Gedankenflug

Berlin sollte einen modernen In-Town-Check-In bekommen

27.05.2019 - 07:07 0 Kommentare

In manchen Städten kann man Koffer in der Innenstadt abgeben. Das sollte es mit der BER-Eröffnung auch geben, findet airliners.de-Autor Andreas Sebayang. Denn gerade in Berlin gibt es besonders viele Einsteiger.

Passagier mit Koffern. - © © dpa - Boris Roessler

Passagier mit Koffern. © dpa /Boris Roessler

Nachrichten aus der deutschen Luftverkehrsbranche bestimmen bei airliners.de das Tagesgeschäft. Doch abseits der harten News machen wir uns auch Gedanken über das nicht so Offensichtliche. Mit unseren "Gedankenflügen" wollen wir Sie daran teilhaben lassen und hoffen, die eine oder andere Anregung geben zu können.

Wäre es nicht schön, Koffer vor einem Flug einfach irgendwo in der Innenstadt abzugeben und dann gemütlich zum Flughafen zu fahren? Gerade wenn der Flug spät ist, das Hotelzimmer ab dem frühen Vormittag nicht mehr zur Verfügung steht oder man schlicht keine Lust darauf hat, den Koffer zum Flughafen zu schleppen und dort dann in einer langen Schlange am Baggage-Drop zu stehen.

Das sollte es auch in Berlin geben. Mit gut fünf Millionen ausländischen Touristen pro Jahr hat die Stadt auch einiges zu verkraften. Pro Tag sind das im Schnitt über 13.000 Gäste, die zu einem großen Teil mit dem Flugzeug kommen.

Dazu kommt, dass die Berliner Flughäfen auf absehbare Zeit kaum Umsteiger als Fluggäste haben werden. Der sogenannte Originärverkehr ist von enormer Bedeutung. Also Fluggäste die in Berlin ihren Flug antreten oder beenden. Flughäfen wie München oder Frankfurt am Main haben hingegen einen großen Anteil von Fluggästen, die innerhalb des Flughafens von einem Flugzeug in ein anderes wechseln. Da liegt es also gerade in Berlin nahe, einen Teil der Reisenden bereits in der Innenstadt um die Koffer zu erleichtern.

Neben dem Service-Gedanken sollte man dabei auch einen weiteren großen Vorteil nicht vergessen: Die Fluggäste kommen über den Tag verteilt am In-Town-Check-In an. Am Flughafen hingegen gibt es zur Öffnung des Check-Ins oft eine Schlange. So ein In-Town-Check-In sorgt also auch am Flughafen für weniger Stau und für mehr Platz. Am oft als zu klein bezeichneten BER durchaus eine Überlegung wert.

Andere Städte mit In Town Check-In

  • Wien ermöglicht am Bahnhof Wien Mitte, direkt am Einkaufszentrum, die Aufgabe des Gepäcks
  • In Taipeh, Taiwan gibt es mit der Taoyuan Metro die Möglichkeit Gepäck direkt an der Taipei Mainstation aufzugeben.
  • In Seoul gibt es den ITCI sowohl an einem Busbahnhof in Gangnam als auch an der Airport Express Station direkt am Hauptbahnhof.
  • Wer von Hong Kong aus abfliegt kann seine Koffer nahe des Hauptbahnhofs Kowloon oder im Süden auf der Hong Kong Island (Central) aufgeben.
  • Eingeschränkt möglich ist die Aufgabe von Gepäck in Kuala Lumpur in KL Sentral.

In anderen Städten funktioniert das System bereits ziemlich gut. So schrieb ich etwa ausführlich von dem Prozess in Taipei, einer der Städte, die zuletzt ein solches System aufbauten, auch wenn es dort zu einer skandalträchtigen Verspätung kam. Ich bin spätestens seit meinem Bericht vor Ort ein Freund dieses Komforts. Vor allem bei Abendflügen.

© airliners.de, Lesen Sie auch: In-Town-Check-In: Mit der Bahn ohne Koffer zum Flughafen

In Berlin sollte das auch möglich sein. Vielleicht nicht direkt zur nächsten geplanten Eröffnung des Flughafens im kommenden Jahr. Aber ein paar Jahre später sollte es - mit ein bisschen Willen - umsetzbar sein. Das bietet sich umso mehr an, weil Berlin ein grundsätzliches Gepäckproblem hat. Die Stadt gehört zu den wenigen Metropolen, die ich kenne, in denen konsequent auf Gepäckregale im öffentlichen Personennahverkehr zum Flughafen verzichtet wird. Und derzeit ist keine Besserung in Sicht, auch der Flughafenzug zum BER wird tendenziell zu klein sein.

Umso mehr lohnt es sich, das Gepäck aus den Bussen und Bahnen herauszuziehen. Immerhin belegen zwei mittelgroße Koffer in einem Bus oder Zug mehr als einen Stehplatz. Das ist viel in einem Verkehrssystem, dass nahe an seinen Grenzen arbeitet.

Einchecken am Hauptbahnhof ist die Zukunft

Ein paar Infrastrukturmaßnahmen sind für einen In-Town-Check-In allerdings notwendig. Das sind aber alles handhabbare Probleme. Zum einen braucht es im Zentrum Check-In-Schalter der teilnehmenden Fluggesellschaften. Ein LKW-Transport bietet sich aufgrund der Staugefahr in Berlin wohl eher nicht an, weshalb beispielsweise ein Bahnhof ein guter Standort wäre. Der Berliner Hauptbahnhof hat im unteren Geschoss für solche Umbauten aber durchaus noch Platz.

Für den Schienentransport der Koffer zum Flughafen benötigt man dann bei der Bahn einen Gepäckwaggon oder einen abgesicherten Container, der in den Zug verladen wird. Aufgrund des Umstandes, dass dieser erst beladen werden muss, braucht es zudem sicher noch eine gewisse Pufferzeit in den Fahrplänen. Bei der geplanten Frequenz des Flughafenexpress FEX ist ein klar definiertes Gleis aber ohnehin notwendig.

Die größte Herausforderung wird dann wohl, dass möglichst viele Fluggäste von dem Service erfahren und dieser auch angenommen wird. Dafür müssen möglichst viele Fluggesellschaften und vor allem die in Berlin großen Airlines wie Easyjet, Ryanair und die Lufthansa Group dies unterstützen. Das wird also kleinteiliger als an anderen Standorten, da in Berlin der eine große interkontinentale Hub-Carrier schlicht fehlt.

Andere Flughäfen mit In-Town-Check-In haben normalerweise diesen einen großen Home-Carrier, der das System unterstützt und so viele Fluggäste zum alternativen Check-In-Angebot lockt. Der Billigflug-Standort Berlin ist da sicher anders, aber vielleicht zahlt ja sogar der ein oder andere Reisende ein paar Euro für den Service. Ich würde es wohl tun.

Über den Autor

Andreas Sebayang ist der Digital Passenger, Foto: Sebastian KuhbachAndreas Sebayang ist als Hardware-Journalist regelmäßig für die Berliner IT-Nachrichtenseite Golem.de mit dem Flugzeug in der ganzen Welt unterwegs. Seine Erlebnisse als Vielflieger dokumentiert er auch auf seinem Instagram-Account AroundTheBlueMarble. Kontakt: digital-passenger@airliners.de

Von: Andreas Sebayang
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