Das erwartet die Branche vom Gipfel

04.10.2018 - 15:03 0 Kommentare

Luftfahrtgipfel in Hamburg: Die Branche diskutiert die Probleme des Sommers. Der BDL ist die Stimme vieler Akteure - und sieht Handlungsbedarf bei Unternehmen und Politik.

 - © © dpa - Arne Dedert

© dpa /Arne Dedert

Der BDL hat klare Erwartungen an den Luftfahrtgipfel am Freitag (5. Oktober) mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). "Es gibt eine Reihe von strukturellen Gründen, die wir nur gemeinsam mit der Politik lösen können", sagt Verbands-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow im Gespräch mit airliners.de. Bei dem "High-Level-Treffen" soll darüber beraten werden, welche Lehren man aus den Problemen des Sommers im europäischen Luftverkehr ziehen kann.

Über den Sommer hinweg kam es zu massiven Verspätungen im europäischen Luftverkehr - zahlreiche Flüge mussten ganz gestrichen werden. Airlines wie die deutsche Small Planet oder Azur Air trieben die Performance-Schwierigkeiten in den Konkurs.

BDL macht zahlreiche Gründe aus

"Die Situation in diesem Sommer entspricht nicht unserem Qualitätsversprechen und dem eigenen Anspruch unserer Branche", konstatiert von Randow. Die Gründe seien zahlreich und würden sich gegenseitig auch bedingen.

Verspätungen

Vor dem Spitzentreffen zwischen Akteuren der Luftfahrtbranche und Politikern am Freitag in Hamburg rückt die Frage in den Fokus, wie "schlimm" der Sommer wirklich war. Eine Auswertung von EU Claim, die airliners.de exklusiv vorliegt, belegt das ganze Ausmaß der Performance-Schwierigkeiten - aus Sicht der Flughäfen.

Der Anteil gestrichener Verbindungen lag an allen 24 Verkehrsflughäfen Deutschlands* lediglich in einer Spanne von null bis maximal rund vier Prozent. Spitzenreiter ist hier der Airport Dresden mit 380 gestrichenen Flügen bei einem Gesamtaufkommen von 10.575 Verbindungen - ein Anteil von 3,59 Prozent.

Abflüge im Sommer
annulliert verspätet* planmäßig
SXF 431 7862 36122
TXL 2631 15450 78321
BRE 370 2162 10738
CGN 1685 14247 39845
DTM 112 1175 6873
DRS 380 3224 6971
DUS 2890 47306 60338
FRA 6325 68531 197589
HHN 90 2568 4283
FDH 61 983 2445
HAM 1926 13770 56651
HAJ 641 5642 24258
FKB 90 1961 2957
LEJ 11 3673 9110
FMM 64 1588 3350
MUC 4569 42158 157757
FMO 171 1924 4592
NRN 157 1767 4527
NUE 706 6874 15981
PAD 119 965 3296
RLG 0 1021 1469
SCN 30 201 1297
STR 1108 10374 41724

Abflüge zwischen 1. April und 27. September 2018. * = mehr als 15 Minuten. Quelle: EU Claim

Das Wachstum des Luftverkehrs stoße seit Jahren auf luft- und bodenseitige Kapazitätsengpässe - dies verstärke sich in Jahr eins nach Air Berlin, in dem Kapazitäten der ehemaligen Air Berlin von anderen Fluggesellschaften übernommen werden.

Das bedeute erhebliche Kraftanstrengungen für die Integration von Teilen der ehemaligen Wettbewerberin. Eurowings räumte bereits ein, dass der Plan "vielleicht zu ambitioniert" war. Von Randow stellt aber klar: "Unsere Unternehmen wenden enorme Ressourcen auf, um die Situation zu verbessern und auf eine möglichst reibungslose Abwicklung des Flugbetriebs hinzuwirken."

"Begrüßen den Dialog"

Allerdings hätten die "zahlreichen Verspätungen und Flugstreichungen in ganz Europa" auch externe Gründe: Da gebe es Sonderfaktoren wie die Fluglotsenstreiks im Ausland und deutlich mehr Gewitter im ersten Halbjahr 2018.

Hinzu kämen aber auch strukturelle Herausforderungen wie notwendige Effizienzverbesserungen bei den Luftsicherheitskontrollen und eine deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Flugsicherung in Europa.

© airliners.de, Lesen Sie auch: "Wir wollen kein Blame-Game" Interview mit Luftfahrtkoordinator Jarzombek

Anknüpfungspunkt sei unter anderem das Konzept "Single European Sky": "Wir brauchen Fortschritte bei der Effizienzsteigerung im europäischen Flugsicherungsraum." Die grenzüberschreitende Kooperation der nationalen Flugsicherungsorganisationen müsse verbessert werden.

Die Idee der Fabs (funktionale Flugsicherungsblöcke) sei dazu in der EU ein wichtiger Schritt gewesen, habe aber nicht den Durchbruch gebracht. "Hierfür brauchen wir verbindlichere Formen der Zusammenarbeit - etwa durch bilaterale Verträge", so von Randow. Auch sei es erforderlich, die bestehenden Automatisierungspotenziale deutlich schneller zu zur Anwendung zu bringen.

BDL: Auch die Kontrollen sind ein Problem

Als weiteren großen Block sieht der BDL die Effizienz bei der Abwicklung der Luftsicherheitskontrollen. Beobachter kritisieren, dass Deutschland bei dem Thema immer noch anderen europäischen Ländern hinterherhinke.

Kontrollen in Deutschland sind ineffizient
Durchschnittliche Zahl kontrollierter Passagiere je Stunde
Brüssel 200
Madrid 200
Amsterdam 185
London-Heathrow 180
München 100
Hamburg 100
Köln/Bonn 95
Frankfurt 80

Passagierdurchsatz an ausgewählten europäischen Flughäfen - Passagiere pro Stunde und Spur. Quelle: airliners.de

Auch hier sei die Politik am Zug: "Wir begrüßen, dass die Absichtserklärung der Koalition zügig umgesetzt werden soll." Union und SPD hatten vereinbart, dass die Kontrollen effizienter gestaltet und die Kosten teilweise vom Staat übernommen werden sollen.

Der BDL spricht im Namen der Fluggesellschaften, Flughäfen und der DFS. Daher äußern sich die einzelnen Akteure auch nicht gegenüber unserer Redaktion - außer den Berliner Flughäfen.

Berliner Flughäfen melden sich zu Wort

Vertreter des Airport-Betreibers FBB werden zwar nicht an der Unterredung mit Scheuer teilnehmen, doch auch in der Hauptstadt setzt man auf Wachstum: "Als Flughafenbetreiber benötigen wir Planungssicherheit für künftige Erweiterungsschritte, um adäquat auf die steigende Nachfrage im Luftverkehr reagieren zu können", heißt es von der FBB. "Deshalb erwarten wir, dass die Politik die Kapazitätsentwicklung der Flughäfen weiter unterstützt."

© Fotos: PR, Flughafen München, dpa (3), Eurowings, Lufthansa, airliners.de | Montage: airliners.de, Lesen Sie auch: Wer beim Treffen dabei ist und wer nicht

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hatte als eine Lehre aus den Problemen eine Kappung von Starts und Landungen ins Spiel gebracht und war damit bereits bei Frankfurt-Chef Stefan Schulte und dessen Düsseldorfer Kollegen Thomas Schnalke auf Ablehnung gestoßen. BDL-Hauptgeschäftsführer von Randow betonte, dass dieses Thema unterschiedlich bewertet werde und diskutiert werden müsse. Dafür seien die Koordinierungsausschüsse der richtige Ort.

Von: cs
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Flugzeug der Lufthansa: Wie umgehen mit Kapazitätsengpässen? Bund lehnt Lufthansa-Vorschlag ab

    Lufthansa-Chef Spohr drängt auf eine Begrenzung der stündlichen Starts und Landungen an deutschen Flughäfen. Die Bundesregierung lehnt dies nach airliners.de-Informationen ab.

    Vom 09.11.2018
  • Stefan Schulte, Vorstandsvorsitzender der Fraport AG. Fraport-Chef Schulte reagiert auf Spohr-Vorschlag

    Lufthansa-Chef Spohr bringt als mögliche Antwort auf die Probleme im Luftverkehr eine Deckelung der Eckwerte ins Gespräch. Fraport-Chef Schulte erteilt dem eine Absage und skizziert, wann Frankfurt wie wachsen will.

    Vom 13.09.2018
  • Das Abschlusspapier des Gipfels. Das wurde auf dem Luftfahrtgipfel beschlossen

    Überblick Diskussion über den Verspätungssommer im Jahr eins nach Air Berlin: Die Branche beschließt 24 Maßnahmen. Welcher Akteur sich zu was verpflichtet hat, lesen Sie hier.

    Vom 05.10.2018

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »