Hintergrund

Das Essen an Bord wird zum Luxus

30.03.2017 - 15:31 0 Kommentare

Immer häufiger gibt es Snacks und Speisen während des Flugs ausschließlich als Zusatzleistung. Ein Trend, der sich nicht mehr nur auf Low-Cost-Carrier beschränkt.

Kabinenservice bei Lufthansa: Die Airline diskutiert Bezahlmodelle für die Bordverpflegung auf der Kurz- und Mittelstrecke. Foto: © Lufthansa

Wer auf einem Flug der spanischen Iberia Hunger hat, muss schon die Kreditkarte zücken - bei British Airways wird in der Economy-Klasse seit Anfang des Jahres selbst für die Flasche Wasser kassiert. Längst müssen Passagiere nicht mehr nur bei Billigfliegern für das Essen an Bord extra bezahlen. Nun streben auch Premium-Airlines auf Kurz- und Mittelstrecken in diese Richtung.

Die zur Lufthansa gehörende Swiss denkt über Bezahlessen zumindest nach. Die Airline will die Überlegungen nun nicht weiter ausführen, aber Operativchef Markus Binkert sagt schon: "Vorstellbar ist, dass man zuerst einmal irgendwo im Lufthansa-Konzern einen Test macht, um zu sehen, wie es ankommt."

2,60 Euro für einen Tee bei British Airways

Die Airlines verkaufen das als Win-win-Situation. Statt fader Pasta gebe es künftig edle Auswahl. Etwa British Airways: "Die erste Airline, die frischere, gesündere Snacks und Leckereien auf Kurzstrecken anbietet", heißt es da. Von 2,60 Euro für eine Tasse Tee war nicht die Rede.

Swiss-Mann Binkert lobt das Bezahlmodell ebenfalls: "Mir wäre als Passagier manchmal lieber, für ein hochwertiges Angebot mit Auswahl zu bezahlen als etwas inklusive zu bekommen, das ich gar nicht haben möchte", meint er.

Das bieten Airlines aktuell an Bordverpflegung in der Economy Class

Tomatensaft im Flugzeug. Foto: © dpa, Maurizio Gambarini


Lufthansa: Auf der Kurz- und Mittelstrecke gibt es jeweils eine Mahlzeit und mindestens ein Getränk umsonst. Auf der Langstrecke wartet die Airline mindestens mit einem Drei-Gänge-Menü auf.
Germanwings/Eurowings: Getränk und Snacks sind im "Smart"- und "Best"-Tarif umsonst, im günstigen "Basic"-Tarif nicht.
Air Berlin: Getränke, Snacks und Menüs müssen auf der Kurz- und Mittelstrecke bezahlt werden. Auf der Langstrecke gibt es zwei Gerichte und Getränke kostenfrei. Auf Wunsch können vorab regionale Spezialitäten dazu gebucht werden.
Ryanair: Speisen, Getränke und Snacks an Bord müssen bezahlt werden.
Condor: Getränke, Snacks und Menüs müssen auf Kurz- und Mittelstrecken bezahlt werden. Zwei Gerichte und nichtalkoholische Getränke sind auf der Langstrecke kostenfrei.
Easyjet: Getränke sowie warme und kalte Speisen müssen bezahlt werden.
Germania: Getränke und Snacks sind kostenfrei, bei längeren Flügen gibt es zudem umsonst noch eine warme Mahlzeit.
Sunexpress: Getränke und Snacks müssen bezahlt werden.
Tuifly: Kostenlose Verpflegung. Je nach Flugdauer gibt es umsonst ein Baguette oder eine warme Mahlzeit inklusive eines Getränks.

"Es gibt viel Preisdruck durch die Billigkonkurrenz", sagt Ruxandra Haradau-Döser, Airline-Analystin vom Finanzdienstleister Kepler Chevreux. Für viele Kunden sei gerade auf kurzen Strecken der Preis das wichtigste Kriterium. Folglich haben auch etablierte Anbieter wie Lufthansa oder Air France ihre früheren Pauschalpreise in Einzelteile zerlegt. "Wenn die Premium-Airlines es auf der Kurzstrecke schaffen, auch durch Einsparung von Essen den Preis niedrig zu halten, dann funktioniert es", meint Haradau-Döser.

