Hintergrund

Brexit wirbelt europäischen Luftverkehr durcheinander

28.06.2016 - 11:45 0 Kommentare

Der Brexit ist schlecht für Airlines, die häufig im Vereinigten Königreich landen. Es könnte noch schlimmer kommen, falls das Land aus dem gemeinsamen Luftverkehrsmarkt der EU fällt.

Eine Passagiermaschine am Flughafen Frankfurt.  - © © dpa - Boris Roessler

Eine Passagiermaschine am Flughafen Frankfurt. © dpa /Boris Roessler

Britische Touristen spüren schon in diesem Sommer die Folgen des vorerst nur angekündigten EU-Austritts: Mit ihrem abgewerteten Pfund erhalten sie in Europas Feriengebieten weniger fürs Geld - und die Flugreisen werden wegen des ungünstigen Verhältnisses zur Ölwährung Dollar auch gleich teurer.

Die längerfristigen Folgen eines Brexit für die Luftfahrtbranche und damit auch für Passagiere in ganz Europa sind hingegen noch schwer absehbar. Billigfliegern dürfte der Preiskampf künftig schwerer fallen. Was bedeutet der Brexit für die einzelnen Beteiligten?

Die Branche:
Großbritannien steht nach Einschätzung des Weltairline-Verbandes Iata vor einem wirtschaftlichen Abschwung, der zusammen mit der Pfund-Abwertung die Zahl der Fluggäste von der und auf die Insel jährlich um 1 bis 1,5 Prozentpunkte schmälern wird. Im Vergleich zum US-Dollar werten Pfund und Euro in der Folge des Brexit eher ab, was zu höheren Belastungen durch die Kerosinrechnung führt.

Die Passagiere:
Die wirtschaftlichen Probleme in Großbritannien verringern grundsätzlich den Spielraum der großen Billigflieger für weitere Kampfpreise. Ihr Wachstumskurs wie auch der wettbewerbsbedingte Preisverfall bei den Tickets dürften daher gebremst werden. Doch auch das ist nicht sicher: Ryanair und Co. müssen bei einer schwächeren Nachfrage auf der Insel notgedrungen Flugzeuge auf den Kontinent verlegen, was auch an abgelegenen Zielen für mehr Konkurrenz und sinkende Preise sorgen würde.

© Heathrow Airports Limited, Lesen Sie auch: Welche Folgen der Brexit für Reisende haben kann

Die Lufthansa würde mit ihrem Billigableger Eurowings gegenhalten. Deutschland ist aktuell der wichtigste Expansionsmarkt, hat Ryanair-Chef Michael O'Leary betont. 2017 sei es sehr unwahrscheinlich, dass auch nur eines der 50 neuen Flugzeuge in Großbritannien stationiert werde, sagte der Airline-Chef dem "Wall Street Journal". "Wir werden all unser Wachstum in die Europäische Union umleiten."

Die Juristen:
Auch im Luftverkehr müssen die rechtlichen Beziehungen neu geordnet werden. Experten stellen in Frage, ob das innerhalb von zwei Jahren erreichbar ist. Das Vereinigte Königreich ist bislang Vollmitglied im weitgehend liberalisierten und vereinheitlichten Luftverkehrsmarkt Europa. Ob britische Gesellschaften auch nach einem Brexit überall in Europa starten und landen dürfen, ist zumindest fraglich.

Weltweit üblicher sind Abkommen auf Gegenseitigkeit, die zwischen den EU-Staaten und Großbritannien neu ausgehandelt werden müssten. Die EU hat zudem mit Drittstaaten Luftverkehrsabkommen geschlossen, die für die Briten nicht mehr gelten würden und ebenfalls neu ausgehandelt werden müssten. Ökonomisch wichtig ist hier insbesondere der Open-Skies-Vertrag mit den USA.

