Rückblick

Das lange Ende der Air Berlin

29.12.2017 - 08:00 0 Kommentare

Der Fall der Air Berlin ordnet die Machtverhältnisse am europäischen Himmel neu. Lufthansa, Easyjet sowie IAG kaufen Teile der Konkurrentin. Auf der Strecke bleiben viele Mitarbeiter. airliners.de blickt auf die Pleite des Jahres zurück.

Leitwerk einer Air-Berlin-Maschine: Das Blech ist verkauft, viele Mitarbeiter arbeitslos. Foto: © dpa

Kein stiller Abschied: Die Air-Berlin-Pleite ist das zentrale Thema der deutschen Luftverkehrswirtschaft 2017. Mitte August meldete die Airline Insolvenz an. Dank des 150 Millionen Euro starken Bundes-Kredits blieb der Pleite-Carrier in der Luft. Ende Oktober hob die letzte Air-Berlin-Maschine im selbstverwalteten Flugbetrieb ab. Es folgten Bieterwettstreit und letztlich die Zerschlagung.

Noch fliegen Air Berlin-Maschinen, allerdings nur noch im Wet-Lease für Eurowings. Der Billigflieger der Lufthansa setzt 13 Flieger des Typs A320 ein. Der Vertrag wurde im Herbst geschlossen und löste damit den im Februar in Kraft getretenen Mietvertrag ab.

Nach und nach werden die Airbus-Flugzeuge umregistriert und von der Air-Berlin-Tochter LGW bereedert, die kürzlich von Eurowings gekauft wurde. Voraussichtlich Ende 2017 wird keine Air-Berlin-Crew mehr unterwegs sein und damit die Geschichte der ehemals zweitgrößten Airline nach fast 40-jähriger Unternehmensgeschichte beendet sein.

Milliardenhoher Schuldenberg

Dass Air Berlin das laufende Jahr finanziell nicht überstehen werde, war schon lange vor dem Insolvenzantrag im August klar. Nicht zuletzt die verschobene Bilanzvorlage im April deutete darauf hin, dass der Carrier in Jahr fünf der roten Zahlen unter seiner Schuldenlast langsam aber sicher zusammenbrechen würde. Auch das anschließend veröffentlichte Zahlenwerk beförderte nichts Gutes zu Tage.

Großes Minus

Neben einem rekordhohen Verlust hat sich auch die finanzielle Lage tiefergehend in der Bilanz von Air Berlin drastisch verschlechtert. Wie die Zahlen zeigen, verbuchte die Airline 2015 noch 2,2 Milliarden Euro Schulden und hatte zusätzlich ein negatives Eigenkapital von fast 800 Millionen Euro. Beide Werte sind gewachsen. Die Schulden betrugen zum 31. Dezember 2016 gut 2,8 Milliarden Euro - das negative Eigenkapital fast 1,5 Milliarden Euro.

Schulden und negatives Eigenkapital 2015 und 2016
Negatives Eigenkapital in Millionen Euro Schulden in Millionen Euro
2015 799 2218
2016 1470 2853

Quelle: Unternehmensangaben

Der Berliner Krisen-Carrier ächzte bis zuletzt unter einem milliardenhohen Schuldenberg. Branchenkenner vermuteten daher, dass der mit Lufthansa geschlossene Wet-Lease zügig ausgebaut (auf Grundlage der neugegründeten Aeronautics) und die Marke "Air Berlin" verschwinden würde; die Schulden hingegen könnten in einer Bad-Bank verbleiben, wie schon bei der Übernahme der Swiss. Dieser Teil rutscht in die Insolvenz, hat aber keinen Wert mehr. Ein geregeltes Ende.

Denn Air Berlin besaß einen großen Vorteil gegenüber dem Kranich: das Langstreckengeschäft, mit dem Lufthansa passgenau das der Billigtochter Eurowings hätte ausbauen können - 17 Maschinen und hunderte Piloten mit begehrtem A330-Rating. Doch es kam anders.

Abwicklung

Die Abwicklung der bei Air Berlin verbliebenen Teile wird wohl noch Jahre dauern. Im November wurde planmäßig das Insolvenzverfahren eröffnet. Im nächsten Schritt wird nun das Vermögen der Airline verwertet und die daraus gewonnene Masse an die Gläubiger verteilt. Diese können nach Informationen von airliners.de bis Februar ihre Forderungen geltend machen. Wenn alles verteilt ist, folgt dann die Aufhebung des Insolvenzverfahrens.

