Die Born-Ansage (71) Das Husarenstück des Carsten Spohr

Die Filetstücke der Air Berlin sind verkauft, das Insolvenzverfahren für den Rest eröffnet. Karl Born zieht ein erstes Fazit: An Genialität/Kaltschnäuzigkeit ist das von Kranich-Chef Carsten Spohr nicht zu überbieten.

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. - © © airliners.de, Karl Born -

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. © airliners.de, Karl Born

Mitte August kam die Meldung, die wirklich keinem in der Branche den Tomatensaft vor Schreck aus der Hand fallen ließ (ja, ja, wir trinken den ganzen Tag nichts anderes): Air Berlin ist pleite. Die Araber haben (über Nacht?) den Geldhahn (trotz loser Weiterführungszusage bis Herbst 2018) zugedreht und zack, nun kann nicht einmal mehr das Luftfahrt-Bundesamt ignorieren, dass in Berlin zu viel Minus ganz wenig Plus gegenüber steht.

Erstes Spohr-Plus: Das Timing

"Wenn nicht jetzt, wann dann?", mag Spohr morgens unter der Dusche gesummt haben. Immerhin hatte er doch schon Winkelmann bei Air Berlin eingeschleust. Und nun das Finanz-Desaster - so kurz vor einer Bundestagswahl hilft der Bund gern mit einem Millionen-Überbrückungskredit.

Air Berlin kann weiter in der Luft bleiben und verliert vor einer Übernahme durch die Lufthansa nicht an Slot-Wert. Natürlich ging es zuerst darum, keine hässlichen Bilder von gestrandeten deutschen Urlaubern im TV zu sehen. Die sollten auch pünktlich zur Wahl nach Hause kommen.

Ganz nebenbei blieb dadurch auch die Braut bis zur Hochzeit mit der Kranich-Dame hübsch. Und dass dadurch ein "deutscher Champion" geformt würde, wie Ex-Verkehrsonkel Alexander Dobrint und seine Kabinettsschwester Brigitte Zypries formulierten, ist halt leider auch mehr so ein Nebenprodukt - eine Art wirtschaftspolitischer Kollateralschaden.

Die kalte Seite von Spohr

Worum es bei diesem Poker zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht ging, waren die tausenden Mitarbeiter der Airline. Es galt auch nur den Hauch eines Betriebsübergangs zu vermeiden und das mit allen juristischen Mitteln. Im deutschen Insolvenzrecht geht's halt nur um Sachwerte - Menschen spielen keine Rolle.

Als jetzt die Air-Berlin-Verhandler zum Schluss noch einmal mit dem Hut umhergingen, um für die Beschäftigten wenigstens eine Transfergesellschaft zu finanzieren, sagte Spohr: "Game over" und legte nichts mehr drauf. Wobei für einen Außenstehenden die naive Frage aufkommt, warum Air Berlin bei den Vertragsverhandlungen diesen Zuschuss nicht als unverzichtbare Position aufgeführt hatte. Game over, ist eben game over.

Umgekehrt behaupten böse Zungen, Spohr habe quasi als game open, zusammen mit Michael Kerkloh - Münchens Flughafen- und Aeroground-Chef in Personalunion - das Abfertigungschaos in Tegel inszeniert, damit die Araber endgültig die Geduld mit Air Berlin verlieren.

Wie auch immer: Spohr ist der Gewinner der Pleite! Mit dem Griff nach einem großen Stück vom Air-Berlin-Kuchen sitzt er fester denn je im Sattel des Kranich-Konzerns und hat sich eine neue Legitimation geschaffen, auch weiter an der Spitze der "Hansa" zu stehen.

Spohrs Last-Minute-Coup

Easyjet sollte bei der Air-Berlin-Übernahme eigentlich Steigbügelhalter für Lufthansa sein und gerade so viele Teile des Berliner Krisen-Carriers übernehmen, dass die EU-Behörden den Deal nicht auf den letzten Metern noch beanstanden. Doch nach der Monarch-Pleite erschienen der scheidenden Easyjet-Chefin Carolyn McCall die gebotenen 50 Millionen Euro offenbar zu hoch. Denn Easyjet zierte sich und Lufthansa sah Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager schon mit dem Klingelbeutel vor sich stehen: "Gebt her eure Slots!"

Vor zwei Wochen dann das Klassentreffen der europäischen Airline-Obersten in Brüssel. "Airlines4Europe" hatte gerufen und alle waren gekommen: der irische Zampano Michael O'Leary (Ryanair), Franzose Jean-Marc Janaillac (Air France/KLM), Willie Walsh (IAG) sowie Carolyn McCall (Easyjet) und Carsten Spohr (LHG).

Carolyn wieder auf Kurs gebracht

Letzterer auffällig oft bei seiner britischen Freundin: Nicht nur saß Spohr während der Bühnendiskussion die ganze Zeit an der Seite seiner Carolyn und umschwirrte diese in den Pausen. Auch inhaltlich unterstütze er die scheidende Easyjet-Chefin permanent. Offensichtliches Kalkül: Spohr muss die widerspenstige Britin auf Kurs bringen, damit diese das von seinem Konzern geschnürte Air-Berlin-Paket endlich annimmt und nicht noch Brüssel dem Kranich dazwischen funkt.

Spohr hatte Erfolg. Das Bezirzen lohnte sich; er nordete McCall ein, Easyjet griff in letzter Minute bei Air Berlin zu. Und die EU-Kommission wird den Lufthansa/Air-Berlin-Deal wohl Ende des Jahres ohne größere Beanstandungen durchwinken. Sein Husarenstück in der Air-Berlin-Übernahme gab Carsten Spohr erst nachdem die Tinte unter dem 210-Millionen-Euro-schweren Übernahmevertrag schon längst trocken war.

© dpa, Lesen Sie auch: Spohrs Pläne für Air Berlin

Vielleicht hat Spohr seine Carolyn auch mit Heimatgefühlen rumbekommen. Immerhin sollen die Air-Berlin-Leute ja nicht an der Kranich-Steckdose Eurowings andocken, sondern an deren tarifloser Tochter Eurowings Europe - also quasi der Lufthansa-Enkelin. Und die sitzt im arbeitgeberfreundlichen Österreich.

Genau dort hat Easyjet vor Kurzem ebenfalls die neue Tochter-Airline untergebracht. Ausgerechnet in dem tariflosen Konstrukt des Kranichs sollen die ehemaligen Air Berliner im Namen der Eurowings unterkommen. Vielleicht imponiert McCall daher auch einfach Spohrs Kaltschnäuzigkeit, weil er "dunkelsten Frühkapitalismus" walten lässt (Zitat der Eurowings-Europe-Mitarbeiter).

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de

Datum: 02.11.2017 - 10:43

Adresse: http://www.airliners.de/das-husarenstueck-carsten-spohr-die-born-ansage-71/42736