Debatte

Ein Plädoyer gegen die Tegel-Offenhaltung

20.09.2017 - 12:00 0 Kommentare

Die Diskussion um den Berliner Cityairport Tegel ist überflüssig. Denn im Fokus sollten die lärmgeplagten Anwohner stehen, meint Verkehrsexperte Thomas Rietig.

Contra-Plädoyer zum Tegel-Volksentscheid. - © © dpa - Jörg Carstensen, Bearbeitung: airliners.de

Contra-Plädoyer zum Tegel-Volksentscheid. © dpa /Jörg Carstensen, Bearbeitung: airliners.de

Die Abstimmung

Volksentscheid: Am 24. September können die Berliner entscheiden, ob sich der Senat für die Offenhaltung des Cityairports Tegel einsetzen soll. Bislang ist geplant, dass dieser sechs Monate nach der BER-Eröffnung schließt und dort unter anderem ein Wissenschaftspark entsteht. Mehr Infos: Amtliche Informationen zum Volksentscheid.

Von meinem Wohnort im Süden Spandaus aus gesehen, ist Tegel ein idealer Standort für einen Flughafen: Der Lärm hält sich in Grenzen, obwohl Flugzeuge von und nach beiden Airports (Schönefeld und Tegel) über uns hin und her fliegen, und man kommt mit öffentlichen Verkehrsmitteln in vertretbarer Zeit zum Cityairport. Dennoch habe ich mich schon seit geraumer Zeit damit abgefunden, dass ich künftig für meine paar Flüge im Jahr einen weiteren Weg nehmen muss. Und ich vertrete das auch in einschlägigen Diskussionen.

Der Berliner Senat will, dass Tegel - wie vor Jahrzehnten vereinbart - sechs Monate nach Eröffnung des BER schließt: Verträge müssen eingehalten werden, die Sanierung Tegels würde eine Milliarde Euro kosten. Ob diese Kosten zu hoch angesetzt sind, lasse ich offen. Es wäre ein Novum in Berlin, wenn solche Schätzungen unterboten würden. Dazu kommen Lärm-, Umwelt- und Sicherheitsaspekte. Die haben alle etwas für sich. Trotzdem wäre es natürlich schön, einen Stadtflughafen zu haben.

Großes Verständnis für die Menschen

Aber ich habe großes Verständnis für die Reinickendorfer, die fordern: "Endlich Schluss mit dem Lärm!" Wer den Lärm in dieser Gegend für vernachlässigbar hält, darf sich gern mal für eine Viertelstunde bei Westwetterlage an die Bushaltestelle am Kurt-Schumacher-Platz stellen, einem hochverdichteten Wohngebiet mit Einkaufszentrum. Müsste er sich nicht mit den Händen die Ohren zuhalten, könnte er die landenden Flieger bei den Rädern packen.

Thomas RietigÜber den Autor: Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Bürgern, die sich vielleicht vor 15, 20 Jahren dort angesiedelt haben, wurde versprochen: "Wenn der neue aufmacht, schließt der alte Flughafen." Das gilt sowohl für Mieter als auch für Menschen, die sich dort mit derselben Perspektive eine Eigentumswohnung gekauft haben und schon jetzt nicht die erhoffte Wertsteigerung erleben.

Wehe, wenn jetzt einer sagt: "Warum soll es denen besser gehen als denen im BER-Umfeld, die von der Änderung der Flugrouten betroffen waren, nachdem sie auf die ersten Angaben vertraut hatten und sich dort ein Häuschen bauten?" Ja, die tun mir leid, und sie sollten entschädigt werden, aber wir müssen das Leid nun nicht auch noch auf den Norden ausdehnen.

Überzeugendes Nachnutzungskonzept

Es ist schon ein wenig grotesk, Tempelhof zu schließen und Tegel weiterbetreiben zu wollen. Alle Argumente für die Schließung Tempelhofs gelten auch für die Schließung Tegels. Dazu kommt noch, dass Tegel zwar mitten in der Stadt liegt, aber nicht einmal mit der U-Bahn oder der Straßenbahn erreichbar ist. Wer mit Auto oder Bus kommt, schwitzt wegen der Staus regelmäßig vor Verspätungsangst.

