Spaethfolge (153) ( Gastautor werden )

Aussichtsterrasse 2.0

02.10.2013 - 12:32 0 Kommentare

Das Schönste auf einem Flughafen ist es, den Flugzeugen zuzuschauen. Ich war schon als Kind viel auf Aussichtsterrassen. Die sind inzwischen leider oft verschwunden, aber jetzt gibt es neue Lounges mit grandiosen Außendecks.

Luftfahrtjournalist und Vielflieger Andreas Spaeth mit Beobachtungen und Erlebnissen aus der weiten Welt der Luftfahrt. - © © airliners.de -

Andreas Spaeth ist einer der führenden deutschen Luftfahrtjournalisten und freier Mitarbeiter vieler deutscher und internationaler Publikationen (u. a. Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Die Welt, Neue Zürcher Zeitung, Flug Revue). In dieser Eigenschaft ist er weltweit unterwegs, um über Luftverkehrsthemen zu berichten. Für airliners.de schreibt er exklusiv die Spaethfolgen-Kolumne, die zugespitzt, personalisiert, manchmal auch bewusst übertreibend oder provozierend Dinge und Erlebnisse aus seinen Recherchen aufgreift, die in üblichen Zeitungsartikeln keinen Platz haben.

Schon meinen sechsten Geburtstag feierten meine Eltern mit mir auf der Aussichtsterrasse des Hamburger Flughafens. Spätestens als ich mit 17 meine erste Kamera mit Teleobjektiv erstanden hatte, war ich hier Stammgast. Wann immer ich konnte, reiste ich in den Ferien mit dem Zug durch Deutschland und Nachbarländer, stets gehörte ein Besuch auf den Flughafen-Terrassen anderer Großstädte zu den Höhepunkten. Natürlich stand immer Frankfurt hoch im Kurs, die weiten Besucherflächen auf Rhein/Main und das üppige Verkehrsaufkommen blieben lange unübertroffen. Ich kann mich aber auch an grandiose Ausblicke von den Terminal-Dächern in Genf, Amsterdam, Zürich oder Paris-Orly erinnern, ja sogar an jene auf dem damaligen DDR-Zentralflughafen Berlin-Schönefeld.

Bei meiner ersten USA-Reise 1984 gab es auch am New Yorker JFK-Flughafen auf dem International Arrivals Building noch eine kleine Außenterrasse. Irgendwann aber dämmerte es mir, dass es nicht zum Menschenrecht eines Flughafenbesuchers gehört, überall mit Aussichtsterrassen verwöhnt zu werden. Und im Laufe der Jahre verschwanden viele ganz – angebliche Sicherheitsgründe und schlicht expandierende Flughafengebäude waren der Grund. So kam es in Amsterdam einmal vor, dass sich Umweltaktivisten von der Terrasse aus Protest auf Flugzeuge abseilten – eine längere Schließung der großzügigen Besucherflächen in Schiphol waren die unangenehme Folge. Ziemlich düster sah es vielerorts nach dem 11. September 2001 aus. Genau an diesem Tag, wenige Stunden vor den ersten Anschlägen in New York, stand ich in London-Heathrow auf dem Dach des damaligen Queens Building auf der Terrasse, nicht ahnend, dass dieser Aussichtspunkt noch am gleichen Tag endgültig Geschichte werden würde.

Inzwischen haben erstaunlich viele deutsche und europäische Flughäfen wieder Angebote für Flugzeugfans, denn die suchen sich meist ohnehin ihre Spots, ob mit oder ohne Zutun der Betreiber. Es werden sogar neue Terrassen eröffnet: Erst vor wenigen Wochen war ich in Helsinki, wo jetzt gegenüber dem Terminal auf einem Verwaltungsgebäude ein hübscher kleiner Ausguck existiert.

Doch ganz plötzlich gibt es auch eine neue Spielart, zunächst in den USA: Luxus-Außendecks auf Flughafendächern als Teil von Airline-Lounges. Gerade in Amerika wurde lange nicht mehr investiert, doch neuerdings geht es den US-Airlines sogar besser als den Europäern und sie geben sich manchmal richtig Mühe. Im Mai war ich in New York-JFK, wo Delta Air Lines als Teil ihrer neuen Lounge im erweiterten Terminal 4 das SkyDeck eröffnet hat. Sogar Richard Branson war da und gab sich sichtlich beeindruckt. Die schicke Einrichtung mit Sofas, Holzboden und Bartresen lockt Frischluftfans und der grandiose Blick über zwei Bahnen und einen weiten Vorfeldbereich in JFK bietet soviele Flugzeuge, dass man gar nicht weiß wo man zuerst hinschauen soll. Es lohnt sich also, möglichst üppige Umsteigezeiten einzuplanen oder lange vor Abflug da zu sein, wenn man hier Zugang hat. Eine Frechheit ist es allerdings, dass Delta ihre besten Kunden dreist abkassiert, wenn sie mehr als Käsestückchen und Kräcker essen wollen.

Wie es besser geht habe ich nun vergangene Woche erlebt, in Los Angeles. Die Star Alliance hat hier im erweiterten internationalen Terminal ihre neue Lounge eröffnet, die ich spontan als eine der besten der Welt bezeichnen würde. Grandioses Design, viel Platz und ein breites Angebot an allem, ohne Extrakosten, ist schon mal eine gute Grundlage. Weltklasse ist dann The Terrace, das Außendeck. In LA ist das Wetter meist so stabil gut, anders als in New York, dass sich die Investition hier wirklich lohnt. Bequeme Sitzmöbel, gelungene Gestaltung und sogar Heizstrahler schaffen einen großartigen Ort zum Abhängen. Zugegeben, der Blick auf die Flugzeuge ist nicht ganz so üppig wie in JFK bei Delta, und die vom Bau noch sehr schmutzigen Fenster konnten Fotografen zur Verzweiflung treiben. Dafür flackern abends in den Tischen hier draußen offene Gasfeuer, und mit Fernglas in der einen und einem eiskalten neuseeländischen Sauvignon Blanc in der anderen Hand gibt es kaum einen stimmungsvolleren Ort weltweit, um die Ästhetik des Fliegens zu zelebrieren. Sobald es dunkel wird sieht man wie eine leuchtende Perlenkette am Himmel aufgereiht die stets bis zu sechs gleichzeitig anfliegenden Maschinen, ein großartiges Schauspiel.

Das ist die wirklich zeitgemäße Weiterentwicklung der Aussichtsterrasse meiner Kindheit, sozusagen ihre 2.0-Variante. Schade nur, wenn ausgerechnet an einem solchen Abend der eigene Abflug tatsächlich pünktlich startet. Nirgendwo hätte ich mich mehr über eine Verspätung gefreut als hier.

Von: Andreas Spaeth für airliners.de
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