Schiene, Straße, Luft (23) ( Gastautor werden )

Mit der Bahn oder dem Flieger zum Seminar?

09.11.2018 - 07:47 0 Kommentare

Die Reiseabteilung eines oberbayerischen Unternehmens bucht für einige junge Teilnehmer eines Seminars in Berlin Flüge. Für alle. Ohne zu fragen. Das muss nicht sein, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

Lufthansa und der Flughafen betreiben das Terminal 2 und den neuen Satelliten in einem Joint Venture.  - © © dpa - Andreas Gebert

Lufthansa und der Flughafen betreiben das Terminal 2 und den neuen Satelliten in einem Joint Venture. © dpa /Andreas Gebert

Vor dem Berliner Haus hält am frühen Morgen eine dunkle Oberklasse-Limousine mit Chauffeur. Aus dem Haus kommt ein Mann in Anzug und Krawatte, steigt ein, und das Auto setzt sich in Bewegung Richtung Flughafen. Eine gute Stunde später steigt der Mann ins Flugzeug nach München, wo wiederum eine schwarze Limousine wartet und ihn in die Innenstadt fährt.

Am Abend wiederholt sich das in umgekehrter Richtung. Schnell, diskret und komfortabel - so sehen Geschäftsreisen bei Führungskräften aus. Die Zahl dürfte, gemessen an allen Dienstreisen, aber eher gering sein, sodass wir hier einmal großzügig Umwelt- und Nachhaltigkeitsaspekte vernachlässigen.

Flugreisen bestehen aus vielen kurzen Einzeletappen

Weiter unten in der Hierarchie läuft es aber etwas anders: Die Menschen kommen aus dem Haus, laufen zur Haltestelle und fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln bis zum Flughafen und vom Flughafen zur Konferenz. Zu dieser Kategorie gehören die eingangs erwähnten jungen Leute. Im Gegensatz zur Führungskraft haben sie Gepäck zum Aufgeben. Beim Gespräch über An- und Abreise - "Wir müssen zwei Stunden vor Abflug am Flughafen sein" - fragen sie sich, warum sie nicht mit dem Zug gefahren sind.

Da reichen fünf Minuten vor Abfahrt. Zwei Stunden ist immerhin fast doppelt so zeitaufwändig wie der ganze Flug. Den Schulungsteilnehmern hätte die Zugfahrt nicht nur Spaß gemacht, sie hätten dabei auch arbeiten können. Bei der Flugoption lohnt sich wegen der kurzen Einzeletappen der Reise ja kaum das Aufklappen des Laptops.

Nachhaltigkeit stößt bei Geschäftsreisen an Grenzen

Die Antwort auf die Frage, warum sie nicht mit dem Zug gefahren sind, lautet: Weil die Unternehmen zu selten Aspekte der Nachhaltigkeit bei Dienstreisen in ihre Buchungen mit einbeziehen. Rein betriebswirtschaftlich betrachtet, ist die Flugreise nämlich oft billiger. Die Reisenden selbst denken einer neuen Umfrage zufolge eher darüber nach als die Unternehmen. Das gilt besonders für Frauen. So gesehen, ist eine höhere Frauenquote auch eine gute Tat für die Umwelt.

Die Nachhaltigkeit hat aber gerade bei Geschäftsreisen auch ihre Grenzen. Emissionen hin oder her: Die Limousine, ob nun edel und dunkel oder beige und leicht muffig, hat ihre Vorteile gerade in der feuchtkalten Jahreszeit, die ja jetzt hoffentlich eintritt. Mit dem Bikesharing-Rad am Zielort vom Bahnhof zum Meeting zu fahren, dürfte dagegen weniger faszinieren.

Am Zielort steigen Frauen allerdings häufiger ins Taxi, das nicht nur das teuerste und ineffizienteste städtische Verkehrsmittel ist, sondern auch in Sachen Nachhaltigkeit eher schlecht abschneidet - von kleinen E-Mobil-Inseln abgesehen. Das zeigt wahrscheinlich, dass die Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs noch einiges zu tun haben, um ihre Systeme so nutzerfreundlich zu machen, dass die Geschäftsreisenden nicht schon der Ticketautomat am Flughafen abschreckt.

Einfachere Bedienung würde sich vielleicht positiv auf die Reisekosten auswirken, und der Transfer vom und zum Flughafen würde von einer mittleren zweistelligen auf eine höhere einstellige Summe schrumpfen. Bei Reisen mit der Bahn ist übrigens der Transfer mit öffentlichen Verkehrsmitteln am Zielort in vielen Tarifen enthalten, was den Preisvorteil des Flugzeugs ein Stück relativiert und das Dechiffrieren der Automaten-Bedienungsanleitung überflüssig macht.

Über den Autor

In seiner Mobilitätskolumne "Schiene-Straße-Luft" vergleicht und kommentiert Verkehrsjournalist Thomas Rietig auf airliners.de die Luftverkehrswirtschaft mit anderen Verkehrsträgern

Thomas Rietig Thomas Rietig ist freier Journalist und Blogger in Berlin. Einer seiner Schwerpunkte ist die Verkehrspolitik mit jahrzehntelanger Erfahrung als Nachrichtenjournalist bei der Associated Press. Er bloggt unter schienestrasseluft.de journalistisch und unter etwashausen.de satirisch. Kontakt: thomas.rietig@rsv-presse.de

Von: Thomas Rietig für airliners.de
( Gastautor werden )
Nachrichten-Newsletter

Keine Nachricht verpassen mit unserem täglichen Newsletter.

Ich habe die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis genommen.

  • Reisende informieren sich an einer Hinweistafel am Flughafen Berlin-Tegel. Wohlfühl-Triple mit Flugzeug und Bahn

    Schiene, Straße, Luft (20) Verspätungen, Terminal-Räumungen, Streiks - alle meckern über Mobilitätsprobleme in diesem Sommer. Umso mehr wundert sich Verkehrsjournalist Thomas Rietig, wenn dann auf einer Reise mal alles klappt.

    Vom 24.08.2018
  • In München soll eine urbane Seilbahn entstehen. Das Flugtaxi an der Leine

    Schiene, Straße, Luft (22) Aus der vernetzten Mobilität wird wohl erst mal nichts. Ob Schiene, Straße oder Luft, im Verkehr fehlt es derzeit an Berechenbarkeit. Eine gute Gelegenheit, zur Besinnung zu kommen. Und für neue, luftige Ideen, meint Verkehrsjournalist Thomas Rietig.

    Vom 12.10.2018
  • Michael Kerkloh im Gespräch mit airliners.de. "Es werden nur noch Knappheiten verwaltet"

    Interview Münchens Flughafenchef Kerkloh fasst im Gespräch mit airliners.de zusammen, was das Moratorium bei der dritten Bahn für den Airport bedeutet. Er unterstreicht, dass die Piste auch eine Bedeutung für den gesamten Luftverkehrsstandort Deutschland hat.

    Vom 07.11.2018

Themen

Es gelten die Forenregeln und Nutzungsbedingungen » mit Unterstützung durch Disqus

Mehr Nachrichten »
Anzeige schalten
Mehr Stellenangebote »
Anzeige schalten »