Die Born-Ansage (40) ( Gastautor werden )

Eine laute Lärmvermeidung am Airport Berlin-Tegel

01.09.2016 - 12:04 0 Kommentare

Vermeidbaren Lärm verursachen: Diese Devise gilt wohl am Flughafen Berlin-Tegel, wie Kolumnist Karl Born jetzt beobachtet hat. Allerdings gibt es in dem geschilderten Fall auch einen Gewinner.

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. - © © airliners.de, Karl Born -

Klare Ansagen: Professor Karl Born kommentiert die aktuellsten Entwicklungen der Luftverkehrsbranche. © airliners.de, Karl Born

Gut ist bekanntlich das Gegenteil von gut gemeint. Auf keinen Flughafen trifft das so gut zu wie auf den in Berlin. Ich meine ausnahmsweise mal nicht das Drama um BER, sondern den Flughafen Berlin-Tegel. Hier sollten eigentlich schon seit einigen Jahren die Lichter aus sein. Da dem nicht so ist, sollen wenigstens die Anwohner vor nächtlichem Lärm geschützt werden.

Damit nimmt man es nun sehr genau. Heißt: Um 23 Uhr ist Schluss mit Landen. Von 23 Uhr bis 24 Uhr gibt es aber eine pauschale Ausnahmegenehmigung, die der Verkehrsleiter des Flughafens gewähren kann. Nach Mitternacht muss für jeden Flug eine Ausnahmegenehmigung der Senatsverkehrsverwaltung eingeholt werden.

Der Controller sagt: "April, April"

Aktuelles Beispiel vom 28. August 2016: Eine Germanwings-Maschine aus Dubrovnik kommend ist im Anflug. Planmäßige Landung ist 22.30 Uhr, also kein Problem. Aber wegen eines Gewitters konnte das Flugzeug in Dubrovnik erst zwei Stunden später starten. Dafür kann Germanwings nichts.

Offensichtlich hat der Pilot dann auf dem Flug nach Berlin richtig Speed gegeben, denn flightradar24.com zeigt, dass der Flieger um 23.59 Uhr nur noch auf 375 feet hoch ist. Alles bestens? Denkste. Da hat der Controller noch mal kurz auf die Uhr geschaut und "April, April" zum Piloten gesagt. Bitte nach Berlin-Schönefeld fliegen.

Flightradar zeigt, dass der Flieger um 00.01 Uhr wieder auf 2100 feet war. Ich folgere daraus: hätte man die Germanwings-Maschine landen lassen, wäre sie exakt um null Uhr gelandet. Zugegeben, das ist nicht vor null Uhr, aber auch nicht 00.01 Uhr, sondern zeitlich irgendwo dazwischen.

Mehr Lärm als bei normaler Landung

Jetzt passiert, was passieren muss. Der Pilot gibt vollen Schub zum Durchstarten, das bedeutet, er produziert wesentlich mehr Lärm als bei einer ganz normalen Landung. Die Flugpassagiere sehen den hellerleuchteten Airport, während es den lärmsensiblen Tegel-Anwohner entweder aus dem Bett gehoben oder beim Fernsehen gestört hat.

Ich lasse außen vor, dass die umgeleiteten Passagiere in Schönefeld zwei Stunden auf ihre Koffer warten mussten. Dass sie nach einem Fußweg zum Bahnhof Schönefeld feststellten, dass dort "nächtliche Ruhepause" ist und sie deshalb ein Taxi in die Stadt nehmen mussten. Hinzu kommt eine zusätzliche Landung des Ferry-Fluges Schönefeld-Tegel am nächsten Morgen. Die Gesamt-Ökobilanz dieser Nacht ist verheerend - und das wegen wenigen Sekunden.

Mag er Germanwings nicht? Geht es um die Wahl?

Ich weiß nicht, was in dem ATC-Verantwortlichen (air traffic control) in dieser Nacht vorging. Ist er ein "ganz Genauer"? Regel ist Regel, auch wenn sie das Gegenteil erreicht? Mag er vielleicht Germanwings nicht? Oder hat er in vorauseilendem Gehorsam an den Wahltermin zum Berliner Abgeordnetenhaus gedacht und wollte keinen Stress für den Senat provozieren?

Vielleicht sollte man vor einer Entscheidung einfach kurz überlegen, was man dadurch verursacht. In diesem Fall wurde der Lärm am Flughafen Tegel jedenfalls nicht verhindert, sondern mehr Lärm verursacht. Es ist jedenfalls ein gefundenes Fressen für die Medien. So postulierte zum Beispiel der Berliner Tagesspiegel genüsslich: "Nachtlandung verhindert und mehr Krach provoziert."

Was mich dabei aufregt, ist der nie machbare Spagat der Politik zwischen "Wir brauchen den Flughafen als Motor für die Region" und "Wir wollen keinen Fluglärm". Wasche mich, aber mache mich nicht nass.

Ich hatte mal das Vergnügen, bei einer Eröffnungsfeier am Flughafen Leipzig eine Rede zu halten. Da habe ich es deutlich zu den Verantwortlichen in der ersten Sitzreihe gesagt: "Hier sitzen Sie im dunklen Anzug und loben Ihre kraftvolle Entscheidung pro Wirtschaft, und heute Nachmittag ziehen Sie die Krawatte aus und sagen den Fluglärmgegnern, dass alles nur halb so schlimm wird." Konfliktfrei geht das nicht.

Aber immerhin: einen Gewinner gab es in jener Nacht - die Taxifahrer von Schönefeld.

Über den Autor

In seiner Reihe "Die Born-Ansage" veröffentlicht der ehemalige Condor-Vertriebschef, Tui-Vorstand und Touristik-Honorarprofessor Karl Born auf airliners.de Kolumnen zum aktuellen Geschehen in der Luftverkehrswirtschaft.

Professor Karl BornAls Redner auf Führungskräfte- und Verbandstagungen ist Karl Born in der ganzen Welt unterwegs. Als "Querdenker der Reisebranche" für seine "Bissigen Bemerkungen" ausgezeichnet, nimmt der ehemalige Airline- und Touristikmanager auch in Sachen Luftverkehr kein Blatt vor den Mund. Kontakt

Von: Karl Born für airliners.de
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