozent gegen einen prozentualen Preisaufschlag möglich.

    • Würde ein höherer Meilenaufschlag als 25 Prozent entstehen, so ist der veröffentlichte Tarif zwischen den ermittelten Tarifkonstruktionspunkten nicht mehr anwendbar, auch nicht mit einem Aufschlag. In diesem Fall wird ein weiteres „Aufbrechen“ der Tarifkomponente nötig. Folgender OW-Flug soll dazu als Beispiel dienen:

      Hamburg – Budapest – Madrid:
      HAM nach BUD (590 TPM) + BUD nach MAD (1227 TPM) = 1817 TPM (bei 1329 MPM)
      1817 TPM : 1329 MPM = 1.3671, à also mehr als 25 Prozent Meilenaufschlag.

      Es bleibt nichts anderes übrig, als aus dieser einen Tarifkomponente HAM – MAD (Business Class, OW: 1501.75 NUC*) zwei Sektoren zu machen und beide Preise zu addieren:

      1. Sektor: Hamburg – Budapest 1238.11 NUC + 2. Sektor: Budapest – Madrid 1086.00 NUC = anwendbarer Flugpreis 2324.11 NUC

      (*NUC = Neutral Unit of Construction, eine künstliche Währung der IATA – diese wird in einer der nächsten Folgen erläutert).

  5. Ist das Meilensystem anwendbar und fällt ein Meilenaufschlag für eine Tarifkomponente an, so muss dieser auf den abgelesenen Tarif aufgeschlagen werden.

    Hierbei wird jede Tarifkomponente gesondert betrachtet. Bei den sich ergebenden NUC-Beträgen werden immer nur zwei Stellen nach dem Komma beachtet, alle weiteren Stellen entfallen (also kein Runden).

    Beispiel: Frankfurt – Stockholm – Madrid – Istanbul – Singapur - Sydney

    Tarif Frankfurt-Sydney, abgelesener Business-Class als Oneway, in NUC: 8873,85

    Meilenberechnung für die komplette Strecke: FRA nach STO (732 TPM) + STO nach MAD (1588 TPM) + MAD nach IST (1699 TPM) + IST nach SIN (5374 TPM) + SIN nach SYD (3912 TPM) = 13305 TPM (bei 12781 MPM (EH))
    Meilenaufschlag: 13305 TPM : 12781 MPM = 1.04 = 5%
    Preisaufschlag: 8873.85 NUC X 1,05 = 9317.54 NUC

Hinweis: Bei den hier aufgeführten Regeln fehlen die Ausführungen zu "Extrameilen" (für bestimmte Streckenführungen gewährte "Zusatzmeilen") und "Routings" (vor allem für innerdeutsche Tarife und für Sondertarife vorgeschriebene Streckenführungen, die das Meilensystem ersetzen). Es soll nur vereinfacht die Wirkungsweise des Meilensystems erklärt werden.

Über die Autorin

Das Basiswissen-Tutorial zum Thema Luftverkehr bietet einen Überblick zu den wichtigsten Grundlagen der Luftverkehrswirtschaft. Alle Luftverkehrs-Tutorials lesen.

Sabine Rasch Die Welt des Reisens ist seit über 30 Jahren die Leidenschaft von Sabine Rasch. Mit dem "Lehrbuch des Linienflugverkehrs" hat die Touristik-Expertin das langjährige Standardwerk für die Ausbildung von Touristiker in Berufsschulen verfasst, auf dem diese Serie basiert. Kontaktieren Sie die Fachautorin auf www.sabinerasch.de

Von: Sabine Rasch für airliners.de
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