Hintergrund

Frachtdrehkreuz Frankfurt und Lufthansa Cargo haben zu kämpfen

08.07.2016 - 10:19 0 Kommentare

Frankfurt ist eines der größten Drehkreuze für Luftfracht weltweit. Grundsätzlich wird alles geflogen, was gut, frisch oder teuer ist. Doch aktuell ist das Geschäft schwierig - das weiß auch Lufthansa Cargo.

Ein Auto wird in eine Maschine der Lufthansa Cargo verladen. - © © Lufthansa Cargo - Werner Bartsch

Ein Auto wird in eine Maschine der Lufthansa Cargo verladen. © Lufthansa Cargo /Werner Bartsch

"Niemand fliegt freiwillig Fracht!" Der Chef der Lufthansa Cargo, Peter Gerber, weiß, dass er ein schwieriges Geschäft betreibt. Luftfracht ist pro Kilo 50 mal so teuer wie der Tranport per Seeschiff, da braucht es schon ganz besondere Gründe, um Güter im Flugzeug um die ganze Welt zu transportieren. Das wichtigste Argument ist die Schnelligkeit, weil Just-in-Time-Fabriken und anspruchsvolle Konsumenten keine langen Wartezeiten mehr akzeptieren.

Doch in einem eigentlich positiven Umfeld sind die Lufthansa Cargo und mit ihr das Frachtdrehkreuz Frankfurt ins Stottern geraten. Die Cargo-Tochter des Kranichs leidet unter der Konkurrenz: Während das Frachtaufkommen von und nach Zentraleuropa in etwa gleich bleibt, bieten konkurrierende Fluggesellschaften immer mehr Frachtraum an. In der Folge sind die Nettoerlöse für Cargo innerhalb eines Jahres um bis zu 20 Prozent gesunken, deutlich schneller als im Passagiergeschäft.

Reine Frachtmaschinen sind schwer voll zu bekommen

Der Zuwachs stammt allein von zusätzlichen Passagiermaschinen, die als willkommenes Nebengeschäft Zuladungen an Bord nehmen können (Belly-Fracht). Das macht die Lufthansa zwar auch, bietet aber darüber hinaus zusätzliche reine Frachtmaschinen an, die immer schwerer voll zu kriegen sind. Die Frachterflotte ganz abzuschaffen, steht im Konzern aber nicht zur Debatte, weil es dafür beispielsweise in den großen chinesischen Industriezentren immer noch einen großen Bedarf gibt. Eher parkt die Lufthansa einzelne ihrer älteren, längst abgeschriebenen Fracht-Jets in der trockenen Wüste von Nevada.

Als zweitgrößtes europäisches Frachtdrehkreuz lag Frankfurt 2015 weltweit auf Platz zehn und damit unmittelbar hinter dem Konkurrenten Charles de Gaulle in Paris. "Von hier aus wird 'Made in Germany' in wenigen Stunden in die ganze Welt geflogen", sagt die Flughafen-Managerin Anke Giesen. Die Exportnation Deutschland brauche den Flughafen, um seine Pharma- und Chemieprodukte oder Auto- und Maschinenteile ans Ziel zu bringen.

Handys, Blumen und Frischwaren aus aller Welt

In der Gegenrichtung gelangen unter anderem in China montierte Handys, afrikanische Blumen und Frischwaren aus aller Welt via Frankfurt nach Europa. Der größte deutsche Fischmarkt ist ein wichtiger Bestandteil des "Perishable Centers" für verderbliche Waren am Flughafen. Am weltweiten Luftfrachtwachstum von mehr als zwei Prozent Prozent konnte der größte deutsche Flughafen im vergangenen Jahr aber nicht teilhaben, sondern verzeichnete als einer der wenigen großen Anbieter einen Mengenrückgang, und zwar um rund drei Prozent.

Nach einem durchwachsenen Jahr 2015 mit rückgängigen Umsätzen und einem Ebit-Gewinn nahe der Nulllinie hat sich Lufthansa Cargo ein hartes Sparprogramm auferlegt. Das geplante neue Frachtzentrum wurde auf Eis gelegt, inzwischen wird über kleinere Varianten nachgedacht. Bis zu 800 der insgesamt 4600 Arbeitsplätze sollen wegfallen, davon 500 in Deutschland. Mit bis zu 400 gestrichenen Jobs wird der größte Standort Frankfurt natürlich am härtesten getroffen. Die jährlichen Kosten sollen mittelfristig um 80 Millionen Euro sinken.