Umfrage

Ferner gibt es für Tegel ein überzeugendes Nachnutzungskonzept. War es bei Tempelhof die Freizeit-Nutzung, so wird mit der geplanten Bebauung Tegels dem Umstand Rechnung getragen, dass Berlin wächst und wächst. Und vielleicht wollen ja nicht alle künftigen Bürger Berlins unbedingt dauernd fliegen. Vielleicht fahren sie ja mal mit der Bahn. Vielleicht wollen sie hier studieren, erschwinglichen Raum für Start-Ups finden oder einfach nur zu bezahlbaren Preisen wohnen. Wenn die nicht nach Tegel können, ziehen sie vielleicht nach Brandenburg und pendeln, sorgen für Luftbelastung und Staus und so weiter.

Berlin braucht den Cityairport? Und München?

Hier gehört auch die Replik auf das albernste Argument der FDP für das Offenhalten hin: Berlin braucht als Start-Up-Metropole einen Stadtflughafen. Aha. Sieht man ja an München, das Berlin gerade als Start-Up-Metropole einholt. Die "heimliche" Hauptstadt floriert mit einem einzigen Flughafen, der - verglichen mit dem BER - in der Pampa liegt. Sie glänzt sogar ohne eine dritte Startbahn.

Damit sind wir bei der angeblich begrenzten Aufnahmefähigkeit des BER. Das Argument ist einfach lächerlich! Ich kenne keinen wichtigen Flughafen, der es nicht regelmäßig geschafft hätte, die nominelle Kapazität dem Bedarf anzupassen. Die beiden unabhängig voneinander zu betreibenden Start- und Landebahnen des BER schaffen 45 Millionen Fluggäste.

Also machen wir uns lieber Gedanken darüber, wie wir die Abfertigungskapazität am BER ausbauen: Altes Terminal weiter nutzen, Regierungsterminal dort hin, wo es die zivilen Kapazitäten nicht beeinträchtigt, und zweites Mittelterminal bauen - am besten gleich mit funktionierender Entrauchungsanlage. Und unter Beachtung folgender Forderungen: So gute Lärmschutzanlagen für die derzeitigen Anwohner wie möglich.

Bitte die U-Bahn nicht vergessen!

Weitere Ausweisung von Baugebieten in Einflugschneisen nicht zulassen, notfalls die Gemeinden entschädigen. Das immer wieder angeführte, angeblich drohende Verkehrschaos wird mit einer komfortablen, mit einer schnellen S-Bahn sowie der Verlängerung der U-Bahn von Rudow abgeschwächt. Bei der Nachnutzungsplanung für Tegel die U-Bahn nicht vergessen.

Im Übrigen, und ganz egoistisch, freue ich mich, dass der derzeit dritte Flughafen Berlins immer noch nicht ganz geschlossen hat. Es ist der Flugplatz Gatow im Süden Spandaus mit seinem militärhistorischen Museum und zwei kurzen Start- und Landebahnen. Hier landete einst die Queen zu Staatsbesuchen. Einmal im Jahr ist Flugplatzfest. Dann herrscht reger Start- und Landesbetrieb. Niemand schimpft über den Lärm. Drumherum wächst Berlin rasant. Auch ohne Stadtflughafen.

Entscheidungshilfe: airliners.de veröffentlicht zwei Gastbeiträge, in denen die Autoren ihre Meinung pro oder contra eines Weiterbetriebs von Tegel erörtern. Hier gelangen Sie zum Pro-Plädoyer des ehemaligen Flughafenchefs Hans-Henning Romberg:

© dpa, Jörg Carstensen, Bearbeitung: airliners.de Lesen Sie auch: Ein Plädoyer für die Tegel-Offenhaltung Debatte

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Von: Thomas Rietig für airliners.de
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