Innovation Lab bei Frankfurt: Boeings neue Schnelligkeit

Zwischen agiler Software-Entwicklung und Start-Up: In einer ausgedienten Jeppesen-Druckerei bei Frankfurt hat Boeing das Digital Aviation & Analytics Lab eröffnet - mit hochtrabenden Zielen. airliners.de hat sich in Neu-Isenburg umgeschaut.

Zur Eröffnung wurden die Ideen präsentiert. - © Airliners.de - Andreas Sebayang

Zur Eröffnung wurden die Ideen präsentiert. Airliners.de /Andreas Sebayang

In einem alten Gebäude der Boeing-Tochter Jeppesen hat das Digital Aviation & Analytics Lab in Neu-Isenburg nahe Frankfurt eröffnet. Mit dem Labor will sich das Unternehmen ein wenig selbst neu erfinden und wählt für einen Konzern dieses Alters ungewöhnliche Mittel, um die Entwicklung von Service-Produkten zu beschleunigen. Diese sollen ein weiteres Standbein des Flugzeugherstellers werden. Das Deutsche Labor soll dabei durchaus als Vorbild für den gesamten Konzern dienen.

Unter der Leitung von Dr. Jens Schiefele, dem Director Research and Rapid Development sollen neue Konzepte und Produkte ausprobiert und anschließend gegebenfalls auf andere Konzernteile ausgeweitet werden. Wie es der Titel schon andeutet, soll der Zeitaufwand für neue Produkte reduziert werden. Traditionell ist die Produktentwicklung bei einem Konzern wie Boeing ein aufwendiger und langwieriger Prozess.

Luftverkehrskontrolle für Drohnen

Rund 60 Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern forschen und entwickel in Neu-Isenburg vor allem an vergleichsweise kleinen Produkten oder Teilen die größeren Produktionen. Dazu kommt Expertise von Außen durch eine Zusammenarbeit mit Partnern aber auch Forschungseinrichtungen. Die Hierarchien sind gewollt flach, die Kommunikation dementsprechend schnell.

Geforscht wird in zahlreiche Richtungen. Ein Teil des Teams arbeitet derzeit etwa an einer Art Luftverkehrskontrolle für Drohnen. Diese sollen, wenn das Projekt glückt, firmenintern die Zulieferung von Post und Paketen abwickeln. Dabei müssen zahlreiche kleinere Probleme gelöst werden, wie etwa Notfallszenarien für Verbindungsabrisse oder schlicht die Vermeidung von Kollisionen.

Noch nicht fertig. Hier soll später eine Kabine für Experimente aufgebaut werden. Foto: airliners.de, Andreas Sebayang

Es geht aber auch durchaus auch um Flugzeuge. In dem Labor soll beispielweise eine moderne Kabine aufgebaut werden. Die Forscher wollen alles vernetzen - von der Schwimmweste, die ihr Ablaufdatum mitteilt, bis hin zum Sitz, der durch Sensoren Vorhersagen zu einem eventuellen Ausfall ermöglicht. Ein Ideen-Verbot gibt es dabei nicht. Die Arbeitsatmosphäre mitsamt vieler geplanten Experimenten erinnert an agile Software-Entwicklung und Start-Ups.

Chancen und Gefahren eines Start-Ups

Boeing wurde bei der Eröffnung aber nicht müde zu betonen, dass die Sicherheit immer eine hohe Priorität hat. Bei den ganzen Analogien zu agiler Software-Entwicklung und dem Start-Up-Charakter hat das Unternehmen anscheinend große Sorge, dass Vorurteile dieser beiden in der IT-Welt etablierten Konzepte auf Boeing übertragen werden können.

Doch wie in so vielen Bereich kann agile Software-Entwicklung Beides verursachen: hohe oder eben auch fragwürdige Qualität. Denn es ist nur ein Werkzeug - der korrekte Umgang wird damit nicht ersetzt. Selbiges gilt für die in einem Start-Up typischen flachen Hierarchien. Auch hier will Boeing nicht, dass die Außenwelt denkt, es würde Chaos herrschen, wie das bei einigen, aber sicher nicht allen Start-Ups tatsächlich der Fall ist. Die Hoffnung ist natürlich Kreativität zu fördern.

