Spaethfolge (110) ( Gastautor werden )

Boutique oder Kramladen?

28.11.2012 - 09:52 0 Kommentare

„Boutique-Airline“ nennen sich manche Fluggesellschaften und reimen darauf gern „unique“, also einmalig. Was soll das eigentlich heißen? Hinter dem Begriff verbirgt sich zuweilen wenig, wie ich jetzt erfahren konnte.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

„Fly Boutique. Feel Unique“, reimt Bangkok Airways überall und nennt sich in fast jeder Ansage „Asiens Boutique-Airline“. Auf den Bezügen der Sitze prangt der Slogan, auf Werbeplakaten und Bordkarten. Aber was soll das eigentlich heißen – und was bedeutet dieser Slogan für Passagiere wirklich?

Das habe ich mich jetzt gefragt, als ich gleich viermal innerhalb weniger Tage in Asien mit der sogenannten „Kramladen-Luftlinie“ geflogen bin, denn nichts anderes heißt der Begriff wörtlich übersetzt, wenn man dem deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag glaubt.

Auf Englisch sieht das schon anders aus, denn da erklärt das Online-Lexikon treffend, dass der Begriff im Tourismus eigentlich von Hotels adaptiert wurde. Und zwar den kleinen, unabhängigen, luxuriösen, individuellen, die sich als „Boutique Hotels“ von den großen, genormten, industriellen Übernachtungskästen absetzen wollen.

Allerdings ist das sicher ein Jahrzehnt her, und Leute aus der Tourismusbranche erzählen mir, dass sich der Begriff längst überlebt und verselbständigt hat. Den Airlines, die die „Boutique“ jetzt heftig für sich adaptieren, scheint das entgangen zu sein, so auch in Thailand.

Als erstes fällt auf: Bangkok Airways ist dauernd verspätet und ändert kurzfristig ihren Flugplan. Kein gutes Zeichen für einen seriösen Laden. Thailands größte private Airline, die dem Besitzer eines Krankenhaus-Konzerns gehört und von seinem Sohn mit dem schönen Namen Puttipong sowie einem Schweizer Manager geführt wird, wie ich der Lokalzeitung in Bangkok entnehme, hat eigentlich einen guten Ruf. Und fliegt im Codesharing mit Air Berlin und Etihad.

Aber dass sich häufende Verspätungen von oft einer Stunde gar nicht erklärt und nicht einmal entschuldigt werden, macht stutzig. Im harten Wettbewerb mit auch in Asien sehr mächtigen Billigfliegern versucht Bangkok Airways mit Service und Unterscheidbarkeit zu punkten. Die Bemalungen der Flugzeuge sind extrem farbenfroh und jede ATR und jeder Airbus trägt ein eigenes Farbkleid, zur Freude der Spotter und eines deutschen Luttfahrtmagazins, das eigens ein PR-Buch mit der Gesellschaft produziert hat.

An Bord merkt der Passagier erst spät, das neben den zarten Flugbegleiterinnen in entzückenden weiß-blauen Uniformen, sicher aus der firmeneigenen Boutique, auch Männer zur Kabinencrew gehören. Sie tragen in der Luftfahrt einmalige Hemden (vielleicht ein Restposten?) im schwarz-weißen Nadelstreifen-Dekor und keinerlei sonstige Insignien ihres Amtes wie ein Namensschild oder Firmenlogo. Solch verunglücktes Understatement findet man manchmal auch in überkandidelten Design-Hotels.

Neben dem Abwerfen eines für einen 40-Minuten-Flug erstaunlich üppigen Fresspakets in einer Pappschachtel auf jedes Tischchen allerdings bleibt die Performance in der Kabine durchschnittlich. So belädt Bangkok Airways zum Beispiel ihre Flugzeuge mit tagesaktuellen Zeitungen, eine löbliche Ausnahme. Nur weiß das offenbar die Besatzung nicht und bietet sie an Bord nicht an. Als ich den verschnürten Packen zufällig auf zwei meiner Flüge in der Gepäckablage erspähe und darum bitte, bekomme ich -und sonst niemand- den Lesestoff.

Erst als beim Aussteigen durch die hintere Galley ein Flugbegleiter schwungvoll mit einem eleganten Fußtritt und einem „Sorry“ ein am Boden liegendes Stück Hühnerbrust wie einen Strafstoß in die Ecke feuert spüre ich zum ersten Mal einen Hauch von „Feel Unique“.

Das Phänomen Boutique-Airline gibt es nicht nur in Thailand. Auch Oman Air vom Persischen Golf nennt sich so. Und versucht sich damit gegen die Giganten von Emirates, Etihad, Qatar und Co zu behaupten. Ihr halbes Dutzend A330 kann in der Tat gegen die Hundertschaften an Großraumjets der Konkurrenz punkten. „Klein aber fein“ würde man Oman Air auf deutsch nennen, ihr Bordprodukt ist vor allem in First und Business phänomenal luxuriös, ich zähle Oman Air zu den besten Airlines der Welt. Hier jedenfalls macht die Unterscheidung zwischen Massenprodukt von der Stange und individueller Service- und Produktkultur Sinn, die eben genau durch den Begriff „Boutique“ ausgedrückt werden soll.

Echt verunglückt dagegen war der Markenname „Unique Airport“, der wohl dasselbe aussagen wollte. So hat sich der Flughafen Zürich vor Jahren benannt – und die Groteske nach allgemeinem Kofpschütteln dann bald wieder zurückgenommen. Das, immerhin, war wirklich einmalig.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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