Jenny Jetstream (39) ( Gastautor werden )

Crew Resource Management

09.09.2014 - 11:27 0 Kommentare

Früher war das Cockpit ein Heiligtum, in das sich niemand hineingetraut hat. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, meint Jenny Jetstream.

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. - © © Fotolia.com - Illustration: Zubada

Jenny Jetstream liebt Ihren Job als Flugbegleiterin. © Fotolia.com /Illustration: Zubada

Vor einem Vierteljahrhundert habe ich angefangen, als Stewardess meine Brötchen zu verdienen. Die Kluft zum Cockpit war damals groß, zumindest habe ich das so empfunden. Die Kabinenbesatzung ging lange vor den Piloten an Bord, wenn es galt das Flugzeug für den Start vorzubereiten.

Es war zwar üblich, sich namentlich vorzustellen, wenn man die Kollegen noch nicht kannte, aber allzu oft gab es dafür nur ein flüchtiges Nicken oder sogar einen dummen Spruch. Insgesamt war das alles wenig motivierend, vorne mal auf einen Besuch während des Fluges hineinzuschneien.

Damals habe ich das Cockpit noch als Heiligtum empfunden, der Weg war zwar für fast jedermann frei, da statt einer heutzutage üblichen Panzertür dort nur ein Modell aus dünner Presspappe die „Streifenhörnchen“ vom Fußvolk trennte, aber es verirrte sich wohl eher mal ein Toilette-suchender Passagier in das Reich der 1000 Knöpfe, als eine junge Flugbegleiterin. Wir hatten größten Respekt vor den dunkelblau gewandeten Helden der Lüfte und brachten höchstens mal kurz auf Anweisung der Chefstewardess einen Kaffee nach vorne.

Fliegende Götter und Normalsterbliche

Zum Glück hat sich dieses Verhältnis der fliegenden Götter und der Normalsterblichen an Bord nicht manifestiert. Im Gegenteil, heute ist es besser denn je. Man hat erkannt, dass effektive Kommunikation nur von Vorteil sein kann und viel dazu beigetragen, diese zu optimieren. Die absolute Notwendigkeit belegen viele Beispiele aus der Vergangenheit mit lebhaften und manchmal tragischen Bildern.

So ergab sich zum Beispiel eine Situation an Bord, in der der Kabinenchef nach der Notlandung nach vorne ins Cockpit eilte und fragte: „Shall we evacuate?“ (Sollen wir evakuieren?) Der Kapitän war noch beschäftigt und hob die Hand, als Zeichen, dass er noch nicht zuhören konnte. Als er fertig war, sagte er zum Purser: „Go ahead!“ (Mach weiter.) Dieses wurde fälschlicher Weise als Einleitung zur Evakuierung interpretiert, mit fatalen Folgen.

Viele Flugzeugunglücke in den vergangenen Jahrzehnten sind auf Grund menschlichen Versagens zustande gekommen. Oftmals spielte die fast unantastbare Hierarchie im Cockpit eine große Rolle, Kompetenzkonflikte waren keine Seltenheit. Durfte man als Copilot die Entscheidung des Kapitäns hinterfragen, kritisieren oder sich gar darüber hinwegsetzen? War die Kabinenbesatzung mutig genug, merkwürdige, undurchsichtige Informationen nach vorne weiterzugeben, respektive falsche Vermutungen seitens der Cockpitcrew geradezubiegen?

Desweiteren sind simple verbale Missverständnisse ein Grund für fatale Unglücke gewesen. Nicht umsonst wird das Wort „Take off“ nach dem großen Unglück auf Teneriffa 1977 vom Tower nur noch für die Startfreigabe verwendet, ansonsten spricht man schlicht von „departure“. Durch klare Strukturen, festgelegte Verfahren und abgesprochene Phrasen kann man sowohl im Tagesgeschäft als auch in brenzligen Situationen den Überblick behalten.

Heutzutage gibt es klare Strukturen und Verfahren

In unseren jährlichen Auffrischungskursen wird sehr viel Wert auf CRM gelegt, sogenanntes Crew Resource Management. Neben der Schulung von Kooperation, situativer Aufmerksamkeit, intelligentem Führungsverhalten und logischer, gemeinsamer Entscheidungsfindung gilt es vor allem die Kommunikation untereinander zu sensibilisieren und voranzutreiben.

Die Jungs (und Mädels) da vorne kennen sich zwar mit dem zu fliegenden Vogel aus, aber sie haben weder Rückspiegel noch hellseherische Fähigkeiten, was in der Kabine so los ist. Eine gut funktionierende Zusammenarbeit ist im Notfall überlebensnotwendig. Und das gilt selbstverständlich auch für das Miteinander im Cockpit. Lautes Denken, gemeinsames Brainstorming in Krisensituationen und ein unbefangenes Miteinander sind ein absolutes Muss.

Die Kette ist nur so stark wie das schwächste Glied

Mich freut, dass sich die CRM-Schulungen nicht nur auf etwaige Notfälle positiv ausgewirkt haben, sondern dass der allgemeine Umgang miteinander viel kameradschaftlicher ist. Inzwischen ist sich jeder seiner Position an Bord bewusst. Wir in der Kabine sind die Augen und die Ohren der Piloten. Und zusammen sind wir eine Crew. Das fühlt sich nicht nur großartig an, es ist ein ganz anderes Arbeiten als damals als Frischling anno 1990. Jeder hat längst erkannt, dass die Kette immer nur so stark ist, wie das schwächste Glied. Abgesehen davon, dass es so viel mehr Spaß macht, gemeinsam durch die Wolken zu jagen.

Und im Prinzip ist CRM nicht nur ein wichtiges Thema für den Flugbetrieb. Ein offenes Ohr für seine Mitmenschen zu haben, hat noch nie jemanden geschadet und kann die Beziehung untereinander nur verbessern. Allerdings kann es in der Fliegerei manchmal lebensnotwendig sein, richtig zuzuhören und sich konkret auszudrücken.

Viele Grüße,
Jenny Jetstream

Über die Autorin

Jede Woche veröffentlicht die Flugbegleiterin, Autorin und Illustratorin Kathrin Leineweber auf airliners.de eine neue Geschichte aus dem Leben der Stewardess Jenny Jetstream in Kolumnenform. Alle "Jenny Jetstream"-Folgen lesen.

Kathrin Leineweber Kathrin Leineweber begleitet als Purser Passagiere einer großen deutschen Airline rund um den Globus und hat über Ihren Beruf mehrere Bücher veröffentlicht. Zudem schreibt und illustriert sie Kinderbücher.

Von: Kathrin Leineweber für airliners.de
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