Schiene, Straße, Luft (22) ( Gastautor werden )

Das Flugtaxi an der Leine

12.10.2018 - 10:54 0 Kommentare

Aus der vernetzten Mobilität wird wohl erst mal nichts. Ob Schiene, Straße oder Luft, im Verkehr fehlt es derzeit an Berechenbarkeit. Eine gute Gelegenheit, zur Besinnung zu kommen. Und für neue, luftige Ideen, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

In München soll eine urbane Seilbahn entstehen. - © © Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr -

In München soll eine urbane Seilbahn entstehen. © Bayerisches Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr

Es geht doch nichts über die verantwortungsvolle Koordination der Verkehrsträger, also vernetzte Mobilität, wie es heute heißt. Geplant und beschlossen wird so etwas beim Diesel-Gipfel, beim Luftverkehrs-Gipfel, im Rahmen eines Schienenbündnisses und sogar im Koalitionsvertrag.

Dass da irgendwas in größerem Rahmen umgesetzt worden wäre, davon ist in der Praxis wenig zu spüren. Die Wirkungen aller Verkehrsträger aufeinander werden zwar zur Kenntnis genommen, aber außer "Mehr Verkehr auf die Schiene" kommt weder von der Politik noch von den Verbrauchern viel.

Mehrstündige Flugverspätungen sind keine Seltenheit mehr

Luftverkehr in Europa ist derzeit alles andere als zuverlässig hinsichtlich der Reisezeiten oder der Sicherheit, dass der gebuchte Flug auch stattfindet. Mehrstündige Verspätungen sind keine Seltenheit mehr. Die Empfehlung, mindestens zwei Stunden vor der Abflugzeit vor Ort zu sein (O-Ton Berlin-Tegel), erfreut den Fluggast auch nicht wirklich.

Weitere Hürden: Bestimmte Smartphones darf er gar nicht erst mitnehmen, weder im Hand- noch im aufgegebenen Gepäck. Zusätzlich versuchen die Bodendienste alles, um Crews wie Passagieren die Freude am Fliegen auszutreiben.

Der Luftverkehrsgipfel lässt auch nicht auf schnelle Abhilfe hoffen. Alles dauert noch ein paar Jahre, als hätte man nicht vorher gewusst, dass es so kommen würde. Die beste Schlussfolgerung war noch die Aufforderung an die Fluggesellschaften, die Flugpläne der Realität anzupassen. Ein Schritt zur Entschleunigung.

Entschleunigung bei der Bahn - durch Baustellen

Was tut die Bahn in dieser Situation? Sie kündigt für genau diese paar Jahre bis zu sechsmonatige Sperrungen wegen Renovierung auf den meistgenutzten Rennstrecken in der Republik an. Immerhin im Voraus. Und sie wird die Fahrpläne der langsameren Realität anpassen, so dass der Reisende sich darauf einstellen kann. Die neueren Schnellfahrstrecken wie Berlin-München sind (noch) nicht betroffen. Alles in allem ein weiterer Schritt zur Entschleunigung.

Wie ist das mit dem Auto? Wir sind jüngst nach Südfrankreich gefahren. Für uns im Pkw war es nicht weiter problematisch, wir hatten aber auch Zeit. Wir haben uns über eine relativ unbekannte, für Lkw gesperrte Rheinbrücke an der verstauten A5 vorbeigedrückt. Aber Lastwagen aus aller Herren Länder von Portugal bis Ukraine entschleunigten in nahezu ununterbrochener Schlange von Karlsruhe über Stuttgart oder Heilbronn bis Nürnberg, manchmal in Zweierreihen.

Endlose Lkw-Kolonnen auf der Autobahn

Da sitzt also pro 40 Tonnen ein zwar schlecht, aber immerhin bezahlter Mensch stundenlang vor seinem Bett und starrt auf Reklamen wie "Versichert? Kravag – wo denn sonst?" Ein merkwürdiges Geschäftsmodell, das noch dazu auf äußerst fragwürdigen Ausbeutungsmechanismen beruht. Aber es entschleunigt auch.

Wieso kommt einem da nur das Flugtaxi in den Sinn? Wer pragmatisch denkt wie die CSU, ist schon ganz nah dran: Nehmt das Flugtaxi an die Leine! Laut einer Mitteilung der bayerischen Verkehrsministerin Ilse Aigner "stehen die Ampeln dafür auf Grün". Das Gesetz ermögliche die "staatliche Förderung des Baus und Ausbaus von Seilbahnen".

Und so soll es eine Machbarkeitsstudie für eine 4,5 Kilometer lange Seilbahnstrecke am Frankfurter Ring in München geben. Vielleicht mit Verlängerungsoption nach Kiefersfelden/Kufstein ...

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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