Billigflüge auf der Langstrecke: Trendsetter oder Trugbild?

27.12.2015 - 13:26 0 Kommentare

Billigflieger wie Ryanair und Easyjet haben Europas Luftfahrtmarkt längst erobert. Doch nun versucht sich ausgerechnet die bedrängte Lufthansa als Trendsetterin und schickt ihre Billigtochter Eurowings auf die Langstrecke.

Eurowings Airbus A330-200. - © © Lufthansa -

Eurowings Airbus A330-200. © Lufthansa

Ryanair-Chef Michael O'Leary hat immer wieder mit dem Gedanken gespielt. Nach dem Erfolg innerhalb Europas sinnierte der Chef der irischen Billig-Airline darüber, eine Schwestergesellschaft für Flüge zu anderen Kontinenten aufzubauen. Doch der für provokante Sprüche bekannte Manager ist ein kühler Rechner und hat klare Vorstellungen von der Gewinnmarge, die seine Maschinen einfliegen müssen. Langstreckenflüge werde es bei Ryanair in den kommenden fünf Jahren nicht geben, stellte er im November klar.

Dabei gibt es durchaus Vorreiter: Air Asia-X aus Malaysia, Cebu Pacific von den Philippinen und die Qantas-Tochter JetStar aus Australien sind mit Großraumjets seit mehreren Jahren zwischen Inselstaaten und Kontinenten unterwegs. In Europa startet Norwegian Air Shuttle mit der Boeing 787 "Dreamliner" nach New York und Las Vegas. Die isländische Wow Air hat Flüge ohne Schnickschnack zu mehreren US-Zielen im Angebot.

Das Prinzip ist das gleiche wie auf den Flügen von Ryanair & Co.: Sitzplatz und Handgepäck sind inklusive - fast alles andere kostet extra. "Das ist sehr gut für Leute, die drei Tage irgendwo hinwollen", sagt Karl Ulrich Garnadt, der im Vorstand der Lufthansa von 2016 an den Aufbau von Eurowings verantwortet. Die Lufthansa, die den Siegeszug der Billigflieger in Europa lange unterschätzt hatte, will jetzt zu den Vorreitern gehören. Als Zielgruppe hat Garnadt Individualurlauber und die Gäste der Reiseveranstalter ausgemacht, die etwa auf Mauritius ausspannen oder in Las Vegas die Puppen tanzen lassen wollen. "Und ich wette, wenn wir nächstes Jahr nach Boston fliegen, auch etliche Geschäftsreisende."

Doch wichtige Vorteile, von denen Billigflieger auf Europastrecken profitieren, dürften auf der Langstrecke kaum funktionieren: So werden die Piloten die Maschine nach einem Atlantikflug wohl nicht gleich selbst zurückfliegen, es braucht eine zweite Crew. Und die kurzen Bodenzeiten der Maschinen, auf die Ryanair an Europas Airports baut, machen sich zwischen zwei Zehn-Stunden-Flügen weniger bemerkbar. Um so mehr drückt die Lufthansa auf die Gehälter: Den ersten Langstrecken-Airbus A330-200 der Eurowings fliegen Piloten des türkisch-deutschen Billigablegers Sunexpress.

Auf ganze sieben Flieger soll die Eurowings-Langstrecken-Flotte nach bisherigen Plänen anwachsen. Und Garnadt erwartet nicht, die Maschinen mit je 310 Sitzplätzen allein mit Kunden aus dem Umfeld von mittelgroßen Flughäfen füllen zu können. "Wir werden in Köln-Bonn ohne Umsteiger nicht auskommen", räumte der Manager jüngst vor dem Luftfahrt-Presse-Club ein. Selbst mit Ryanair als Zubringer liebäugelt er - auch wenn es keine "systematischen Gespräche" gebe.


Eurowings ist ein Marketing-Konstrukt

  • Unter der neuen Lufthansa-Lowcost-Marke "Eurowings" fliegen viele Fluggesellschaften. So will Lufthansa schnell die drittgrößte Lowcost-Marke Europas nach Ryanair und Easyjet aufbauen.
  • Die "alte" Eurowings in Düsseldorf ist dabei für alle Flüge der Vertragspartner der Kunden. Sie stellt das "Master AOC" für den Flugbetrieb und betreibt selbst etliche Flugzeuge.
  • Zu den Airlines, die im Auftrag der Eurowings fliegen, gehören etwa Germanwings, Sunexpress Deutschland und Tui. Weitere Fluggesellschaften sollen folgen. In Österreich etwa kommt die Eurowings Europe hinzu.
  • Die Eurowings Commercial und Service GmbH in Köln organisiert derweil das Marketing. Zudem sitzt hier die Flugplanung und das Management, das sich unter anderem auch um die Abrechnung zwischen allen beteiligten Gesellschaften kümmert.

Für Professor Christoph Brützel von der Internationalen Hochschule Bad Honnef wären Umsteigeflüge eine sträfliche Verwässerung des Low-Cost-Prinzips. "Der Billigflieger sagt: Wenn Du mit mir fliegen willst, kommst Du zu dem Flughafen, an dem ich abfliege." Alles andere mache die Abläufe unnötig komplex und teuer. Im Grundsatz sieht Brützel gute Chancen für das Geschäftsmodell. Wenn Menschen für einen Europa-Direktflug mit Ryanair schon vor Jahren aus Bayern zum Hunsrück-Airport Hahn gefahren seien, "dann funktioniert es auch für die Langstrecke".

© AirTeamImages.com, Wolfgang Mendorf Professor Christoph Brützel im Interview: "Lowcost auf der Langstrecke gab es in Deutschland schon vor 30 Jahren"

Auch andere in der Branche werden neugierig: Nach dem Ferienflieger Tuifly, die eine Langstrecken-Boeing von Eurowings vermarkten lässt, denkt die Thomas-Cook-Tochter Condor laut über eine Kooperation mit Eurowings nach. Der Ferienflieger Condor ist auf der Langstrecke bislang mit neun Boeing-767 unterwegs, und Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat Eurowings schließlich als Andockstation für Partner aus der Branche konzipiert.

Dass es mit dem Billigflug auch schiefgehen kann, hat man bei der malaysischen Gesellschaft AirAsia-X schon vor einigen Jahren begriffen. Die ab 2009 und 2011 angebotenen Flüge von Kuala Lumpur nach London Stansted und später nach Paris Orly rechneten sich nicht. Heute ist Europa aus dem Flugplan der Airline komplett verschwunden.

Von: Von Steffen Weyer, dpa-AFX

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