Boeing interagiert bei seinen Projekten in Neu-Isenburg direkt mit seinen Kunden, was zusätzliche Geschwindigkeitsvorteile verspricht. Ein sehr plastisches Beispiel ist etwa die Nennung eines typischen Software-Problems. Die Schrift einer Anzeige ist einfach zu klein. Bei typischen Release-Zyklen alter Entwicklungskonzepte kann das Vergrößern eines Buchstabens um ein paar Pixel unter Umständen Monate, ja sogar Jahre dauern. Boeing hat in einem seiner Konzepte so eine Mini-Änderung binnen Wochen gelöst. Es sind nicht die Entwicklunge, die so viel Zeit brauchen, sondern die starren Verfahren, die mitunter solche Änderung einfach nicht zulassen.

Kleine Probleme werden seltener zum Ärgernis

Gefahren für die Qualität einer Software sind bei solchen Änderungen eher gering. Der Kunde dafür deutlich früher zufrieden - oder alternativ: Er ärgert sich nicht mehr monatelang über ein kleines Problem bei dem Produkt. Alle sechs Wochen ist es etwa möglich eine Software für weitere Tests als neuen Release an die Partner zu liefern, damit zeitnah Rückmeldungen kommen können.

Flight Simulator X dient als Testplattform. Foto: airliners.de, Andreas Sebayang

Insgesamt arbeitet das Digital Aviation & Analystics Lab schon seit rund sechs Monaten am Aufbau der Abteilung. Das schließt auch Baumaßnahmen ein. Der Produktionshalle ist an vielen Stellen anzusehen, dass es vor allem darum geht, Ideen voranzubringen. Dementsprechend wird anderes nachgelagert. Konfernzräume wurden in die Halle nachträglich eingebaut was auch deutlich zu sehen ist. Für erste Navigationsprodukttests finden sich PC-Joysticks und Microsofts Flight Simulator X als Werkzeug.

Scheitern als Chance

Aber hier wird nicht gespielt, sondern die Fähigkeiten interaktiver Jeppesen-Karten getestet. Die Teams halten sich offensichtlich nicht monatelang damit auf, dass alles wie aus dem Ei gepellt aussieht. Es geht darum, möglichst schnell herauszufinden, ob eine Idee brauchbar ist oder lieber verworfen wird. Das Versagen ist typischerweise ein wichtiges Element solcher Vorgehensweisen, und einfache Werkzeuge lassen sich durchaus dafür nutzen. In der Forschung bringt oft das Scheitern wichtige Erkenntnis.

Betont wurde eher der Erfolg des Ops-Advisor. Das erste Produkt, was unter der neuen Entwicklungsphilosophie entstanden ist, befindet sich bereits bei mehreren Kunden in der Evaluation. Das Werkzeug soll einer Bodenüberwachung eine einfache Beurteilung von Problemen und deren Auswirkungen erlauben und stellt dies visuell ansprechend dar. Inwiefern das besser ist als andere Produkte wird von den potenziellen Kunden nun erprobt.

Ops Advisor Foto: airliners.de, Andreas Sebayang

Ziel ist es, jeden Monat ein Forschungsprojekt durchzuführen und pro Jahr acht marktgerechte Prototypen zu entwickeln. Daraus soll alle sechs Monate ein Produkt entstehen, mit dem Boeing letztendlich Geld verdient. Das würde einer Erfolgsquote von fast 17 Prozent entsprechen, was in der Forschung mitunter sehr hoch ist. Zum Vergleich: Microsoft Research verwirft etwa 90 Prozent seiner Projekte.

Das nun eröffnete Lab ist Teil der Boeing Global Services, ein erst seit Juli 2017 existierender Geschäftsbereich, der die Dienstleistungsbereiche zusammenführt und auch den Austausch mit anderen Laboren ermöglicht.

© dpa, Lesen Sie auch: Boeing eröffnet digitales Forschungslabor bei Frankfurt

Von: as

Datum: 01.12.2017 - 14:12

Adresse: http://www.airliners.de/boeings-frankfurt-lab-stabilitaet-agilitaet/43001