© British Airways, Digital Passenger: Digitales Geld und analoges Magenknurren

Der Airlineverband Iata schätzt, dass zwei bis drei Prozent der Kosten bei Fluggesellschaften auf Essen und Trinken entfallen. Zudem werde ohne eine Mahlzeit für jedermann an Bord Gewicht gespart, was den Treibstoffverbrauch senkt, und die Maschinen seien schneller wieder startklar - alles Kostenfaktoren.

"Gutes Essensangebot übersteigt weit die Kosten"

Das sei eine Milchmädchenrechnung, kritisiert Jeremy Clark, Catering-Berater für Airlines. Das kulinarische Angebot an Bord sei ein Imagefaktor. "Was sie durch ein gutes Essensangebot gewinnen, übersteigt bei weitem die Kosten", sagte er. "Fragen Sie, was jemand gestern in der Kantine gegessen hat, und er weiß es nicht mehr. Aber was er vor sechs Monaten im Flugzeug hatte? Da erinnert sich der Gast meist genau."

Reto Hess, Analyst der Schweizer Bank Credit Suisse, ist ebenfalls skeptisch: "Die Premium-Airlines bewegen sich damit weiter in Richtung Niveau der Low-Cost-Anbieter", sagt er. Auch ohne freie Snacks und Getränke könnten sie kaum so billige Tickets anbieten wie die Billigflieger.

Man muss achtgeben, welchen Mehrwert man bietet, damit der Kunde sich wohlfühlt und bereit ist, mehr zu zahlen.

Reto Hess, Analyst der Credit Suisse

Beim weltgrößten Airline-Caterer, der Lufthansa-Tochter LSG Sky Chefs, hat man auf den Trend reagiert und mit dem ehemaligen Start-up Retail inMotion einen Anbieter übernommen, der für die Airline-Kunden den kompletten Bordverkauf abwickelt. Neben Essen und Getränken werden auch Geschenke und Spielzeuge angeboten.

Großgeworden sind die Iren beim größten europäischen Billigflieger Ryanair, haben inzwischen aber rund 30 Fluggesellschaften als Kunden, unter anderem Latam aus Südamerika. Bei der Lufthansa-Billigtochter Eurowings ist ein sogenanntes Hybridmodell installiert, das in den höheren Buchungsklassen den gewohnten Service bietet und gleichzeitig den Sparfüchsen Sandwiches, Wraps, Drinks oder Salate gegen Bares anbietet.

Pre-Order-Systeme funktionieren

Nicht nur auf der Langstrecke, sondern auch bei Urlaubsflügen ans Mittelmeer funktionieren zudem Pre-Order-Systeme, bei denen sich die Passagiere gegen Bezahlung selbst ein Menü zusammenstellen können. Die Fluggesellschaften agieren dabei mit bekannten Gastro-Marken wie Do&Co bei Austrian oder Sansibar bei Air Berlin.

© airliners.de, Gedankenflug: Über die Freiheit, auszuwählen

In den USA beobachten die Caterer LSG Sky Chefs und Konkurrent Gate Gourmet einen Rückwärtstrend. In den Staaten war das Geschäft mit der Bordverpflegung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nahezu zusammengebrochen. Zumindest auf den Flügen von Küste zu Küste gebe es inzwischen in allen Klassen wieder freie Mahlzeiten, berichtet LSG-Sprecherin Josefine Corsten.

In anderen Märkten wie Afrika oder Asien besitze Essen ohnehin einen viel höheren Stellenwert. Daher werde dort die Vollverpflegung weder von den Fluggesellschaften noch von den Passagieren infrage gestellt.

Von: cs, dpa
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