Billigflieger ändern ihre Strategien

18.05.2014 - 10:28 0 Kommentare

In der Vergangenheit haben Billigflieger vor allem am Service und an Flughafengebühren auf der grünen Wiese gespart. Jetzt fliegen Ryanair und Co. verstärkt Europas Großstädte an und achten genau auf die Wünsche der Kunden.

Michael O'Leary, CEO Ryanair

Michael O'Leary, CEO Ryanair
© dpa - Julien Warnand

Flugzeuge der Germanwings stehen auf dem Flughafen Köln/Bonn in Parkposition.

Flugzeuge der Germanwings stehen auf dem Flughafen Köln/Bonn in Parkposition.
© dpa - Henning Kaiser

Germanwings-Chef Thomas Winkelmann

Germanwings-Chef Thomas Winkelmann
dpa - Maurizio Gambarini

Carolyn McCall, CEO Easyjet

Carolyn McCall, CEO Easyjet
© dpa - Christian Charisius

Die vorläufig an ihre Wachstumsgrenzen gestoßenen Billigflieger suchen nach neuen Kunden. Mit attraktiveren Zielen in den europäischen Metropolregionen und mehr Service wollen sie etablierten Airlines wie Lufthansa oder Air France-KLM das Leben schwerer machen.

Nach einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt sind die Billigflüge mit ihren 65,6 Millionen Passagieren (Anteil von 32,3 Prozent am Gesamtaufkommen) aus Deutschland zuletzt trotz sinkender Kerosinpreise wieder etwas teurer geworden. Doch die Experten erwarten mittelfristig sinkende Ticketraten, weil der mit 300 Jets stärkste Billigflieger Ryanair wie bereits EasyJet auf größere Flughäfen dränge und die dort operierenden Gesellschaften unter Druck setze.

Damit aber nicht genug: Immer neue Gesellschaften mit jungen, einheitlichen Flotten und billigem Personal drängen auf den bereits eng besetzten europäischen Markt. Aus dem Norden kommt Norwegian und baut Basen in ganz Europa auf. Als Preisbrecher vor allem nach Osteuropa betätigt sich Wizzair und von Spanien aus dreht Vueling aus der British-Airways-Gruppe IAG auf.

© Vueling, Lesen Sie auch: Vueling sieht sich auf dem Weg zu einer paneuropäischen Airline

In den beiden größten deutschen Städten Berlin und Hamburg ist der europäische Branchenzweite Easyjet schon gut im Kurzstreckengeschäft vertreten und macht Air Berlin das Überleben schwer. Easyjet-Chefin Carolyn McCall zeigt auch keine Furcht vor Lufthansa-Tochter Germanwings: «Es ist sehr schwer, das Billigflug-Modell zu kopieren, wenn man es nicht in seiner DNA hat», sagte sie dem «Handelsblatt».

Noch sind allerdings Sekundärflughafen wie Weeze und Hahn das Rückrad der Ryanair in Deutschland. Mit einer neuen Netzwerkstrategie allerdings ändert sich der Flugplan der Iren. Einer aktuellen Analyse der britischen anna.aero gehören die beiden deutschen Flughäfen zu den größten Verlierern im Ryanair-Streckennetz: Im Vergleich zum August letzten Jahres verliert Weeze demnach gleich 17 Routen und 73 Flüge pro Woche. Hahn muss in diesem Sommer netto mit sieben Routen und 36 wöchentlichen Flügen weniger zurecht kommen.

Bremen, Berlin und Leipzig haben die blau-gelben Billigheimer aus Irland schon länger im Angebot. Ab Oktober baut Ryanair zudem mit Köln/Bonn eine weitere deutsche Großstadt als Basis auf und setzt den dortigen Platzhirschen Germanwings unter Druck. «Der Wettbewerb wird härter. Von Wiese zu Wiese zu fliegen, lohnt sich selbst für Ryanair nicht mehr», sagt Germanwings-Chef Thomas Winkelmann. Er verantwortet die Kraftanstrengung der Lufthansa, den Herausforderern trotz ungünstigerer Kostenstrukturen Paroli zu bieten.

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Winkelmann: Germanwings kann nicht nur billig

Im kommenden Jahr will Germanwings mit knapp 90 Flugzeugen 18 Millionen Passagiere durch Europa fliegen und die Gewinnschwelle früher als geplant erreichen, wie Lufthansa-Finanzchefin Simone Menne andeutet. Germanwings könne nicht nur billig, sagt Winkelmann: «Wir haben uns mit unserem Preismodell durchgesetzt: der Basic-Tarif für Kunden, die zum günstigsten Preis von A nach B fliegen wollen, das "Smart"-Ticket mit Aufpreis für mehr Komfort und Snack und das deutlich teurere "Best"-Ticket mit dem Komfortniveau einer Business Class.»

Die von den ehemaligen Staatsfluglinien abgewanderten Vielflieger sind auch für die Billiglinien die entscheidende Kundengruppe, deren Komfort-Bedürfnisse man auf Dauer nicht vollkommen ignorieren kann. Statt einheitlichem Minimal-Service wird das Angebot differenziert. Ryanair-Chef Michael O'Leary, der vor einiger Zeit noch laut über Toilettengebühren nachdachte, bietet nun eine Art Business-Klasse mit freien Mittelplätzen und umbuchbaren Tickets. Dass diese auch über Reisebüros zu buchen sind, kommt in dem bislang radikalen Low-Cost-Unternehmen einer Kulturrevolution gleich.

Mit einer "Service-Offensive" will die Airline auch in anderen Punkten nachbessern. Eine neue, gefällige Website machte dabei nur den Anfang. Der Mentalitätswechsel bei Ryanair geht so weit, dass einige der hohen „Bußgelder“ gesenkt wurden, die zum Beispiel für den Ersatz einer Boarding-Karte oder das Einchecken von Koffern am Flughafen fällig werden. Jetzt ist sogar wieder ein zweites Handgepäckstück kostenlos, was die Airline gleich mit einer Imagekampagne inklusive Fernsehwerbung kommunizierte - ein weiteres Novum.

Höhere Landegebühren werden offenbar akzeptiert

Im Kampf um permanentes Wachstum sind die gelegentlich als «Mietnomaden» gescholtenen Iren offenbar sogar bereit, höhere Landegebühren zu akzeptieren. Das setzt die im ganzen Land mit vielen Steuermillionen gepäppelten Regionalflughäfen unter Druck. Am Beispiel des defizitären Hunsrück-Flughafens Hahn zeigt sich die Abhängigkeit von einem Großkunden wie Ryanair, meint die Luftverkehrsexpertin Yvonne Ziegler von der Fachhochschule Frankfurt.

«Der Hahn hat den Nachteil, dass nicht viele potenzielle Fluggäste im Einzugsgebiet des Flughafens leben und er schwierig zu erreichen ist. Das kann auch bei der Netzwerkplanung von Ryanair eine Rolle spielen.» Im kommenden Winter sind am Hahn nur noch vier statt sechs Ryanair-Boeings stationiert. Für mehr Passagiere, so meint O'Leary, könne der deutsche Staat sorgen, indem er die Luftverkehrssteuer abschaffe.

Von: dpa mit airliners.de
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