Schiene, Straße, Luft (5) ( Gastautor werden )

"Beautiful Noise" oder Höllenlärm?

26.05.2017 - 12:34 0 Kommentare

Die Haltung zu Verkehrslärm ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Frage des Standpunktes. Für einen pragmatischen und ehrlichen Umgang mit dem Problem plädiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

EIne Flughafengegnerin demonstriert am 21.10.2012 an der neuen Landebahn Nordwest am Flughafen in Frankfurt am Main.  - © © dpa - Boris Roessler

EIne Flughafengegnerin demonstriert am 21.10.2012 an der neuen Landebahn Nordwest am Flughafen in Frankfurt am Main. © dpa /Boris Roessler

Mit dem Verkehrslärm ist das so eine Sache. Stehen wir in der Einflugschneise am Berliner Kurt-Schumacher-Platz, halten wir uns die Ohren zu und haben Angst, dass die Flieger, die gleich in Tegel landen, die Ziegel von den Dächern rasieren. In New York macht uns der Lärm der Stadt dagegen selbst bei geöffnetem Hotelfenster kaum etwas aus. Neil Diamond hat ihn sogar im Evergreen "Beautiful Noise" verewigt.

Auf diesen Ausdruck würden Verkehrslärmgegner wohl kaum kommen, besonders wenn sie an Bahnstrecken im mittleren Rheintal, am mittleren Ring in München oder in Berlin-Tegel wohnen. Letztere fühlen sich betrogen, weil ihnen seit einem Jahrzehnt versprochen wird, dass sie bald nicht mehr unter Fluglärm leiden müssen. Im Süden der Hauptstadt hält sich der Fluglärm dagegen (noch) in Grenzen. Aber auch dort macht sich Unmut breit, weil Flugrouten geändert wurden, nachdem Baugebiete ausgeweisen und bebaut wurden.

All diese Menschen haben sich in den vergangenen Jahren zusammengeschlossen und zunehmend professionalisiert. Fluglärmgegner sind extrem gut vernetzt, versenden regelmäßig professionelle Pressemitteilungen. Sie haben einen Dachverband Fluglärmschutz. Die Schienenlärmgegner haben auch schon eine bundesweite, vom Bundesumweltministerium geförderte Website, die aber auch gegen Stuttgart 21 ist, also auch gegen das Verschwinden des Schienenlärms unter die Erde.

Es ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Frage des Standpunktes, wie sehr Verkehrslärm stört. Laut melden sich allemal die Gegner zu Wort. Wer sich über Verkehrslärm schlau machen will, stößt im Internet auf unzählige Quellen. Die Suche nach "Schienenlärm" ergibt 29.400 Treffer, zu "Bahnlärm" 100.000. Bei "Straßenlärm" sind es 323.000, bei "Fluglärm" 682.000.

Wirklich belastet oder gefühlt belästigt?

Beinahe ebenso störend wie der Lärm ist, dass in der Sache oft getrickst und getäuscht wird. Aus der oben zu sehenden Rangfolge darf nicht auf den tatsächlichen Umfang der Betroffenheit geschlossen werden. Das Umweltbundesamt (UBA) weiß angeblich: "Rund ein Drittel der Bevölkerung klagt über Fluglärm." Das glaubt ihm nicht einmal der sehr naturverbundene Verkehrsclub Deutschland, der von rund einem Viertel der Menschen in Deutschland ausgeht, die sich belästigt fühlen. Das sind schon mal erheblich weniger.

Den Unterschied zwischen subjektiver "Belästigung" und tatsächlicher "Belastung" belegen ebenfalls Zahlen und eine Grafik des UBA, nach denen großzügig gerechnet eine Million Menschen hierzulande durch Fluglärm belastet werden, also gesundheitliche Beeinträchtigungen hinnehmen müssen. Beim Schienenverkehr sind es aber mehr als sechs Millionen und beim Straßenlärm gar mehr als zehn Millionen.

Jetzt hilft es dem wirklich Fluglärmgeschädigten nicht unbedingt weiter, wenn er weiß, dass noch viel mehr Menschen unter den anderen Lärmarten leiden. Dennoch muss ihnen allen gleichermaßen geholfen werden, auch wenn die Fluglärmgegner am lautesten protestieren. Wie viele von denen, die sich "belästigt" fühlen, selbst in den Urlaub fliegen, wollen wir gar nicht wissen. Zugleich darf aber auch nicht vergessen werden, dass es ohne die vielfachen Initiativen viel lauter wäre als jetzt.

© dpa, Arne Dedert Lesen Sie auch: Studie zeigt weniger Gesundheitsrisiken durch Lärm

Und wir sollten nicht vergessen, dass Industrie und Wirtschaft einiges tun, um diese Hilfe zu leisten. Das reicht von dem "Flüsterbeton" auf den Autobahnen, Lärmschutzwänden aller Art oder innerstädtischen Tempolimits bis zum Beschluss, ab 2020 keine lauten Güterwagen mehr auf deutschen Schienen zuzulassen.

Was die Luftfahrtbranche unternimmt, lässt sich auf dem Fluglärm-Portal des Bundesverbandes der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) nachlesen. Wir sollten sie beim Wort nehmen und die Wirtschaft im Allgemeinen nicht aus dieser Verantwortung für die wirklich Geschädigten entlassen. Und zwar für jede Art von Verkehrsschäden. Der Lärm dürfte dabei noch eines der geringeren Übel sein, wenn wir an die vielen Opfer des Autoverkehrs denken.

Wenn Reisen oder Waren wegen Gesundheits- oder Umweltschutzmaßnahmen teurer werden, sollten wir uns damit abfinden. Genau das wäre eine nutzerorientierte Anlastung der Kosten. Es wäre ohnehin ehrlicher, den externen Aufwand in die Kosten-Nutzen-Rechnungen aller Verkehrsträger einzurechnen. Vielleicht sind Weintrauben aus Namibia oder Indien, wie sie gerade in den Rewe-Regalen liegen, dann nicht mehr billiger als Obst aus näher liegenden Erntegebieten. Oder die Joghurts, die nach Italien gefahren werden, um dort konfektioniert zu werden.

Wenn dagegen Gemeinden im Wissen um die künftigen Flugrouten des nahegelegenen Flughafens Wohnbaugebiete ausweisen, ist das einfach unanständig, ebenso wenn sie an städtischen Gebäuden mit Transparenten für ein Nachtflugverbot plädieren. Mörfelden-Walldorf im Schatten der Startbahn West hat nach Jahrzehnten gemerkt, dass solche Plakate nicht nur künftige Eigenheimer, sondern auch luftverkehrsnahe Unternehmen von der Ansiedlung abhalten. Die zahlen dann lieber Gewerbesteuer in Orten, die Pragmatismus bevorzugen. Eine Haltung, die in dem Streit ohnehin angemessener scheint als ideologische oder neoliberale Durchsetzungsversuche.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern.

Thomas Rietig, Journalist und Autor, Foto: rsv-presseThomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
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