Hintergrund zum neuen BER-Chef

Aus Mangel an Alternativen

07.03.2017 - 09:53 0 Kommentare

Das Personalkarussell am BER dreht sich wieder. Der Aufsichtsrat entlässt den bisherigen Chef und stößt damit eine umfassende Personalrochade an. Fragt noch jemand nach der Eröffnung des Flughafens?

Ein Baugerüst steht in einem Gebäude des neuen Hauptstadtflughafens BER. - © © dpa - Patrick Pleul

Ein Baugerüst steht in einem Gebäude des neuen Hauptstadtflughafens BER. © dpa /Patrick Pleul

Vorweg eine Erinnerung: Berlin hat zwei Flughäfen, die ganz gut funktionieren. Mehr als 30 Millionen Menschen fliegen im Jahr von Tegel und Schönefeld. Ja, die Terminals sind alt und eng, aber es geht. Man kommt nach Berlin.

Nun zum neuen Hauptstadtflughafen, jenem Neubau, bei dem so viel schief ging, dass er seit fünf Jahren saniert werden muss: Dort tritt zum dritten Mal seit der geplatzten Eröffnung 2012 ein neuer Chef an - kein Maschinenbauer wie die Vorgänger, sondern ein politischer Beamter, die rechte Hand des Regierenden Bürgermeisters von Berlin: Engelbert Lütke Daldrup.

Es ist die jüngste Wendung in der nicht enden wollenden Geschichte von Planungsfehlern und Baupfusch auf der einen Seite, Ränkespielen und Kraftproben auf der anderen. Die Eröffnung des drittgrößten deutschen Flughafens ist inzwischen wieder in weite Ferne gerückt.

Müller tritt allein an die Öffentlichkeit

"Es mag einen Zeitverzug gegeben haben", sagt Aufsichtsrats- und Rathauschef Michael Müller (SPD) nach zwei Wochen Führungsstreit rund um den BER. Das sei aber nicht entscheidend für eine Eröffnung 2018. Das ist das locker formulierte Ziel, seit der Start in diesem Jahr abgeblasen wurde. Sicher ist es aber nicht.

Nach der Krisensitzung des Aufsichtsrats geht Müller allein an die Öffentlichkeit. Es fehlt der Mann, der den Flughafen an den Start bringen soll: Lütke Daldrup, Stadtplanungsingenieur und Müllers Flughafenkoordinator in der Senatskanzlei.

Der Neue ist sofort verfügbar

Nach Jahrzehnten in der Verwaltung bekommt der 60-Jährige den gut dotierten Geschäftsführerposten - und nach jahrelangen Debatten über zu viel politische Einflussnahme bei dem Projekt. Müller sieht es anders: Lütke Daldrup sei ganz nah am Baugeschehen in Schönefeld, er stehe für einen guten Kontakt zwischen Unternehmen, Politik und Öffentlichkeit. Und er ist sofort verfügbar.

Das war vermutlich der entscheidende Grund. Mehrere Manager haben die Verantwortlichen in den vergangenen Tagen angesprochen - entweder wollten diese nicht, waren vertraglich lange gebunden oder wollten zu viel Geld, so ist zu hören.

Müller: Headhunter hätte zu lange gebraucht

Den Kandidaten wird auch nicht verborgen geblieben sein, wie kurz die Amtszeiten von Flughafenchefs in Berlin sein können. Hartmut Mehdorn ging 2015 nach zwei Jahren - im Streit mit dem Aufsichtsrat. Sein Nachfolger Karsten Mühlenfeld räumt ebenfalls nach zwei Jahren seinen Schreibtisch - er hat sich mit dem Aufsichtsrat überworfen, weil er den BER-Bauleiter Jörg Marks feuerte.

© dpa, Bernd Wüstneck Bildergalerie: Der BER als Personalkarussell

Bis Sonntagnachmittag gab es also nur Absagen, aber einen Headhunter wollte Müller nicht einschalten. "So was dauert locker ein halbes Jahr." Also sah man sich in den eigenen Reihen um. Die Blicke fielen auf Lütke Daldrup und Rainer Bomba, dem Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Bomba winkte ab, blieb Lütke Daldrup - aus Mangel an Alternativen.

Auch der Neue wird sich erst einarbeiten müssen. Er soll die Flughafengesellschaft mit ihren gut 2000 Beschäftigten umkrempeln. Denn die einzelnen Bereiche arbeiten nicht optimal zusammen, wie der Aufsichtsrat meint. Und hier und dort wird der manchmal impulsive Lütke Daldrup erst einmal Vertrauen aufbauen müssen. Die zuständige Brandenburger Baubehörde etwa hatte er öffentlich unter Druck gesetzt - was der selbstbewusste Landrat Stephan Loge gar nicht mag.

© dpa - Bildfunk, Ole Spata/dpa Das ist Engelbert Lütke Daldrup: Vom gelernten Raumplaner zum BER-Chef

An seiner Seite hat der Flughafenchef einen Rückkehrer: Jörg Marks, jenen Bauleiter, den Mühlenfeld kürzlich vor die Tür gesetzt hatte. Der Aufsichtsrat holt ihn zurück, um sich sein Know-how zu sichern. Jedoch: Unter Marks wurden zuletzt viele Baufristen gerissen. Er setze sich bei den Firmen nicht ausreichend durch, war zu hören.

Ein Regierungschef hat für den BER eigentlich keine Zeit

Ein Problem, das seine Vorgänger hatten, hat Lütke Daldrup ganz besonders: Er muss sich als Geschäftsführer seine Spielräume gegenüber der Politik erkämpfen, besonders gegenüber Müller. Der BER dürfe nicht "aus dem Vorzimmer des Regierenden Bürgermeisters" geführt werden, warnen die Grünen und geben so einen Vorgeschmack auf künftige Debatten.

Müller zieht sich indes aus dem Aufsichtsrat zurück - das erfordert die komplizierte Personalstruktur. Somit ist das Gremium erstmals frei von Spitzenpolitikern, womit ein Zustand beseitigt wäre, der immer wieder zur Kritik führte, seit die Eröffnung des Flughafens vor fünf Jahren platzte.

© dpa, Patrick Pleul Lesen Sie auch: Fahrplan bis zur BER-Fertigstellung soll bis Sommer stehen

Ein Regierungschef hat nicht die Zeit, nebenher so ein komplexes Projekt zu überwachen. Müller wusste auf Nachfrage nicht einmal sicher zu sagen, ob Mühlenfeld bisher Vorsitzender oder Sprecher der Geschäftsführung war - und gab schließlich die falsche Antwort.

"Dafür werden sie nicht gelobt und nicht belohnt", sagt Müller im Rückblick auf sein Amt, aber es gehöre zur politischen Verantwortung. Ob er erleichtert sei, den Posten räumen zu können? Müller lächelt. "Weiß ich gar nicht. Es hat sich so ergeben."

Von: Burkhard Fraune, dpa, cs
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