Allerdings kann gerade das Anfechten der Gläubiger-Ansprüche noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Sind Forderungen nicht "insolvenzfest", also wurden sie schon vor der Insolvenzanmeldung bedient, fallen sie heraus und die Masse, aus der die Forderungen bedient werden, nimmt zu. Über die Details gibt es häufig langwierige Rechtsstreitigkeiten.

  • Bedient werden nacheinander:
  • "Masseschulden" (Insolvenzverwalter und –gericht, §§ 53 ff InsO);
  • Absonderungsberechtigte Gläubiger (diejenigen, denen Sicherheiten gegeben wurden, §§ 49 bis 51 InsO);
  • Insolvenzgläubiger (nach einer ermittelten Quote - in der Realität oft gar nichts).

Air-Berlin beschäftige vor der Insolvenz rund 8000 Mitarbeiter. Die Flottenstärke lag bei rund 100 Maschinen, allerdings waren alle geleast. Das wichtigste, was der Carrier noch besaß, sind die begehrten Slots. Allein am wichtigsten Drehkreuz der Airline, dem Flughafen Berlin-Tegel, hielt Air Berlin etwa 45,6 Prozent aller Slots.

Der größte Anteil geht an den Lufthansa-Konzern. Der Kranich-Konzern sicherte sich rund 50 Maschinen plus den dazugehörigen Slots. Dementsprechend groß ist der Bedarf an neuem Personal. Nach Angaben des Konzerns hat die Airline in den vergangenen Monaten 500 neue Mitarbeiter eingestellt, darunter auch viele Cockpit-Crews und Kabinenpersonal der Air Berlin. Eine genaue Aufstellung, wollte der Low-Cost-Carrier auf Anfrage von airliners.de nicht geben. Fliegen werden die meisten Neu-Hanseaten allerdings für den Billigflieger Eurowings.

Am 21. Dezember stimmte die EU-Kartellbehörde der Komplett-Übernahme der LGW durch Lufthansa zu. Damit steht für die Regionalfluggesellschaft ein zweiter Eigentümerwechsel binnen eines Jahres an. Erst im Frühjahr hatte Air Berlin die Airline übernommen. Eurowings wird alle 870 Mitarbeiter übernehmen und die LGW-Flotte (20 Dash-8) integrieren und um 13 Maschinen des Typs A320 aufstocken. Der Low-Cost-Carrier hat angekündigt, dafür weiteres Personal einzustellen. Lufthansa zahlt rund 20 Millionen Euro für die LGW.

Die anvisierte Übernahme der Air-Berlin-Tochter Niki blies Lufthansa wegen des zu großen Widerstands der EU-Kommission kurzfristig ab. Der Ferienflieger meldete daraufhin Insolvenz an. Noch bis Ende des Jahres sucht der vorläufige Insolvenzverwalter Lucas Flöther einen neuen Käufer. Laut mehrerer Berichte hat der Niki-Gläubigerauschuss die British-Airways-Mutter IAG als Käufer ausgewählt.

Easyjet hat sich ebenfalls ein Stück der Air Berlin gesichert; nämlich das Engagement am Flughafen Berlin-Tegel. Dazu mieteten die Briten noch 25 Flugzeuge. Ab Januar bauen sie am Cityairport der Hauptstadt ihre zweitgrößte Basis auf. Zunächst steuern sie, auch unterstützt durch Wet-Leases, 19 europäische Ziele an - darunter sind ebenfalls vier innerdeutsche Verbindungen.

Die Air Berlin-Technik wurde von der Bietergemeinschaft Zeitfracht/Nayak gekauft. Nach der Übernahme gaben die neuen Eigentümer bekannt, dass 300 der ehemals 550 Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden, der Standort München allerdings geschlossen wurde. Auch für die Auszubildenden der Air Berlin Technik fand das Konsortium eine Lösung.

© Air Berlin, Lesen Sie auch: Der Versuch eines Air-Berlin-Zwischenfazits Apropos (21)

Schlechte Nachrichten gibt es hingegen für die Beschäftigten der Air Berlin am Boden und in der Verwaltung. Dies sind rund 2100 Menschen. Zum Großteil haben sie die Kündigung erhalten und bekommen seit Eröffnung des Insolvenzverfahrens auch kein Insolvenzgeld mehr ausgezahlt.

Die Neuordnung nach der Pleite der Air Berlin fand also vor allem am Himmel statt, am Boden bleiben nur Verlierer zurück.

Von: Benjamin Recklies und Carlo Sporkmann
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