© Lufthansa Cargo, Lesen Sie auch: Lufthansa Cargo will 500 Stellen in Deutschland abbauen

Fraport-Vorstandsfrau Giesen verlangt verlässliche Perspektiven zur Entwicklung des Frachtgeschäfts. Der Flugbetrieb in Frankfurt muss bereits ein scharfes sechsstündiges Nachtflugverbot verkraften, weitere Einschränkungen gelten in den beiden Randstunden vor Betriebsende und nach Betriebsbeginn. Weitere Lärmschutzmaßnahmen dürften nicht zu Lasten der Kapazität des Flughafens gehen, mahnt Giesen die schwarz-grüne Landesregierung in Wiesbaden und pocht dabei auf die höchstrichterlich betätigte Planfeststellung.

In den Plänen steht für das Jahr 2020 eine Prognose von 701.000 Starts und Landungen - was noch einmal eine Steigerung von 50 Prozent vom derzeitigen Niveau bedeuten würde (468.000 Flugbewegungen in 2015). Wie sich dieser Zuwachs mit einer von vielen Anwohnern herbeigesehnten Lärm-Obergrenze vertragen soll, gehört zu den offenen Fragen hessischer Standortpolitik.

Privatkunden sollen größere Rolle spielen

Lufthansa Cargo hofft angesichts der Branchenkrise und der zunehmenden Digitalisierung auch von Frachtprozessen auf neue Geschäftschancen mit Privatkunden. Noch in diesem Jahr sollen Lufthansa-Kunden per Smartphone-App ein Fracht-Ticket buchen können - um etwa ihr Motorrad für einen Highway-Trip in die USA fliegen zu lassen. Bisher muss dafür ein Spediteur zwischengeschaltet werden. Auch vom wachsenden Online-Handel über die Kontinente hinweg will das Unternehmen profitieren und hat dazu Kooperationen mit großen Versandhändlern wie Amazon im Auge.

Der Luftfrachtstandort Frankfurt in Zahlen

Der Frankfurter Flughafen ist das größte deutsche Drehkreuz für Luftfracht. Einige Zahlen dazu:

  • 2,03 Millionen Tonnen Fracht im Jahr 2015
  • 83.700 Tonnen Luftpost im Jahr 2015
  • 149 Hektar Fläche Cargo-City (+27 weitere Hektar zur Erschließung)
  • Mehr als 250 Speditionen, Airlines, Abfertiger, Dienstleister
  • 14.000 Beschäftigte
  • 184 Airlines fliegen zu 399 Zielen in 112 Ländern (2015)
  • 38 Prozent der Fracht als Beiladung in Passagiermaschinen
  • 43 Prozent der Gesamtfracht kommen aus oder gehen nach Fernost
  • 110 Millionen Tiere jährlich in der Flughafen-Tierstation
  • 20 Temperaturbereiche im Zentrum für verderbliche Güter
Von: ch, dpa
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Anzeige schalten »
  • Check-In-Schalter der Lufthansa. Warnstreik bei Frankfurter Check-In

    Vor der nächsten Runde in den Tarifverhandlungen der AHS-Check-In-Agents am Flughafen Frankfurt legen diese kurzzeitig die Arbeit nieder. Laut des Airports kommt es aber nicht zu größeren Einschränkungen.

    Vom 04.12.2017
  • Weinflaschen mit aufgelöstem Kokain. Zoll entdeckt Kokain in Weinflaschen

    Spürhunde des Zolls haben am Frankfurter Flughafen in mehreren Koffern Weinflaschen mit aufgelöstem Kokain entdeckt. Laut Mitteilung der Behörde wurden die Reisenden vorläufig festgenommen. Die in den Flüssigkeiten enthaltene Rauschgiftmenge muss noch ermittelt werden.

    Vom 29.11.2017
  • Schriftzug am Hunsrück-Flughafen Hahn. Flughafen Hahn erwartet Frachtplus

    Mehr Fracht, aber weniger Passagiere: Der Airport Hahn gibt eine detaillierte Prognose fürs Gesamtjahr. Sorgenvoll blickt man am Hunsrück auf die Luxemburg-Aktivitäten der Kundin Ryanair.

    Vom 28.11.2017

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Flughafen Frankfurt Jobs Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »