Analyse

Das bringt der Lufthansa eine Air-Berlin-Übernahme

13.06.2017 - 08:01 0 Kommentare

Air Berlin strauchelt der Insolvenz entgegen - als möglicher Übernahmekandidat wird immer wieder Lufthansa genannt. Für den Kranichkonzern ist der Berliner Krisen-Carrier aus mindestens drei Gründen attraktiv.

Flugzeug der Air Berlin. - © © Air Berlin -

Flugzeug der Air Berlin. © Air Berlin

Die finanziell angeschlagene Fluggesellschaft Air Berlin ist Experten zufolge ein attraktiver Übernahmekandidat. Obwohl die Airline im ersten Quartal mehr als drei Millionen Euro Verlust pro Tag verbuchen musste, sprechen mehrere Gründe dafür, dass letztlich die Lufthansa die Konkurrentin schlucken wird.

1. Grund: Konkurrenz-Abwehr

"Ganz oben sehe ich das Konkurrenz-Argument", sagt Gerald Wissel von Airborne Consulting aus Hamburg. "Im Fall einer unkontrollierten Pleite könnten sich Low-Cost-Carrier wie Ryanair und Easyjet auf dem deutschen Markt ausbreiten. Das will Lufthansa verhindern", sagt auch Luftfahrtanalyst Michael Gierse von Union Investment. Dabei ist die Airline-Gruppe bislang in einem angenehmen Umfeld beheimatet: Wie Auswertungen von Flugplandaten zeigen, ist der Anteil der Billigflieger in Deutschland im europäischen Vergleich gering.

Marktanteil der Billigflieger in verschiedenen Ländern
Angebotene Sitzplatzkapzitäten in Prozent
Deutschland 22
Großbritannien 45
Italien 45
Europa-
Durchschnitt
36

Quelle: CH Aviation / Stand: 25. Mai 2017

        

Das kann sich schnell ändern. Wie gefährlich die Billigkonkurrenz werden kann, habe gerade der Fall Alitalia gezeigt, so Wissel. Low-Cost-Carrier hätten andere Anbieter vom Markt gedrängt und letztlich so auch der ehemaligen Staatsairline Italiens stark zugesetzt.

Der Vergleich hinkt, sagt Michael Santo von der Unternehmensberatung H&Z. An Alitalia ist zwar wie im Fall der Air Berlin auch Etihad beteiligt, aber: "Italiens Flughäfen leben teilweise stark vom Tourismus - das können Point-to-Point-Carrier mit vielen Turns und dadurch hohen Kapazitäten eben gut bedienen." Deutschland hingegen habe so viele große Flughäfen, "da ist die Netzfähigkeit viel entscheidender". Und die könnten die Billigflieger nun mal nicht vorweisen.

Doch die freigewordenen Kapazitäten der letzten nennenswerten Airline-Pleiten in Europa, Spanair und Malev 2012, wurden nicht von den großen Carriern der Märkte besetzt, heißt es in der Branche. Stattdessen drängten vor allem die Billiganbieter Vueling und Wizz Air in die Lücken in Spanien und Ungarn.

Attraktive Slots

Air Berlin bietet zudem einen großen Zugang zum deutschen Flugmarkt. In der Bilanz für das vergangene Jahr wies die Airline 80 Millionen Euro an immateriellem Vermögen durch "Landerechte" aus. Wie viele Slots Air Berlin hat, will die Fluggesellschaft auf Anfrage nicht mitteilen. Eine Auswertung von Flugplandaten einer gewählten Woche im September ergibt einen Wert von rund 3800 Start- und Landefenstern.

© dpa, Boris Roessler Lesen Sie auch: Arten und Zuteilung von Slots Basiswissen Luftverkehr (11)

Der Großteil der innerdeutschen Slots ist durchaus attraktiv, kommentiert Verkehrsexperte Manfred Kuhne: "Häufig sind dies Tagesrandzeiten - morgens hin und abends zurück." Dies gilt besonders für die nahezu saturierten Flughäfen in Düsseldorf und Berlin-Tegel.  

Gerade die hohe Originärnachfrage an Flughäfen wie München, Düsseldorf und Stuttgart könnte schnell "italienische Verhältnisse" schaffen und die Billigkonkurrenz locken. "München beispielsweise bietet interessante innerdeutsche Routen an, die alle eine Originärnachfrage von jeweils rund einer Million Passagiere haben”, analysiert Kuhne. "Hier sind die Tarife der Lufthansa vergleichsweise hoch." Die Lücken für die Billigkonkurrenz sind hier groß.

Kapazitätsangebot ausgewählter Airlines an ausgewählten Flughäfen


München
Lufthansa: 53 %
Air Berlin: 7 %
Eurowings (inkl. Germanwings): 3 %


Düsseldorf
Eurowings (inkl. Germanwings): 27 %
Air Berlin: 24 %
Lufthansa: 6 %


Stuttgart
Eurowings (inkl. Germanwings): 38 %
Air Berlin: 8 %
Lufthansa: 5 %


Hamburg
Eurowings (inkl. Germanwings): 25 %
Lufthansa: 15 %
Ryanair: 8 %
Air Berlin: 5 %

Untersuchungszeitraum: 18. – 24.9.17, Quelle: ch-aviation

Mögliche Verhaltensweisen Ryanairs hinsichtlich des Kampfes um Kapazitäten an zentralen Airports wie beispielsweise Hamburg lassen sich laut Kuhne auch am Fall Frankfurt ablesen. Dort hat der irische Billigflieger seit diesem Jahr mehrere Flugzeuge stationiert - im kommenden Jahr werden es mehr. "Mal abwarten, ob Lufthansa direkt dagegenhält und wie viel Geld sie in die Hand nimmt, um Flugpreise einigermaßen zu matchen."

© dpa, Bernd Thissen Lesen Sie auch: Kartellrechtler räumt Lufthansa gute Übernahmechancen für Air Berlin ein

Das Bedrohungspotenzial für die Lufthansa-Gruppe in Düsseldorf – Schwerpunkt von Eurowings – bezeichnen Branchenkenner im Gespräch mit airliners.de als immens. Ryanair ist im einwohnerstärksten Bundesland vor allem in Köln/Bonn und Weeze aktiv. Eine Übernahme wesentlicher Teile der Düsseldorf-Slots der Air Berlin würde dort die Angebotssposition von Ryanair gravierend verändern.

Und: Das Angebotsvolumen von Air Berlin ist signifikant bei der Begründung für die beantragten neuen Kapazitätseckwerte in Düsseldorf – "eine unkontrollierte Pleite der Air Berlin könnte schnell also auch ein Politikum werden", heißt es.

2. Grund: Eurowings-Wachstum

Doch in der Branche sieht man noch einen anderen Grund, weswegen Air Berlin für den Kranichkonzern interessant ist: die schlechte Performance der hauseigenen Billigplattform Eurowings. "Das Wachstum von Eurowings ist zwar gut", sagt Analyst Reto Hess von Credit Suisse. "Doch auf der Kostenseite hat die Gruppe im ersten Quartal enttäusch." Es bleibe eine Herausforderung, die neuen Airlines in Eurowings zu integrieren und gleichzeitig die Effizienz der Netzwerk Airlines zu halten. "Das Verhältnis von Flugzeugen und Overheadkosten ist ungünstig", kritisiert auch Wissel.

Bislang fliegen neben eigenen Flugzeugen, denen der Germanwings sowie der in Österreich beheimateten Eurowings Europe auch 38 Air-Berlin-Maschinen im Wet-Lease und Sunexpress für die Billigplattform. Letztere bedient ab Köln vor allem die Langstrecke für Eurowings. Außerdem soll die vom Konzern gekaufte Brussels Airlines auch für Eurowings abheben. Eurowings-Kommunikationschef Matthias Eberle stellte kürzlich klar, dass die Integration der für Eurowings fliegenden Airlines oberste Priorität in Köln habe.

Flugzeuge von Brussels Airlines und Air Berlin: Bald beide unter dem Dach der Eurowings? Foto: © AirTeamImages.com - Europix

Eurowings produziert laut des Lufthansa-Geschäftsberichts derzeit noch Verluste. "Damit Eurowings ein Erfolg wird, muss noch viel passieren. Kosten und Komplexität sind zu hoch, um gegen Ryanair bestehen zu können", sagt Union-Investment-Analyst Ingo Speich. "Eurowings muss dringend auf eine niedrigere Kostenbasis gebracht und dafür auch unabhängiger von der Lufthansa geführt werden." Der Spagat zwischen Premium- und Billigstrategie unter einem Dach sei ansonsten nicht zu schaffen.

Dass sich die Erlöse bei Eurowings durch eine Integration der Air Berlin verändern, zeigen die ersten Quartalszahlen von Eurowings. Die Umsatzerlöse bei Eurowings sind in den ersten drei Monaten um rund 81 Prozent auf 683 Millionen Euro gestiegen. Insider-Informationen zufolge liegen die Kosten für die angemieteten 38 Air Berlin-Flugzeuge durchaus auf der Ebene der Zielkosten, die Eurowings anstrebt.

In der Branche heißt es, dass die Erlöse des Deals bei Air Berlin nicht die Vollkosten decken, diese aber besser sind als im eigenen Betrieb. Im Falle der Übernahme von Air Berlin durch die Lufthansa-Gruppe fiele diese strukturelle Unwirtschaftlichkeit aber wieder in das Lufthansa-Ergebnis.

23.000 neue Verbindungen durch Air-Berlin-Deal

Bei Eurowings selbst will man die Finanzzahlen nicht näher kommentieren. "Wir erreichen das angestrebte Kostenniveau." Stattdessen verweist eine Sprecherin darauf, dass man durch den Wet-Lease-Deal bis zu 23.000 Verbindungen zusätzlich pro Jahr anbieten könne. "Außerdem wurden zwei neue Standorte eröffnet: München und Palma de Mallorca." Air Berlin hatte vor zwei Jahren angekündigt, sich von seinem Drehkreuz Palma zurückziehen zu wollen.

© dpa, Rainer Jensen Lesen Sie auch: Startschuss für die große Air-Berlin-Slot-Aufteilung Apropos (15)

Den größten Marktanteile am Flughafen Palma hat aktuell Niki. Die Flüge werden allerdings noch von Air Berlin vertrieben, da ein Verkauf der österreichischen Tochter an Großaktionär Etihad noch immer hakt. Unklar ist, was Etihad nun mit Niki vorhat. In der vergangenen Woche war der Plan, Niki unter der Führung des Golfcarriers in ein Joint-Venture mit Tuifly zu bringen, gescheitert. Dass Niki immer noch zu Air Berlin gehört, macht diese für eine Übernahme nicht unattraktiv, da Niki laut vieler Experten gut performt.

3. Grund: Attraktive Air-Berlin-Flotte

Nicht zuletzt fehlen Eurowings für weiteres Wachstum Flugzeuge und Crews. So kommt es vor, dass Eurowings-Strecken auch mit Flugzeugen der Lufthansa geflogen werden, berichtet ein Konzerninsider airliners.de - "immer, wenn die Operations mal wieder zusammengebrochen ist".

Die Langstrecke von Eurowings wird aktuell von sechs A330-Maschinen geflogen - im Winter kommt eine siebte hinzu. Durchgeführt werden die Flüge von Sunexpress, dem Joint-Venture von Lufthansa und Turkish Airlines. Die bislang sechs Maschinen heben im Schnitt jeweils fünfmal pro Woche aus Deutschland zu 14 Langstreckenzielen ab.

Rein rechnerisch sind das über 100 Flugstunden pro Flugzeug pro Woche. "Viel mehr geht nicht", sagt ein Insider. Lufthansa-Chef Carsten Spohr will die Eurowings-Langstrecke jedoch ausbauen, nur dazu fehlt es schlicht an Fluggerät: “Wir brauchen mehr als die sieben”, sagte Spohr im März. In der Flotte der Air Berlin sind 15 Airbus A330.

Angebot von Eurowings und Air Berlin im Vergleich

Fluggesellschaft Flüge insgesamt davon Langstreckenflüge
Eurowings 1885 60*
Air Berlin 1243 110

* = operated by Sunexpress; Untersuchungszeitraum: 18. -24.9.17 / Quelle: CH Aviation

Eurowings führt in der gewählten Septemberwoche insgesamt rund 35 Prozent mehr Flüge als Air Berlin durch. Die Billigplattform kommt nur auf rund 60 Langstreckenflüge – beim Berliner Krisen-Carrier sind es im selben Zeitraum 110 geplante Langstreckenflüge.

Eurowings fehlen Piloten

Doch bei Eurowings ist nicht nur die Langstreckenflotte ein Bremsklotz des Wachstums. Auch fehlt es an Piloten. Konzernweit sind zwar rund 1000 Piloten im Einsatz, so das Unternehmen. Doch auf der Langstrecke sind es gerade einmal 126, teilt Sunexpress auf Anfrage mit. Auf der Kurz- und Mittelstrecke planen Airlines in der Regel mit einem Crewfaktor zwischen fünf und sieben. Auf der Langstrecke ist es bei Eurowings sogar 11,7. Die Quote sei im vergangenen Jahr noch einmal erhöht worden.

© AirTeamImages.com, Europix Lesen Sie auch: Darum braucht Air Berlin Hilfe vom Staat

Theoretisch kommen also rund elf Flugkapitäne (CFP) und elf Copiloten (FO) etc. auf jedes Flugzeug. Ab einer Streckenlänge von ungefähr 7500 Kilometern wird bei den meisten Airlines zudem noch ein Senior First Officer eingesetzt – auch bei Sunexpress. Eurowings ist bei der Flotteneinsatz-Planung der Langstreckenflugzeuge weit entfernt von größtmöglicher Effizienz. Für das Wachstum auf Grundlage der bisherigen Effizienz fehlen also vor allem auch Piloten.

Und diese bietet Air Berlin. Die Zahl der Piloten beziffert ein Unternehmenssprecher mit rund 1200, wobei fast alle durch den Umbau auf eine reine Airbus-Flotte nun auch ein Langstrecken-Rating besäßen.

Experte Santo bringt hier noch eine Alternative ins Spiel: Brussels. Denn der jüngste Sprössling im Kranichkonzern betreibt auch zehn Langstreckenflugzeuge, die aktuell auf Konzernstandard umgerüstet werden. "Die könnten natürlich auch neben Sunexpress auf die Langstrecke gehen", so Santo. Allerdings habe Spohr schon häufiger Wachstum der Eurowings-Langstrecke aus Deutschland heraus angekündigt.

"Da man ja ohnehin ständig sagt, man wolle die Marke Brussels nicht beschädigen, wäre es auch rein logistisch schon sehr seltsam, dass man die in Belgien gebaste Airline auf die Langstrecke ab Deutschland schickt." Spohr will vor allem an den Flughäfen Hamburg, Düsseldorf und Berlin-Tegel mit der Langstrecke wachsen - die letzten beiden sind ja ohnehin schon Air-Berlin-Hubs. Und Brussels betreibt laut Branchenkennern gerade in Richtung Afrika ein für die Lufthansa attraktives Streckennetz.

© Lufthansa Group, Lesen Sie auch: Die neuen Realitäten im deutschen Luftverkehr Apropos (16)

Unabhängig davon, welche Attraktivität Air Berlin für die Lufthansa hat, sind sich alle Experten beim Zeitplan einig: “Wie ruhig sich aktuell die deutsche Politik verhält, ist schon bemerkenswert”, so Santo. “Vor der Bundestagswahl wird die jetzige Regierung alles tun, um eine Übernahme durch die Lufthansa zu genehmigen", heißt es in Kreisen. Immerhin stünden allein beim Berliner Krisen-Carrier direkt rund 8400 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Und auch Kuhne glaubt: "Bis zum Herbst gibt es eine Entscheidung."

Von: cs
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