Die Billigflieger:
Kräftige Kursabschläge und die Easyjet-Gewinnwarnung machen klar: Zu den großen Verlierern des Brexit gehören von der ersten Minute an die beiden großen Billigflieger Ryanair und Easyjet, die nach Zahlen des Airline-Verbandes Iata 36 beziehungsweise 49 Prozent ihrer Kapazitäten im Großbritannien-Verkehr einsetzen. Ihre sehr preissensiblen Privatkunden dürften künftig weniger Geld für Flugtickets übrig haben als bislang. Der Chef des weltgrößten Reisekonzerns Tui, Fritz Joussen, bezweifelt jedoch, dass sich die Briten ihre "sehr ausgeprägte Reiselust" so schnell nehmen lassen.

© dpa, EPA/OLAF KRAAK Lesen Sie auch: Easyjet hofft trotz Brexit auf EU-Luftverkehrsbinnenmarkt

Die Billigflieger haben bislang wie niemand sonst vom einheitlichen europäischen Luftverkehrsmarkt profitiert, in dem sie ohne Einschränkungen in der EU Direktverbindungen etwa von Deutschland nach Spanien angeboten haben. Das wird sich für die irische Ryanair nicht ändern, die britische Easyjet könnte hingegen massive Probleme wegen fehlender Luftverkehrsrechte bekommen.

Easyjet müsste sich in Berlin, Brüssel oder Amsterdam möglicherweise auf Flüge von und nach Großbritannien beschränken, statt wie bislang von vielen Städten auf dem Kontinent aus zu Zielen in ganz Europa zu starten. Easyjet-Chefin Carolyn McCall prüft laut Berichten daher die Einrichtung eigener Flugbetriebe (AOC) in anderen EU-Staaten außerhalb Großbritanniens.

Die Flughäfen:
Bei einem Ausscheiden Großbritanniens drohen nicht nur britischen Airports einschneidende Veränderungen. Während in Deutschland die Drehkreuze Frankfurt und München auf leicht positive Verlagerungseffekte aus London hoffen dürfen, sind beispielsweise Hamburg, Köln oder Berlin auf Ryanair und Easyjet als Kundschaft angewiesen.

Der Hauptgeschäftsführer des deutschen Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel, forderte die britischen Airlines im Gespräch mit airliners.de bereits auf, "möglichst schnell eine Lösung zu finden", sofern sie Flughäfen in Deutschland anfliegen.

Die Netz-Airlines:
Die einstige Staatsfluglinie British Airways und ihr Mutterkonzern IAG hoffen, dass der Brexit sie nicht so hart trifft wie möglicherweise Easyjet. Die IAG, zu der auch die spanischen Fluglinien Iberia und Vueling sowie die irische Aer Lingus gehören, erwartet 2016 nun zwar keinen so großen Gewinnsprung mehr wie zuvor. Langfristig fürchtet IAG-Chef Willie Walsh aber keine große Belastung für sein Geschäft.

© AirTeamImages.com, Lesen Sie auch: Die wichtigsten Zahlen zum Luftverkehrsmarkt Deutschland-Großbritannien

British Airways konzentriert sich schon lange auf den Mittel- und Langstreckenverkehr am Weltdrehkreuz London, dessen Bedeutung als Finanzzentrum aber abnehmen könnte. Die Lufthansa sieht sich ohnehin nicht als Hauptbetroffene: Nur fünf Prozent seines Umsatzes macht Europas größter Luftverkehrskonzern im Verkehr mit der Insel und kann nun möglicherweise sogar auf einigen zusätzlichen Verkehr über Frankfurt hoffen.

Der Sonderfall Air Berlin:
Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft gehört zwar einer sogenannten Plc-Holding nach britischen Recht. Der Luftverkehrsbetrieb ist aber in Deutschland registriert, und auch die Streckenrechte werden über das Luftfahrtbundesamt vergeben. Luftverkehrsrechtlich hat der Brexit für Air Berlin also keine Bedeutung, gesellschaftsrechtlich will das Unternehmen die noch neue Situation überprüfen.

Von: ch, dpa, dpa-AFX
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